Der Obere Hardthof ist ein beliebtes Ausflugsziel für viele Gießener, doch hier wird auch geforscht.
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Der Obere Hardthof ist ein beliebtes Ausflugsziel für viele Gießener, doch hier wird auch geforscht.

Nicht nur Ausflugsziel

Oberer Hardthof in Gießen: Forschung in der Idylle

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Obere Hardthof ist ein beliebtes Ausflugsziel für viele Gießener. Was hinter den Toren der Einrichtung der Justus-Liebig-Universität passiert, wissen jedoch die wenigsten. So forschen die Wissenschaftler etwa an Schafen und versuchen, ihren Methanausstoß zu minimieren.

Arne Bodenbender und Sven König stapfen den Feldweg entlang. Wegen der Sonne müssen sie blinzeln, am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Links von den beiden Männern grast gerade eine Herde Schafe vor dem imposanten Bismarckturm. Drehen sich Bodenbender und König zur anderen Seite, können sie nicht nur Pferde sehen, die es sich vor ihren Boxen gemütlich gemacht haben, sondern auch zwei Hasen, die durch die Osterglocken hoppeln. Kein Zweifel, rund um den Oberen Hardthof ist es an diesem Morgen sehr idyllisch.

Bodenbender und König sind aber nicht zur Erholung hier. Sondern der Arbeit wegen. Der Obere Hardthof ist eine Einrichtung der Justus-Liebig-Universität. Die hier gehaltenen Tiere dienen den Mitgliedern des Instituts für Tierzucht und Haustiergenetik zu Lehr- und Forschungszwecken.

Oberer Hardthof in Gießen: Tierhaltung zu Lehr- und Forschungszwecken

»Bei den Schafen etwa sind unsere Forschungen im Bereich Ressourceneffizienz federführend«, sagt König, der an der JLU die Professur für Tierzucht und somit auch die wissenschaftliche Leitung des Hofs innehat. Da Schafe Wiederkäuer sind, stoßen sie Methan aus und befeuern so den Treibhauseffekt, erklärt König. »Deshalb messen wir mit mobilen Lasern den Methanausstoß der Schafe. Die Genetik, die weniger Methan ausstößt, kann dann selektiert und bei der Züchtung präferiert werden.« Dieser neue Forschungsansatz sei aber nicht nur mit Blick auf das Klima vorteilhaft. Denn mit dem Methan stoßen die Schafe auch Energie aus, die sonst ins Wachstum der Tiere ginge.

Bodenbender, der Betriebsleiter der Forschungseinrichtung ist, gibt an diesem Morgen den Gästeführer. »Wir haben hier oben 40 Milchkühe, 15 Mütterkühe, 350 Schafe, 112 Zuchtsauen mit Nachzucht, 30 Ziegen und sechs Pensionspferde von der Veterinärmedizin, an denen angehende Tierärzte Trächtigkeitsuntersuchungen durchführen können«. 280 Hektar Fläche gehören ebenfalls zur Einrichtung, auf der unter anderem Getreide angebaut wird. »Den Großteil verfüttern wir an unsere Tiere, nur einer kleiner Rest wird verkauft«, sagt Bodenbender und fügt an, dass die Schafe auch andernorts im Sinne der Landschaftspflege eingesetzt werden. So sorgen die vierbeinigen Rasenmäher zum Beispiel dafür, dass der 55 Hektar große Grünstreifen im US-Depot nicht verwildert.

Nicht alle Schafe sind an diesem Morgen auf der Weide. Dass noch eine große Menge im Stall steht, ist schon von weitem zu hören. Das Blöcken ist ohrenbetäubend und wird noch einmal lauter, als Bodenbender das Tor aufzieht. Das erste, was der Betriebsleiter sieht, ist ein Schaf, das auf einem Autoreifen sitzt.

Zugegeben nicht ganz freiwillig. Der Scherer hat es hier hin bugsiert, um das Tier besser von der Winterwolle befreien zu können. Neben ihm stehen mehrere Säcke voller Wolle. Das wird anschließend verkauft. Eine einträgliche Erwerbsquelle ist das jedoch nicht. Der Einsatz des Scherers ist teuer als das Ergebnis, sagt Bodenbender und erklärt damit, warum die Schafshaltung mehr und mehr aus der Landwirtschaft verschwindet.

Oberer Hardthof in Gießen: Erfassung der Gesundheitsdaten von Kühen

Auch dem kleinen Ziegengehge statten Bodenbender und König einem Besuch ab. »Manche Ziege haben Hörner, manche nicht. Mit Blick auf den Tierschutz ist es besser, wenn sie keine haben, da sie sich sonst verletzen können«, erklärt König. Seine Kollegin Prof. Gesine Lühken forsche daher an den Genen, die mit genetischer Hornlosigkeit verbunden sind.

Bodenbender und König setzen ihren Rundgang fort. Es dauert nicht lange, bis das hektische Bölken durch ein gleichmütiges Muhen abgelöst wird. »Wir erfassen hier schon seit Jahren die Gesundheitsdaten von Kühen«, sagt König. Dazu gehöre auch die genetische Ursachenforschung von Euterentzündungen, Stoffwechselstörungen und etlichen anderen Krankheiten. Die Milchqualität haben die Forscher ebenfalls im Blick. Im Stall angekommen, zeigt König auf den Huf eines Tieres. Am Gelenk ist ein Band befestigt, das nicht nur optisch an einen Fitnesstracker erinnert. »Mit den Sensoren messen wir Aktivitäten wie Laufen, Schlafen, Liegen. Das liefert akkurate Daten für Verhaltensstudien.«

Der Rundgang ist zu Ende, Bodenbender und König verabschieden sich. Man merkt den beiden Männern an, dass sie vom Hardthof angetan sind. Generationen von Tiermedizinern und Agrarwissenschaftlern, die hier oben Teile ihres Handwerks gelernt haben, dürften genauso empfunden haben: Eine landwirtschaftliche Forschungseinrichtung direkt vor den Toren der Stadt - und trotzdem mitten im Idyll.

Oberer Hardthof in Gießen: 100 Jahre Forschung

Der Obere Hardthof ist zirka 1800 aufgebaut worden. Er war lange Zeit im Besitz einer Familie, der auch der Untere Hardthof gehörte. Als im Ersten Weltkrieg beide Söhne fielen, starb die Familie aus, der Hof ging an die Stadt. Die wiederum überließ ihn der Universität, die hier seit 1923 lehrt und forscht.

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