Rückzug von Amtsinhaberin Grabe-Bolz

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: CDU und Grüne halten sich noch bedeckt

  • Burkhard Möller
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Der Rückzug von SPD-Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz aus der Stadtpolitik ist ein Paukenschlag und nach zwölf Jahren im Amt auch eine Zäsur. Was sagen die Koalitionspartner und Mitbewerber CDU und Grüne zu den Personalentscheidungen?

Mit Verständnis und Respekt für und vor der Entscheidung, nach zwölf Jahren nicht mehr für das Oberbürgermeisteramt zu kandidieren, haben Vertreter von CDU und Grünen, die mit der SPD seit 2016 eine Koalition bilden, auf den Rückzug von OB Dietlind Grabe-Bolz reagiert. Aus der SPD kam natürlich auch viel Lob für die Amtsführung hinzu. Was eigene Ambitionen hinsichtlich der OB-Wahl betrifft, hielten sich die Koalitionspartner zurück. Somit bleibt der SPD-Landtagsabgeordnete Frank-Tilo Becher vermutlich bis in den Sommer hinein der einzige Kandidat für die Direktwahl, die wohl am 26. September mit der Bundestagswahl stattfinden wird.

CDU »lässt sich nicht aus Reserve locken«

CDU-Partei- und Fraktionschef Klaus-Peter Möller: »Vom Rückzug der OB bin ich weniger überrascht als vom Zeitpunkt der Ankündigung. Aber nun ist es raus. Im Moment sehe ich keine Veranlassung, ihr ein Zeugnis auszustellen. Dafür ist noch Zeit. Wir als CDU lassen uns nicht aus der Reserve locken und halten an unserem Fahrplan fest. Erst bringen wir die Kommunalwahl hinter uns, dann bereiten wir die OB-Wahl vor. Für diese personenbezogene Wahl ist die direkte Ansprache durch die Kandidaten unerlässlich. Da wird im September hoffentlich mehr möglich sein als jetzt im Kommunalwahlkampf. Unsere Kandidatenentscheidung fällt wohl noch vor der Sommerpause. Sie ist eine Sache der Parteigremien. Denen greife ich nicht vor.«

Bürgermeister Peter Neidel (CDU): »Es ist eine Entscheidung der SPD, die ich zur Kenntnis nehme. Ich persönlich kann gut nachvollziehen, dass zwei Amtszeiten aufgrund des Alters der Oberbürgermeisterin genug sind. Das ist ja auch eine ordentliche Strecke. Ich gehe davon aus, dass wir bis zum Ende ihrer Amtszeit gut zusammenarbeiten werden. Wir werden in der CDU nach der Kommunalwahl beraten, wie wir uns aufstellen und welchen Kandidaten wir ins Rennen schicken. Dass ich OB-Kandidat werden würde, wird ja schon spekuliert seit ich im Amt bin. Im Moment kann und will ich dazu aber nichts sagen.«

Grüne: »Wir hätten gute Kandidaten«

Grünen-Fraktionschef Klaus-Dieter Grothe: »Der Zeitpunkt der Mitteilung, dass sie nicht mehr antritt, hat uns schon überrascht. Wir haben in der Vergangenheit sehr gut mit ihr zusammengearbeitet und müssen jetzt die Lage politisch neu bewerten. Das werden wir in den zuständigen Gremien in den nächsten Wochen tun. Ich bin sicher, dass es in unseren Reihen genügend geeignete Kandidatinnen und Kandidaten gibt, sodass wir ein gutes Personalangebot machen können, wenn die Parteigremien sich für eine eigene OB-Kandidatur entscheiden.«

SPD-Fraktionsvorsitzender Christopher Nübel: »Anfangs wurde Dietlind Grabe-Bolz als radelnde und singende OB belächelt, aber sie wird auf zwölf erfolgreiche Jahre zurückblicken können. Sie hat Gießen aus der Verschuldungskrise geführt und den Aufschwung der Stadt maßgeblich mitgestaltet. Sie hat dem Amt Würde gegeben und ist authentisch geblieben. Frank-Tilo Becher nominieren wir aus der Position der Stärke heraus, die wir bei der Kommunalwahl verteidigen wollen. Er ist genau die richtige Person für dieses Amt.«

Eine Zäsur für die Gießener SPD

Weggefährte Gerhard Merz: »Dietlind und ich sind über 40 Jahre Seite an Seite in der Politik unterwegs. Dass man nach so vielen Jahren und in dieser Altersgruppe diese Entscheidung trifft, kann ich nachvollziehen. Die zwölf Jahre im Amt hat sie einfach gut gemacht. Es war keine einfache Strecke, aber sie wusste immer, wo sie hinwill mit der Stadt. Sie ist durchsetzungsfähig und authentisch geblieben. Sie genießt ein hohes Ansehen in der Bevölkerung, und sie liebt diese Stadt. Für die Gießener SPD ist das eine Zäsur, aber wir haben einen guten Kandidaten.«

RÜCKBLICK: SEIT 2009 OBERBÜRGERMEISTERIN VON GIESSEN

Erste Frau: Dietlind Grabe-Bolz ist die erste Frau im OB-Amt der Stadt Gießen. Anfang Juni 2009 schlägt sie überraschend deutlich CDU-Rathauschef Heinz-Peter Haumann bei der Direktwahl. 55,5 Prozent entfallen auf die Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtparlament, 44,5 auf den CDU-Titelverteidiger.

Titelverteidigerin: 2015 verteidigt sie den Chefsessel im Rathaus gegen gleich drei Mitbewerber im ersten Wahlgang mit 53,6 Prozent. Schärfste Widersacherin ist Anja Helmchen von der CDU (36,2 Prozent).

Konstellationen: Als Grabe-Bolz 2009 die Amtsgeschäfte übernimmt, sitzt ihre SPD in der Opposition. Für rund eineinhalb Jahre muss sie sich mit der aus CDU, Grünen und FDP bestehenden Jamaika-Koalition arrangieren. Nach der Kommunalwahl 2011 kommt es zur Bildung ihrer Wunschkoalition aus SPD und Grünen, seit 2016 ist auch die CDU wieder im Regierungsboot und damit auch Partnerin der direkt gewählten OB.

Lange Karriere: Begonnen hat ihre stadtpolitische Karriere 1993 mit dem Einzug ins Stadtparlament. Nach der Kommunalwahl 2006 wird sie SPD-Fraktionschefin und Oppositionsführerin. Vor dem Wechsel ins OB-Amt war sie als Fachbereichsleiterin bei der Kreisvolkshochschule in Lich tätig.

Zuständigkeiten: Im aktuellen Magistrat verantwortet die OB unter anderem die Bereiche Finanzen, innere Verwaltung, Soziales, Kultur und Sport.

Musik und Sport: Bekannt ist die gebürtige Kasselanerin auch als Sängerin an der Seite von Kinderliedermacher Frederick Vahle. Dietlind Grabe-Bolz ist verheiratet mit Zahnarzt Uli Bolz, hat zwei Töchter und zwei Enkel. In der raren freien Zeit fährt sie gerne Rad oder schnürt die Laufschuhe für eine Runde durch den Schiffenberger Wald.

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