Grußwort abgelehnt

Oberbürgermeisterin verärgert Bundeswehr-Veteranen

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Der Traditionskreis der einst größen Gießener Bundeswehr-Einheit feiert Geburtstag. Zwei Frauen trüben die Stimmung.

Vor 25 Jahren war der Prozess der Demilitarisierung Gießens bereits in vollem Gange. Sie machte auch nicht Halt vor der Steubenkaserne und dem dort stationierten Raketenartilleriebataillon 52. Offiziell nahm die größte Gießener Bundeswehr-Einheit zwar erst im März 1993 Abschied von der Unistadt, aber in Erwartung des Abzugs hatte sich bereit im Jahr zuvor ein "Traditionskreis" gegründet. Am Freitagabend trafen sich über 100 frühere Berufs- und Zeitsoldaten sowie Zivilbeschäftigte des RakArtBatl 52 in der "Gießener Stube" zur Geburtstagsfeier. Sie stand auch unter dem Eindruck der aktuellen Debatte um die Bundeswehr und einer Entscheidung von Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, die bei den früheren Bundeswehr-Angehörigen für Verärgerung und Enttäuschung sorgte.

Die SPD-Rathauschefin hatte es – anders als Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) – abgelehnt, für das Jubiläumsheft des Traditionskreises ein Grußwort zu schreiben. Gegenüber dem Vorsitzenden Jürgen Marschinke hatte sie dies damit begründet, dass auch ihre Vorgänger im OB-Amt zu solchen Anlässen keine Grußworte geschrieben hätten. Dem Treffen der früheren Soldaten wünschte sie "viel Erfolg sowie dem Traditionskreis für die weitere Arbeit alles Gute".

In seiner Begrüßungsrede an die Ex-Kameraden sagte Marschinke, er sei "sehr traurig" über diese Entscheidung der OB. "Eine ganze Gruppe der Gesellschaft wird so ins Abseits gestellt", sagte der frühere Oberstabsfeldwebel. Die Begründung von Grabe-Bolz sei unsinnig, da der Traditionskreis noch keine größeren Jubiläen gefeiert habe. Der 70-Jährige erinnerte daran, dass die Bundeswehr "fester Bestandteil" der Stadt Gießen gewesen sei. Die Gießener hätten das RakArtBtl 52 als "Hausbataillon" angenommen. Die Bundeswehr sei nicht nur ein Wirtschaftsfaktor gewesen, sondern habe auch bei Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Waldbränden oder bei der Suche nach Vermissten sowie der Flüchtlingsunterbringung geholfen. Auch deshalb sei die Entscheidung der OB nicht nachzuvollziehen.

An den Tischen in der "Gießener Stube", deren Ex-Wirt Hubert Henning selbst als Truppenversorgungsfeldwebel zu der Einheit gehörte, ging es nicht nur um die alten Zeiten und die legendären Feiern im Soldaten- oder Unteroffiziersheim, sondern auch um die aktuelle Diskussion um den Zustand der Bundeswehr. Die Kritik von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Truppe habe ein "Haltungsproblem", hat auch die früheren Soldaten getroffen.

"Wir waren immer ein Teil der pluralistischen Gesellschaft und Staatsbürger in Uniform", sagte Lutz Schmid, der die Gründung des Traditionskreises vor 25 Jahren angeregt hatte. Mit ihren Äußerungen habe von der Leyen die Soldaten "unter Generalverdacht" gestellt.

Der frühere Stabsfeldwebel war eines der Gesichter der Bundeswehr in Gießen; nach dem Abzug seines Bataillons war er in der Bundeswehr-Fachschule in der Bergkaserne tätig. Der 68-Jährige erinnerte daran, dass die Bundeswehr im Kuratorium für Behinderte auch sozial engagiert war. Die Ablehnung eines Grußwortes durch das Stadtoberhaupt hat auch ihn getroffen. "Das enttäuscht uns", sagte der Langgönser. Das Verhältnis zwischen Bundeswehr und Kommunalpolitik sei eigentlich gut gewesen, auch wenn es vereinzelt Konflikte wie um die Rekrutenvereidigung auf dem Schiffenberg mit dem Großen Zapfenstreich gegeben habe.

Atomwaffenlager bewacht

Schmid und Jürger Gemmer, der den Bundeswehrverband bei der Jubiläumsfeier vertrat, gehören zu einer Generation, die über die Wehrpflicht zum Soldatenberuf kam. "Ich wäre nie Soldat geworden, wenn es die Wehrpflicht nicht gegeben hätte", erklärte Gemmer, der heute noch als Reservist aushilft, und zwar an höchster Stelle im Bundesverteidigungsministerium. Mit der Kritik der Ministerin ist der 59-jährige Reiskirchener nicht einverstanden. "Da werden alle über einen Kamm geschoren", meinte er.

Auch Lutz Schmid kam über die Wehrpflicht zum Soldatenberuf. "Man konnte viel Sport machen und hatte Zugang zur Technik." Er wäre allerdings nicht dabei geblieben, wenn er dauerhaft in der Begleitbatterie 5 hätte Dienst schieben müssen. Die Bewachung des Atomwaffenlagers bei Daubringen, für das diese Einheit zuständig war, wäre ihm auf Dauer zu öde gewesen.

Die Artillerieeinheit, deren Erkennungszeichen das Gießener Stadtwappen war, wurde Ende der 1950er Jahre aufgestellt und ins frühere "Scharnhorstlager" an der Licher Straße verlegt. Den Namen RakArtBtL 52 trug die etwa 500 Mann zählende Einheit ab 1965. Sie war zunächst mit Kurzstreckenraketen "Honest John" und später mit Raketenwerfern, die auf Lkw montiert waren, ausgerüstet. Vier Jahre nach dem Fall der Mauer zog das Bataillon aus Gießen ab, die nach Rheinland.Pfalz verlegten Nachfolgeeinheiten wurden 2007 aufgelöst.

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