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Nur »Mathilde« kehrte zurück

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Die Johanneskirche ist die größte evangelische Kirche in Gießen und mit einer Turmhöhe von 72 Metern auch das höchste Gotteshaus der Stadt. Das Gebäude ist hessisches Kulturdenkmal und prägt das Stadtbild. In seinem Turm sorgt unter anderem »Mathilde« für den richtigen Ton.

Der Tag des offenen Denkmals findet in diesem Jahr am zweiten Sonntag im September statt. Dann wird es aller Voraussicht nach wieder eine Gelegenheit geben, als Besucher auch den Turm der Johanneskirche zu begehen. Dass die dort hängenden Glocken eine besondere Geschichte haben, das kann man aber auch schon jetzt auf der neu gestalteten Homepage ihres Fördervereins (foerderverein- johanneskirche.de) nachlesen.

3000 Kilo, gegossen in Sinn

Von den ursprünglichen Glocken der 1893 in einem historistischen Mischstil aus Gotik und Renaissance errichteten Johanneskirche gibt es nur noch zwei alte Fotos. Eines zeigt zwei der großen Glocken auf einem Lastwagenanhänger wohl 1943 auf ihrem Weg nach Hamburg, wo sie zu Kriegsmaterial eingeschmolzen werden sollten.

Bereits im Ersten Weltkrieg hatte die dritte Glocke des ursprünglichen Geläuts der Johanneskirche das gleiche Schicksal ereilt. Somit blieb nur noch jene Glocke im Kirchturm hängen, die 1927 als Ersatz gegossen und feierlich in Empfang genommen worden war. Ähnlich erging es auch der Stadtkirche am heutigen Kirchenplatz, weil deren ebenfalls im Ersten Weltkrieg abgelieferte kleinere Glocke nicht wieder nach Gießen zurückkehrte.

Nur »Mathilde«, die mit drei Tonnen größte Glocke aus dem Stadtkirchenturm, blieb als einzige Gießener Glocke erhalten. Sie konnte allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg und der massiven Zerstörung der Stadt nicht mehr im schwer beschädigten Stadtkirchenturm aufgehängt werden und hängt seitdem im Turm der Johanneskirche.

Gegossen wurde »Mathilde« übrigens 1853 von Philipp Rinker im nahen Sinn aus dem Material einer Glocke von 1473 in einer der heute ältesten noch bestehenden Glockengießereien Deutschlands. Sie trägt die Inschrift »Eintracht und Beharrlichkeit 1853« und hat einen Durchmesser von mehr als 1,6 Meter sowie einen Schlagton a0.

Im Turm der Johanneskirche bekam »Mathilde« bald Zuwachs. 1947 erhielt die Johanneskirche eine dritte neue Glocke. Und als 1955 für den Stadtkirchenturm ein neues Geläut aus vier Stahlglocken gefertigt worden war, wechselte die Bronzene von 1927 aus dem Stadtkirchenturm in die Johanneskirche. Und nachdem 1956 noch eine weitere Glocke erworben wurde, umfasst das Geläut der Johanneskirche heute fünf prächtige Exemplare. Mit einem Geläut mit bis zu fünf Glocken lassen sich rund 120 in besonderen »Läuteordnungen« beschriebene Läutemotive realisieren. Ganz im Sinne Friedrich Schillers, dessen Gedicht von der Glocke so endet: »Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.«

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