Er will Gießens neuer Oberbürgermeister werden: Frank-Tilo Becher.
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Er will Gießens neuer Oberbürgermeister werden: Frank-Tilo Becher.

Interview zur Oberbürgermeisterwahl

Frank-Tilo Becher (SPD) tritt bei OB-Wahl an: „Nur Klimaschutz und Verkehrswende ist zu wenig“

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Frank-Tilo Becher - 58 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, evangelischer Pfarrer, später Dekan, seit 2018 Landtagsabgeordneter der SPD - will bei der OB-Wahl am 26. September neuer Oberbürgermeister von Gießen werden.

Herr Becher, welche Fähigkeit muss der neue Gießener OB mitbringen?

Die integrative Fähigkeit, ein Miteinander zu gestalten und dabei die verschiedenen Interessenslagen und Kulturen immer wieder auszutarieren.

Sie haben sich im Vorfeld sicher Gedanken gemacht, welche Eigenschaften Sie mitbringen. Aber was können Sie nicht?

Ich bringe viele Erfahrungen mit, zum Beispiel aus der Haushalts- und Personalführung der Kirche. Der Haushalt der Stadt hat aber eine andere Dimension. An solchen Stellen brauche ich ein starkes Team. Das wird für manche Bereiche gelten: Kommunalrecht zum Beispiel. Es wird mir daher sehr wichtig sein, teamorientiert zu arbeiten. Ich delegiere gerne mit echter Verantwortungsübertragung. Ich möchte eine Kultur fortführen und - wo es nötig ist - entwickeln, in diesem Rathaus gemeinsam in die Verantwortung zu gehen, die Anliegen der Bürger schnellstmöglich zu bearbeiten und nicht um Zuständigkeiten zu rangeln. Verwaltung sollte eine Dienstleistungshaltung haben. Es gibt sicher Bereiche, in denen sich Bürger Verbesserungen wünschen.

Zum Beispiel?

In der Pandemie haben Ehrenamtliche aus Sportvereinen bemängelt, dass ihre Ideen nicht kompatibel mit der Arbeitsweise der Verwaltung sind. Meine Idee ist, dass es einen Ort im Rathaus geben muss, an dem Ehrenamtliche andocken können. Dort bekommen sie Antwort. Die Prozesse im Hintergrund sind unser Problem. Das ist mein Verständnis von Verwaltung, wie ich sie auch in kirchlichen Strukturen aufgebaut habe.

Wie wird sich die Stadt unter Ihrer Führung verändern?

Ich möchte, dass wir Gießener noch selbstbewusster werden, weil wir erkennen, welche Qualitäten wir haben. Ich möchte, dass wir unsere Stärke in der Kultur und als Bildungsstadt mutig nach vorne stellen. Im Zusammenspiel mit den Hochschulen soll Gießen zu einem kreativen Ort werden, an dem junge Menschen erstmal schauen, ob hier nicht ein Platz ist, an dem sie mit ihrem Wissen bleiben können. Das geht bis zur Frage der Unternehmsgründung.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: „Kreative Orte in die Innenstadt holen“

Haben Sie für diesen Weg schon konkrete Ideen?

In der Wirtschaftsförderung brauchen wir Konzepte: Was brauchen diese jungen Menschen? Welche Orte? Welche Kooperationen? Das spielt auch in die Frage der Innenstadtgestaltung mit rein. Wir müssen kreative Orte in die Innenstadt holen. Ich würde gerne prüfen, ob wir Gießen als Gesundheitsstadt nicht zu einer Marke entwickeln können. Von außen wird die Stadt ganz stark über das Thema Gesundheit wahrgenommen, große Teile des Vogelsbergs kommen zum Facharzt oder ins Krankenhaus nach Gießen. In der Stadt ist die gesamte Gesundheitsbranche vertreten. Von Biotechnologie über Ernährung bis zu Sportangeboten. Die Pandemie hat gezeigt, dass Gesundheit für alle ein zentrales, existenzielles Thema ist.

Welche Dezernate werden Sie als OB übernehmen?

Das werde ich zunächst mit den Beteiligten besprechen. Man sieht aber, mit welchen Themen ich unterwges bin. Wenn ich eben von Wirtschaftsförderung gesprochen habe, von Stadtgestaltung und -entwicklung und Kultur, kann man ableiten, dass damit von meiner Seite auch Anmeldungen verbunden sein werden.

Man hat an Greensill gesehen, welche Bedeutung das Thema Finanzen hat. Sind Sie nicht der Meinung, der OB sollte die Verantwortung darüber in Form des Dezernats für sich reklamieren?

Ich glaube, dass ein OB bei den Finanzen ohnehin mit in der Verantwortung ist. Egal, ob er es als Ressort für sich reklamiert oder nicht. Wir werden an dieser Stelle - egal, wer die Zuständigkeit haben wird - eine sehr große gemeinsame Verantwortung tragen - auch vor dem Hintergrund all dessen, was in der Vergangenheit war. Dass in der Koalition und im Magistrat zuletzt an wichtigen Stellen zu viel Abgrenzung vorherrschte, statt an Schnittstellen miteinander zu arbeiten, kritisiere ich. Das soll unter meiner Verantwortung deutlich anders werden. Was ich vorhin über Verwaltung gesagt habe, ist nämlich auch meine Erwartung an die Koalition. Ich wünsche mir, dass wir uns gute Ergebnisse auch gemeinsam gutschreiben. Wir sind da, weil wir gemeinsam einen Auftrag der Bürger haben. Das gehört jede Woche montags ins gemeinsame Bewusstsein.

Sie gelten als eine überschäumende Ideenquelle. Fehlt Ihnen dabei manchmal der Fokus?

Interessant, dass Sie das fragen. Über mich selbst würde ich sagen, mein Optimismus ist mit großer Spontanität gepaart. Ich brauche Menschen, die mich einfangen. Das weiß ich. Ich brauche Menschen, die mich erinnern, der einen Idee konzentriert nachzugehen. Aber weil ich das weiß, sorge ich dafür. Als OB ist man ja permanent in Projektarbeit. Da benötigt man verschiedene Charaktere. Meinem Naturell entspricht es, gute Ideen reinzuwerfen, sie weiterzuentwickeln und spontan und flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Das ist eine meiner Qualitäten.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: Frank-Tilo Becher im Interview zu Klimafragen

Die Grünen setzen mit OB-Kandidat Alexander Wright im Wahlkampf voll auf die Monsterthemen Gießen2035Null und Verkehrswende. Finden Sie das richtig?

Das ist zu wenig. Es reicht nicht. Daher mein Angebot an die Stadt: Ich sehe die Notwendigkeit dieser Themen, versuche sie aber mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und Zusammenhalt auszubalancieren. Wir sind in einer Situation, in der wir die Frage der Klimaneutralität an keiner Stelle aussparen können, deswegen wird die Klimafrage Chefsache sein und mein ständiger Begleiter. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt Klimaschutzprojekte auflegen und dann erst gucken, wie wir Menschen in passende Wohnungen bekommen. Die Engführung auf das Thema ist nicht hilfreich und dient dem Klimaschutz nicht, denn dafür brauchen wir die ganze Breite der Bevölkerung.

In der Nordstadt dürfte das Thema bei vielen Menschen ohnehin nicht oben auf der Prio-Liste stehen.

Weil es sich auf einer Abstraktionsebene befindet, auf der es nicht lebensrelevant wird. Aber die Frage, wie meine Wohnung gedämmt ist und was das für die Nebenkosten heißt, geht sehr unmittelbar in die Lebenswirklichkeit. An diesen Stellen müssen wir im Gespräch sein. Ich möchte an den Punkt kommen, dass jede und jeder eine Idee davon hat, wie er oder sie einen Beitrag leisten kann. Ich möchte Angebote machen, statt Forderungen zu stellen.

Podiumsdiskussion am Samstag

Fünf Männer treten am 26. September zur Oberbürgermeisterwahl in Gießen an. Am Samstag (11.09.2021) stehen sie auf dem Prüfstand. Auf dem Kirchenplatz findet eine große Podiumsdiskussion mit den Kandidaten statt.

Welche Themen sind Ihre Monsterthemen?

Ich möchte den Standort Gießen als Handelsstadt erhalten und beleben. Da spielt das Thema Kultur rein, darüber und über den Bildungsstandort müssen wir eine Magnetwirkung entfalten, die den Handelsstandort stärkt. Das andere Thema ist Klimaneutralität und Klimaschutz und damit auch die Frage des Verkehrs. Damit schließt sich der Kreis zur gesunden Stadt. Das Thema Gesundheit kommt sehr nah zu den Menschen. Deswegen ist es für mich das Vehikel, um Nachhaltigkeits- und Verkehrswendethemen zu transportieren. Wenn wir weniger Autos rund um den Theaterpark haben und dafür mehr schöne grüne Orte, und wir merken, dass sie uns guttun, werden wir der Verkehrswende auch anders gegenüberstehen. Das dritte Monsterthema ist die Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Denn die Zuspitzung der sozialen Frage ist: Wer kann sich wo eine Wohnung leisten. Das fliegt uns um die Ohren.

Wie wollen Sie das lösen?

Wir müssen um Förderprogramme kämpfen, denn wir brauchen Unterstützung, und müssen mit der Wohnbau pfleglich umgehen. Es ist ein großes Pfund, dass wir noch eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft haben. Ich würde gerne auch Angebote machen für Menschen mit mittleren Einkommen und Wohnberechtigungsschein. Da müssen wir nachsteuern. Wir müssen aktive Wohnungsmarktpolitik betreiben.

Auch wenn seitens des Handels oft das Gegenteil proklamiert wird, lehnen viele Händler einen spurreduzierten Anlagenring ab. Wie wollen Sie dies mit dem Bekenntnis Ihrer Partei zum Verkehrsversuch unter einen Hut bringen?

Ich nehme wahr, dass die Verlautbarungen aufeinander zugehen und es das gemeinsame Ziel gibt, die Stadt für Fußgänger und Radfahrer freundlicher zu machen. Auch der Handel sieht darin gute Perspektiven. Ich finde gut, dass es den Verkehrsversuch gibt. Aber wir müssen uns auch der Realität stellen, dass es Autoverkehr gibt, der Menschen in die Stadt bringt und einen Ort zum Parken braucht.

OB-Kandidat Frank-Tilo Becher sieht „autoarme“ Gießener Innenstadt

Ist die autofreie Innenstadt mit Ihnen also nicht zu machen?

Ich spreche von der autoarmen Innenstadt. Dafür finde ich das Konzept, den Brandplatz autofrei zu gestalten, interessant. Das würde ich gerne sorgfältig prüfen, denn es könnte unserer Stadt hohe Attraktivität bringen.

Und wo bleiben Autos?

Die Pkw von morgen kennen wir noch nicht. Vielleicht brauchen sie nur ein Drittel Platz, weil sie dichter am E-Bike konzipiert sind. Ich strebe an, dass Gießen in solchen Fragen Modellregion wird.

Zur attraktiven Innenstadt zählt auch, dass sich Menschen sicher fühlen. Kann man das in Gießen noch?

Ich denke ja, nehme aber wahr, dass es andere anders erleben. Und es gibt auch Vorkommnisse, die besorgniserregend sind. Die Polizei kann da mit Zahlen entdramatisieren, denn manchmal ist die subjektive Wahrnehmung eskalierend. Ich finde, Gießen ist keine unsichere Stadt.

Da würde ich gerne einhaken. 2010 gab es in Gießen 24 Straftaten mit Stichwaffe. 2020 gab es 102.

Das ist nicht akteptabel. Wir müssen mit der Polizei Konzepte finden, das zu verhindern. Man muss sich dem vielschichtig nähern und schauen, wer daran beteiligt ist. Wir müssen uns auch fragen, wie wir in dieser Stadt miteinander umgehen wollen. Catcalling zum Beispiel wird oft als Flirten abgetan, kann aber eine Bedrohung für Frauen sein. Vielleicht brauchen wir eine Kampagne, dass wir das in unserer Stadt nicht wollen. Ich werde klare Signale setzen, was hier geht und was nicht.

Bringen Sie diese Zahlen mit Migration zusammen?

Dahingehend, dass wir in der HEAE Probleme produzieren. Wir bringen Menschen, die auf die Abschiebung warten mit denen zusammen, die ankommen. Als OB würde ich in Wiesbaden mit Nachdruck darauf hinweisen, dass wir das in unserer Stadt ausbaden.

Wie geht es aus am 26. September?

Ich biete mich als Mensch mit sozialdemokratischer Haltung an, der seit 27 Jahren hier lebt und mit seiner Lebenserfahrung ein guter OB für diese Stadt wäre. Ich hoffe, das sehen viele so und dass ich damit in die Stichwahl komme.

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