Wort zum Sonntag

Notwendiger Widerspruch

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Streit nervt. Meinungsverschiedenheiten sind lästig. Aber da, wo sich alle einig sind, droht auch Gefahr. Da wächst nämlich das Risiko, das eigene Denken absolut zu setzen, Selbstkritik zu vernachlässigen.

Widerspruch ist notwendig. Er gehört zur Menschlichkeit und zur Demokratie. Er hilft gegen Filterblasen und Echokammern - nicht nur amerikanischen Präsidenten. Auch uns.

In den letzten Wochen habe ich in verschiedenen Kreisen erregte Einigkeit erlebt - und manches Mal den Widerspruch vermisst. Die Themen berühren: Corona-Maßnahmen, A 49-Protest, Morde im Namen von Religion… Oft schienen sich alle Anwesenden einig. Bestärkten sich gegenseitig. Als wäre alles andere undenkbar. Andere Sichtweisen wurden vernachlässigt.

Dabei gibt es immer mehrere Perspektiven auf ein Thema. Die Bibel lädt zum Perspektivwechsel ein, mahnt ihn an. Widerspruch braucht Mut. Und manchmal braucht er auch Provokation, Überspitzung und Polemik, um sich gegen die erregte Einigkeit Gehör zu verschaffen.

Das ist nicht schlimm, wenn es dem Nachdenken dient - und Zweifel sät. Zweifel sind wertvoll, eröffnen andere Gedankenwelten und Positionen. Sie gestalten das Denken und die Demokratie. Rechthaberei will sie verhindern.

In den nächsten Tagen erinnern wir uns wieder daran, wohin eine Gesellschaft ohne Widerspruch und Zweifel führt. Die November-Pogrome von 1938 zeigen, wie erregte Einigkeit jeden Widerspruch überrollte und in unseren Dörfern und Städten verbrannte Gebäude und blutige Erde zurückließ.

Der 1924 in Würzburg geborene jüdische Dichter Jehuda Amichai, der sich nach Israel retten konnte, schreibt in einem Gedicht: "An dem Ort, an dem wir recht haben, / werden niemals Blumen wachsen." Hier sei die Erde "zertrampelt und hart".

Was hilft? "Zweifel und Liebe aber / lockern die Welt auf / wie ein Maulwurf, wie ein Pflug. / Und ein Flüstern wird hörbar / an dem Ort, wo das Haus stand, / das zerstört wurde."

Markus Ihle

ev. Schulpfarrer

Theodor-Litt-Schule Gießen

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