Der frühere Fußballprofi Norbert Nachtweih (l.) spricht mit Sporthistoriker Dr. René Wiese über sein Leben, seine Karriere und die Flucht aus der DDR, die ihn zunächst nach Gießen geführt hat. FOTO: CSK
+
Der frühere Fußballprofi Norbert Nachtweih (l.) spricht mit Sporthistoriker Dr. René Wiese über sein Leben, seine Karriere und die Flucht aus der DDR, die ihn zunächst nach Gießen geführt hat. FOTO: CSK

Norbert Nachtweihs bewegtes Leben

  • vonChristian Schneebeck
    schließen

Ein junger Fußballer aus dem Osten sorgt in der Bundesliga für Furore. Während die Mauer noch steht. Norbert Nachtweihs Geschichte lehrt einiges über die deutsch-deutsche Sporthistorie. Am Samstag erzählte der Ex-Profi von Eintracht Frankfurt sie in Gießen - wo er sich 1976 bei einem Stadtteilverein fit gehalten hatte.

Der Gesichtsausdruck hat die Jahrzehnte überdauert. "Er war total verdutzt", erinnert sich Norbert Nachtweih an jenen Moment, als ihm im Herbst 1976 ein Amerikaner seine Hotelzimmertür in Istanbul öffnete. Etwa zwei Wochen später erreichten Nachtweih und Teamkollege Jürgen Pahl, beide U21-Fußballnationalspieler der DDR, den Gießener Meisenbornweg. Die Flucht war geglückt - und zwei große Bundesligakarrieren nahmen ihren Lauf. Ebenso routiniert wie spannend erzählt der 63-Jährige seine filmreife Geschichte am Samstag im Hermann-Levi-Saal des Rathauses. "Eigentlich war das Ganze ja ein Streich", sagt er zum Beispiel, ehe die Rede wenig später auf das Notaufnahmelager kommt. Besonders die Armut vieler Menschen dort habe ihn nachdenklich gestimmt: "Da hatte man sehr gemischte Gefühle."

Als Nationalspieler in Kleinlinden

Eindrucksvoll illustriert Nachtweihs Karriere die deutsch-deutsche Sporthistorie im geteilten Staat. Sie beginnt in den frühen 70er-Jahren in Halle, beim HFC Chemie. Bereits als Nachwuchskicker habe man "mindestens doppelt so viel trainiert wie die Spieler im Westen", berichtet Nachtweih dem Gießener Publikum, das vor allem aus Jugendkickern der TSG Wieseck besteht. Die Plackerei diente Sport und Politik fast gleichermaßen. Denn Siege auf dem grünen Rasen sollten nach sozialistischer Maxime stets die Überlegenheit des Gesellschaftssystems bezeugen. Folglich waren Wettkämpfe zwischen Ost und West in der Partei gern gesehen. Anfangs.

Welche Aufs und Abs die Sportpolitik im Laufe der Jahrzehnte durchlief, skizziert am Samstag Dr. René Wiese (Zentrum deutsche Sportgeschichte). "Annäherung, Fluchten und Polit-Skandale. Eintracht Frankfurt, die DDR und das runde Leder im Kalten Krieg" heißt sein Vortrag. Prinzipiell habe die DDR-Führung die Athleten gebraucht, "um mit dem Westen ins Gespräch zu kommen", erklärt der Historiker. Phasen intensiver Kontakte wechselten sich aber immerzu mit Durststrecken ab. So entschied der Deutsche Sportbund 1952, alle Kontakte abzubrechen. Bereits im nächsten Jahr war diese Idee wieder Makulatur. Dem Mauerbau 1961 folgte eine entsprechend lange Eiszeit, dann 1974 das deutsch-deutsche Sportprotokoll.

Fortan konnten sich westdeutsche Clubs - von der Bundesliga bis zur Kreisklasse - für Gastspiele in der DDR bewerben. Anhand etlicher Quellen demonstriert Wiese, wie minutiös jedes Match nunmehr geplant wurde. Meist gelang es der Partei durchaus treffsicher, Gegner auf ähnlichem Niveau zusammenzubringen. Allzu viele Ost-West-Duelle, die in der DDR als "internationale Spiele", in der BRD dagegen als "Freundschaftsspiele" firmierten, kamen aber gar nicht zustande.

Dass die bundesdeutschen Mannschaften fußballerisch regelmäßig besser waren, blieb unterdessen auch Nachtweih und seinen Kollegen kaum verborgen. "Ob wir da mithalten könnten", sei für sie eine häufige Frage gewesen. Die Gelegenheit, in den Westen zu flüchten, eröffnete sich während der U21-Europameisterschaft 1976 in der Türkei. Am Rande eines Spiels in Bursa habe er einen amerikanischen Touristenführer kennengelernt, erzählt Nachtweih. Dieser bot den Kickern unkomplizierte Hilfe an und bestellte Nachtweih, Pahl sowie einen anderen Mitspieler, die tags darauf mit dem Team ohnehin nach Istanbul reisten, zum konspirativen Gespräch ins Hotel.

Bloß damit, dass dieses stattfinden würde, rechnete er offenbar nicht. Vom Hotel ging es für Nachtweih und Pahl weiter - erst in die amerikanische, dann in die deutsche Botschaft. Sie baten um Asyl und erreichten über München schließlich Gießen. Weil die Eintracht aus Frankfurt zwei Toptalente auf dem Silbertablett serviert bekam, endete der Aufenthalt in Mittelhessen zwar bald. Kurzzeitig trainierte Nachtweih aber sogar beim TSV Kleinlinden mit. Von der Eintracht wechselte er 1982 zu Bayern München.

Keine Angst vor der Stasi

Wie eine ähnliche Karriere heute möglich ist? "Mit Training, Training und noch mal Training", bläut der Ex-Profi den Wiesecker Talenten ein. Bei aller sportlichen Fachsimpelei geht die Botschaft des Tages beinahe unter. Nein, Angst vor der Rache der Stasi habe er im Westen nie gehabt, betont Nachtweih. "Ich glaube auch nicht, dass jemand überleben kann, wenn er permanent fürchtet, umgebracht zu werden."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare