Die Wohnbau-Neubauten in der Fuldastraße sind alle vermietet, aber Bewohner aus den entmieteten Blocks der Werrastraße sind kaum darunter. FOTO: MÖ
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Die Wohnbau-Neubauten in der Fuldastraße sind alle vermietet, aber Bewohner aus den entmieteten Blocks der Werrastraße sind kaum darunter. FOTO: MÖ

"Niemand wird gezwungen"

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Das Sanierungskonzept für das Flussstraßenviertel ist nicht völlig unumstritten. Der Mieterverein sieht nun erste Anzeichen, dass der Umbauprozess zu Lasten der alteingesessenen Bewohner geht und spricht von "Mietervertreibung". In einem Punkt wird der Mieterverein von der Wohnbau bestätigt, die ihr Konzept ansonsten verteidigt und um die Altmieter wirbt.

Keine Gardinen oder Jalousien mehr, kein Mensch zeigt sich hinter den geschlossenen Fenstern. Es sind Anzeichen, dass sich auch in der Werrastraße und im Schwarzlachweg bald etwas tun wird. Etwa die Hälfte der knapp 60 Wohnungen in den maroden Werrastraßen-Blocks aus den 1950er Jahren stehen leer und werden von der stadteigenen Wohnbau Gießen GmbH auch nicht mehr vermietet werden. Ihr Konzept für diesen Bereich des Flusstraßenviertels sieht eine Neubebauung vor.

Aber bis die Bagger rollen, wird es noch etwas dauern. "Es gibt da keinen Zeitdruck", sagt Wohnbau-Sprecherin Susann Balser-Hahn. Sie meint damit nicht nur den eigenen Planungs- und Baustab, sondern auch die dort noch wohnenden Mieter. Vorausgesetzt, sie verfügen über einen Wohnberechtigungsschein, könnten sie unter anderem in den Neubau Fuldastraße 4 einziehen, der im Herbst fertig wird.

Beim Mieterverein in Gießen hat man Zweifel, ob die alteingesessenen Mieter dieses Angebot annehmen werden. Mit Blick auf den bereits erfolgten Bezug der Neubauten in der Fuldastraße 6 bis 8 stellte Vorsitzender Stefan Kaisers dieser Tage in einer Presseerklärung fest, dass "nur ein sehr kleiner Teil der Altmieter" aus den zum Abriss bestimmten Gebäuden in der Werrastraße und dem Schwarzlachweg dort eingezogen seien. In Gesprächen hätten diese Mieter die höheren Mieten, den Wohnungszuschnitt, das gewöhnungsbedürftige Wohngefühl in den Passivhäusern und das Fehlen von Aufzügen in den Neubauten als Hinderungsgründe angegeben, erklärte Kaisers. Er spricht von "Mieterverdrängung", vor der Stadt und Wohnbau während der Erstellung des "Integrierten Quartierkonzepts" immer wieder gewarnt worden seien. Nun zeige sich gleich beim ersten Umsetzungsschritt, dass es neben der baulichen eine "schleichende soziale Sanierung" im Flussstraßenviertel stattfinde. Bei den nächsten Projekten dürfe nicht weiter an den Bedürfnissen der Bewohnerschaft "vorbeigeplant" werden.

Durchmischung bleibt Ziel

Kaisers wird von der Wohnbau insofern bestätigt, dass "nur wenige" Mieter aus der Werrastraße das Angebot angenommen hätten, in die Fuldastraße 6-8 umzuziehen. "Dazu wird niemand gezwungen", betonte Balser-Hahn. Es sei auch richtig, dass die Mieten in der Werrastraße deutlich unter sechs Euro lägen, während die Miethöhe in den Neubauten der Fuldastraße bei 6,50 bis 6,80 Euro liege. Ein Hemmnis sei auch der Umstand, dass die Werrastraßen-Mieter keinen Wohnberechtigungsschein benötigten, während der für den Bezug einer Neubauwohnung in der Fuldastraße nötig sei. Was die Wohnbau dagegen so nicht stehen lässt, ist der vom Mieterverein erhobene Vorwurf der Fehlplanung.

Die Rahmenplanung für das Flussstraßenviertel habe die nächsten 25 bis 30 Jahre im Blick und basiere auf einer intensiven Einbeziehung der "aktuellen Bewohnerschaft", um das Gebiet "milieusensibel" weiterzuentwickeln. Ein Thema sei dabei auch stets der Zuschnitt der Wohnungen gewesen. Die Mieter seien darüberhinaus durch die Mietermitbestimmung der Wohnbau eng in den Gestaltungsprozess eingebunden. Gleichzeitig sei es aber auch ein Ziel des Konzepts für das Flussstraßenviertel, dort zu einer besseren sozialen Durchmischung der Bewohnerschaftt zu kommen, um das Gebiet aufzuwerten und zukunfstfähig zu machen, fügte Balser-Hahn hinzu. Insofern sei es zu begrüßen, dass in der Fuldastraße auch Neumieter eingezogen seien.

In diesem Zusammenhang bekräftigte die Wohnbau ihren Wunsch, das in Gießen der Wohnberechtigungsschein auf Haushalte mit mittlerem Einkommen erweitert wird. Aber diese Entscheidung liege beim Land Hessen.

Das ist auch die Linie der Koalition im Stadtparlament. Grünen-Fraktionschef Klaus-Dieter Grothe brachte es einmal so auf den Punkt: "Wir brauchen eine soziale Durchmischung. Ich will nicht, dass es für Jugendliche auch noch in 20 Jahren ein Problem ist, wenn Werra- oder Fuldastraße als Wohnadresse in der Bewerbung stehen."

Die Wohnbau nutzte die GAZ-Anfrage zur Kaisers-Kritik, um das Angebot an die verbliebenen Mieter in der Werrastraße zu erneuern, bezogen auf den Neubau Fuldastraße 4. Dieses Gebäude werde als erstes im Flussstraßenviertel über einen Aufzug verfügen, wodurch alle Wohnungen barrierefrei erreichbar seien. Balser-Hahn: "Interessenten mit Wohnberechtigungsschein können sich bei der Wohnbau melden."

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