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Nie wieder »Bloodland«

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Von: Burkhard Möller

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Marieluise Beck bei ihrem Vortrag in der Uni-Aula. © Burkhard Moeller

Von der Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre über die Jugoslawienkriege, den Abschied der Grünen vom Pazifismus bis zum »imperialen Aufbäumen« Russlands: Auf eine facettenreiche Zeitreise hat die frühere Grünen-Politikerin Marieluise Beck Zuhörer bei der vorletzten Veranstaltung des Uni-Präsidenten zum Ukrainekrieg mitgenommen. Gegen Ende wurde es emotional und laut.

Durch die Sitzreihen in der Aula der Universität geht ein Murmeln. »Da war ich auch«, sagt einer. »Ich auch«, »ich auch«, antworten zwei andere Zuhörer. Es war der 22. Oktober 1983, als in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn die größte Demonstration der Friedensbewegung gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenatomraketen Pershing II stattfand. Mehr als eine halbe Million Menschen sollen damals in Bonn unterwegs gewesen sein, auch aus Gießen waren viele mit Sonderzügen und Bussen angereist. Die Demonstration, auf der der frühere SPD-Bundeskanzler Willy Brandt sprach und gnadenlos ausgepfiffen wurde, markierte nicht nur den Höhepunkt der Friedensbewegung in der alten Bundesrepublik, sondern den ersten Höhenflug der jungen Partei »Die Grünen«.

Marieluise Beck gehörte 1983 der ersten grünen Bundestagsfraktion an, am Dienstagabend steht sie auf dem Podium der Uni-Aula. Die Haare sind immer noch so kurz wie damals, aber eisgrau. In der vorletzten Veranstaltung der Ringvorlesung von Uni-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee zum Krieg in der Ukraine schlägt die frühere Bundespolitikerin und Mitgründerin des Zentrum Liberale Moderne einen Bogen von der damaligen Auseinandersetzung um die Stationierung amerikanischer und sowjetischer Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine. Zuerst erwähnt sie die riesige Demo im Bonner Hofgarten und spricht über die Irrtümer von damals - die der Friedensbewegung, die ihrer Partei und ihre persönlichen. »Wir waren damals überzeugt, dass Waffen niemals Frieden schaffen können. Das war falsch«, sagt Beck. Sie erinnert daran, dass die Friedensbewegung, in der viele das »Ungleichgewicht des Schreckens«, das die damalige UdSSR durch die Stationierung der SS20-Raketen in Mittelosteuropa zuerst geschaffen habe, nicht sehen wollten, »nicht unerheblich« aus der damaligen DDR finanziert worden sei. Versuchte Einflussnahmen auf die Meinungsbildung hierzulande, »die uns heute wieder begegnen«, stellt Beck fest.

Ihren Pazifismus habe sie im Laufe der Kriege im früheren Jugoslawien abgelegt. Das Leid der unbewaffneten Bosnier, die auch ein »Pseudo-Blauhelm-Mandat« der Vereinten Nationen nicht vor den Massakern durch die bosnischen Serben habe schützen können, habe »die Perspektive sofort gedreht« und, so Beck, »mein Leben auf den Kopf gestellt und das der Grünen auch«.

Besondere deutsche Verantwortung

Becks entschiedenes Eintreten für die militärische Unterstützung der Ukraine hat viel mit der historischen Verantwortung zu tun, die die 70-Jährige bei Deutschland sieht. In diesem Zusammenhang verweist sie auf den amerikanischen Historiker Timothy Snyder, der mit den »Bloodlands« ein Schlüsselwerk vorlegte, in dem es um die Verheerungen geht, die der Zweite Weltkrieg und der Stalinismus in den Gebieten Osteuropas, die vom Baltikum im Norden bis in die Südukraine reichen, angerichtet hatte. Allein in der Ukraine seien 1,5 Millionen Juden von den Deutschen quasi händisch bei Massenerschießungen und -verbrennungen umgebracht worden. Dagegen seien von der deutschen Okkupation nur zehn Prozent des heutigen Gebiets der Russischen Föderation betroffen gewesen. Bereits vorher habe Stalin mit seiner Hungerpolitik - in der Ukraine als »Holodomor« bezeichnet - ein »Land ohne Menschen« schaffen wollen. Das Fügen unter russische Vorherrschaft und das erzwungene Negieren einer eigenen Identität gehörten zur »historischen DNA« der Ukraine. Beck: »Das muss man wissen, um zu verstehen, warum sich dieses Land so entschieden wehrt, wieder unter das Dach Russlands zu gehen.« Eines Russlands, das sich zum totalitären Staat entwickelt habe und von Putin »asiatisch verortet« werde, während sich die Ukraine dem demokratischen und modernen Westen zugehörig fühle.

In diesem Kontext übt Beck auch Kritik an der SPD. Selbst nach der Annektion der Krim seien die Sozialdemokraten aus Rücksicht gegenüber Russland 2017 im Bundestag nicht zur Zustimmung zu einem Antrag der Grünen zu bewegen gewesen, in dem die besondere Verantwortung Deutschlands für die Ukraine betont worden sei. Auch zwei Fragesteller sehen die Rolle der SPD kritisch. »Unerträglich« sei es, dass etliche Führungsfiguren der Sozialdemokratie »gut Freund« mit Putin gewesen seien, sagt einer unter Beifall. Beck spricht von einer »Illusion«, die die SPD von Russland bis zum 24. Februar gehabt habe, äußert aber auch mit Blick auf die Parteichefs von CDU und FDP Zweifel. So falle ihr auf, dass die »wunderbare Löwin« Strack-Zimmermann bei FDP-Chef Lindner keine rückhaltlose Unterstützung erfahre, und CDU-Vorsitzender Merz mache auf sie auch nicht den Eindruck, restlos überzeugt zu sein, was die Unterstützung der Ukraine betreffe.

Apropos Illusion: Die, wonach nach einer möglichen Einverleibung der Ukraine durch Putin alles so wie früher wird, zerstört Beck. Erreiche Putin seine Kriegsziele in der Ukraine, werde Russland nach zwei- oder dreijähriger Atempause weitermachen, dann in Moldau und den baltischen Staaten mit ihren russischen Minderheiten. »Wenn Russland jetzt nicht gestoppt wird, wird es weitergehen mit den Kriegen«, sagt Beck.

Die über der Vorlesungsreihe stehende Frage, ob das »unser Krieg« ist, bestimmt die Diskussion mit dem Publikum, die kurz aus dem Ruder läuft, als zwei Zuhörer lautstark aneinandergeraten. Der eine schreit, nachdem er Beck zuvor heftig kritisiert hat: »Das ist nicht unser Krieg«, der andere schreit »doch« zurück. Da sich die Gemüter nicht beruhigen wollen, droht Gastgeber Mukerhjee mit der Anwendung des Hausrechts.

Als die Veranstaltung kurz danach endet, macht im Saal die Nachricht die Runde, dass Deutschland nun doch Kampfpanzer an die Ukraine liefern will. SPD-Kanzler Scholz ist beim »Blick hinter den Mond« (Beck) fündig geworden.

Die letzte Veranstaltung der Ringvorlesung findet am Montag, 30. Januar, ebenfalls um 19 Uhr in der Uni-Aula statt. Zu Gast wird dann Prof. Martin Schulze Wessel, Mitglied der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission, sein. Thema: »Krieg um die Geschichte«.

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