Stadttheater

Nichtsein mit voller Power

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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In Shakespeares »Titus Andronicus – Ein Machtspiel« geht es um Machtgier, Gewalt und noch mehr Gewalt. Tarek Assam macht ein Tanzstück daraus. Und wie!

Wenn sich beim zweiten Musikstück das Spiegelwandpodest im Bühnenhintergrund hebt und Feldherr Titus mit seinen fünf gotischen Gefangenen die dunkle Szenerie betritt, um sogleich einen der Geschundenen, die sich wie Würmer über den Boden winden, zu erschießen, ist klar: Das wird heute kein Zuckerschlecken. Nach dem düsteren Geschwisterdrama »Der Untergang des Hauses Usher« von Edgar Allan Poe stellt Tanzdirektor Tarek Assam mit »Titus Andronicus – Ein Machtspiel« nach William Shakespeare am Samstag eine neue verstörende Choreografie im Stadttheater auf die Bühnenbretter des Großen Hauses. Und, ja, es wird noch düsterer.

Es geht um Macht, Intrigen und Gewalt. Vor allem um Gewalt. Der zierlichen Lavinia (Caitlin-Rae Crook in ihrer eindringlichsten Rolle), die zunächst mit der Stimme von Susanna Curtis Shakespeare zitiert, wird von den beiden Tamora-Söhnen Chiron und Demetrius (top: Lorenzo Rispolano und Yusuke Inoue) vergewaltigt und danach, wenn der Vorhang bereits gefallen ist, verstümmelt. Die Hände werden ihr abgehackt und die Zunge herausgerissen, damit sie ihre Peiniger nicht verraten kann. Im zweiten Akt schwankt Lavinia hilflos umher und stammelt Gurr- und Gluckslaute.

Mit einem Stock in ihrem Mund schreibt sie die Namen ihrer Schänder in den Sand, damit Vater Titus die Tochter rächen kann. Der fackelt nicht lange und verarbeitet die Brüder zu einer pinkfarbenen Marshmallow-Pastete. Kaiserin Tamora (kraftvoll, biegsam und mit Chuzpe: Magdalena Stoyanova) verspeist ihre beiden Söhne nichtsahnend während eines dekadenten Festmahls.

Titus tötet zuvor seine verstümmelte Tochter mit einem Kopfschuss, da sie seiner Ansicht nach nicht mehr lebensfähig ist in dieser harschen Welt. Am Ende streckt der Feldherr alle nieder, ehe er selbst von Kaiser Saturnius (brillant und ausdrucksstark: Iacopo Loliva) erschossen wird. Der fällt ganz am Schluss einem unbekannten Sohn von Titus zum Opfer – die Welt startet quasi mit einem Druck auf die Reset-Taste neu. Doch besser, nein, besser wird sie auch mit diesem Herrscher nicht.

Die noch junge 14-köpfige Tanzcompagnie hat unter der Obhut von Tanzdirektor Assam in »Titus Andronicus« eine große Reife erlangt. Die Gruppenszenen verfügen über Saft und Kraft. Sven Krautwurst zeigt als tragischer Titelheld die hohe Kunst der Körperexplosionen, bei denen ein Normalsterblicher bereits vom bloßen Zusehen den Orthopäden aufsuchen will. Zwei intensive Soli darf das Bewegungswunder beisteuern. Der Krautwurst-Dance allein ist das Eintrittsgeld wert. Assam setzt trotz der Gewalt auf leichtfüßige, aber dynamische Pas de deux, auf impulsive Ensembleszenen, die bis in die detailverliebten Gesten seine Handschrift tragen. Der Tanzdirektor lässt seine Protagonisten mit Feingefühl agieren und setzt so Kontrapunkte zum Inhalt des Stücks. Er konterkariert bisweilen das Sujet, ohne es zu veralbern, und formt ein eindringliches Werk, das auch im Hier und Heute spielen könnte.

Das Bühnenbild von Fred Pommerehn und die Kostüme von Gabriele Kortmann kennzeichnen ein Endzeit-Feeling, das eher an »Mad Max« denn an den von Assam anvisierten Film noir eines Alain Delon erinnert. Kortmann präsentiert den zeitlosen Look junger Leute und hat ein Händchen für Effekte, wenn sie etwa Lavinia zu Beginn in hellblaue Unterwäsche steckt, um sie nach der Vergewaltigung in Rot zu zeigen. Pommerehn hat aus Altmetall eine vielteilige Installation geschaffen, die ein ums andere Mal vom Schnürboden herabschwebt, wenn die Vergänglichkeit einer pathologischen Gesellschaft unterstrichen werden soll. Auch der Bauklötzchen-Palast von Saturnius ist nur von kurzer Dauer. Nichtsein lautet die Antwort.

Der Musik des Abends ist ein pulsierender Sound, komponiert von einem Trio, das auf den Namen 48nord hört. Ulrich Müller, Siegfried Rössert und Patrick Schimanski sind seit Jahren im Geschäft und legen eine Partitur mit 14 Nummern vor, die ihre Faszination aus einem drängenden Elektroparcours in Verbindung mit dem live aufspielenden Philharmonischen Orchester Gießen zieht. Renaissance-Klänge treffen auf Rhythmusmaschine und E-Gitarre vom Band. Kapellmeister Martin Spahr führt mit weit ausholenden Gesten durch die Klippen dieses Kompositionszwitters.

Die Cello-Soli steuert Thorsten Oehler bei. Er wird zum meistbeschäftigten Mann im Orchestergraben. Countertenor Zvi Emanuel-Marial gibt vom Hoverboard aus mit seinem Gesang nach Shakespeare-Texten und Renaissance-Melodien sowie einem barocken Purcell-Einsprengsel den intriganten Tamora-Liebhaber Aaron. Er ist das gelungene Zusatzelement in diesem stromstarken Abend. Die prächtige Performance der Tanzcompagnie geht unter die Haut.

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