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Besonders Claus van Bebber (r.) sorgt mit seinen Plattenspielern für einen "Schimmer von Wirklichkeit in Zeiten des digitalen Hypes." FOTO: AXC

Nichts Digitales

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Das Analog Terzett beschließt die zweite [Pausen]Raum-Reihe mit Neuer und zeitgenössischer Musik im Rathaus. Gute Nachricht am Rande: Am 25. März beginnt mit "Musik im [Pausen]Raum3" die Fortsetzung der Reihe.

Gegen den Gießener Frank Rühl ist Ex-Led Zeppelin Jimmy Page geradezu ein Waisenknabe. Wer das E-Gitarrenspiel des Briten mit dem Geigenbogen für kreativ hält, würde staunen angesichts der - gelinde gesagt - ungewohnten Gitarrenutensilien, die Rühl wie Operationsbesteck auf einem Tablett vor sich und seiner selbst gebauten E-Klampfe platziert hat. Neben einer Vielzahl von Plektren und Bottlenecks finden sich dort auch Fingerhüte, Holzstäbe, Handventilatoren, kleine Steine und ein Schneebesen, mit denen Rühl, Mitbegründer des Gießen Improvisers Pool, seiner Gitarre äußerst farbige Klänge und Töne - und nur ab und zu rockähnliche Läufe - entlockt. Auch ein E-Bow, ein kleines Gerät, mit dem er über die Saiten gleitet und obertonreiche Klangveränderungen erzielt, kommt zum Einsatz. Aber alles ist rein analog - auch die überschaubare Anzahl an Pedalen. Einen "Schimmer von Wirklichkeit in Zeiten des digitalen Hypes" verspricht das Programm des Terzetts, und so sind auch die Samples, die Claus van Bebber beisteuert, 100 Prozent Retro.

Alte Plattenspieler

Der gemütliche Vollbartträger sitzt an drei Plattenspielern aus den 50er/60er-Jahren (noch mit Kristalltonabnehmern und 16-78 U/min), legt große und kleine Vinylplatten mit Musik- oder Sprachaufnahmen auf und fügt höchstens noch ein bisschen - natürlich analog produzierte - Verzerrung hinzu. Ein angebrachter Metallbügel sorgt dafür, dass die Nadel immer im selben Teil der Rille bleibt - analoger kann man eine Endlosschleife nicht erzeugen.

Rühl und van Bebber sind beim Auftritt im Pausenraum vor gut 30 Zuhörern fast pausenlos im Einsatz, während Joachim Zoepf seine ohne jeglichen technischen Schnickschnack gespielte Bassklarinette (bzw. Sopransaxofon) auch mal schweigen lässt. In dem ersten, halbstündigen, voll improvisierten Stück erfüllen seine Beiträge noch am ehesten die traditionellen Musikparameter Melodie, Harmonie und Rhythmus. Und doch ist es faszinierend, wie die ebenso fordernde wie augenzwinkernde Ton-/Klanglandschaft des Terzetts im Laufe der Zeit immer "musikalischer" (im engeren Sinne) erscheint. Dabei ist schwer zu sagen, ob das am musikalischen Geschehen liegt oder an dem Bestreben der Zuhörer, in das Gespielte eine Struktur hineinzuhören.

Im zweiten Teil - die Improvisation dauert sogar 40 Minuten - rücken van Bebbers Samples mehr in den Vordergrund - einerseits durch den Rhythmus, der sich durch das "Hängenbleiben" an der immer gleichen Stelle ergibt, andererseits durch unerwartete Samples wie einen vinylknisternden Englischkurs.

Die Zuhörer sind durchweg begeistert und erklatschen sich noch eine gut zehnminütige Zugabe, die sich - nicht zuletzt durch Samples von einer Glocken-LP - zu einem fast feierlichen Finale steigert.

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