Nicht nur für Klavierliebhaber

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Anders als bei Sinfoniekonzerten ist die Stimmung, wenn musikalischer Nachwuchs im Großen Haus auftritt. Die Kooperation des Stadttheaters mit der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, der hessischen Theaterakademie und weiteren Institutionen trug auch dieses Mal zur Bereicherung des heimischen Musiklebens bei.

Seit einigen Jahren treten Absolventen der renommierten Hochschule am Main zusammen mit dem Gießener Philharmonischen Orchester auf, beweisen künstlerische Reife und Souveränität vor großem Publikum. Am Montag bot das Examenskonzert mit Werken von Ludwig van Beethoven, Hector Berlioz und Johannes Brahms ein attraktives Programm im Großen Haus, handelte es sich doch bei den beiden Klavierkonzerten um Marksteine der Konzertliteratur, und bei Berlioz Liedern "Les Nuits d’Eté" um einen stimmlich und auch darstellerisch anspruchsvollen Programmpunkt.

Im vollbesetzten Musentempel führte Diana Sahakyan in ihre Sicht von Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll ein, das mit großen dynamischen Kontrasten dem Temperament der gebürtigen Armenierin entgegenkam. Sahakyan hat ihre Ausbildung in Eriwan begonnen und ihr Masterstudium in Frankfurt 2016 mit "sehr gut" abgeschlossen. Dort absolviert sie den Exzellenzstudiengang Konzertexamen bei Oliver Kern.

Titanisch wirkende Kadenz

Ihr kraftvoller Einstieg und eine geradezu titanisch wirkende Kadenz machte den ersten Satz zur Visitenkarte ambitionierten Ausdruckswillens; leichte Unsicherheiten waren kaum bemerkbar. Im Largo überzeugte sie mit angemessen romantischer Gestaltung, und das Schlussallegro spiegelte neben ausgezeichneter Technik ihren energiesprühenden Zugriff in einem fulminanten Schluss. Bemerkenswert das diffizile Zusammengehen mit dem Orchester vor der Coda! Hier soll dem Klangkörper und Kapellmeister Martin Spahr am Pult ein besonderes Lob ausgesprochen werden. Schaffte er es doch, dem nicht nur räumlich oft sehr im Vordergrund stehenden Flügel mit angepasstem Ensemblespiel flexibel Paroli zu bieten.

Sowohl für die Philharmonie als auch für Solistin Martha Jordan bildeten Berlioz französisch gesungene sechs Lieder eine Sternstunde der Stilsicherheit. Durchsichtiger Klang, unendliche Linien und das überwiegend dunkle Pathos waren bestens aufgehoben bei der auf Opern- und Konzertbühnen erfahrenen Mezzosopranistin. Ausgebildet in Berlin und Frankfurt bei Julie Kaufmann und Hedwig Fassbender, vermittelte Jordan eine atmosphärisch dichte Welt aus Landschafts- und Stimmungsschilderungen. Mit in allen Lagen ausgewogen tragender, dabei leichtgewichtig wirkender Stimme und schönen Einsätzen verlieh sie den Gedichten von Théophile Gautier die subtilen Nuancen zwischen Schmerz und Fröhlichkeit. Träumerisch entrückt "Le Spectre de la Rose", dramatisch und melancholisch "Sur les lagunes", "Absence" und "Au cimetière", gerahmt von den optimistischen "Villanelle" und "L’Ile inconnue" – eine anspruchsvolle, gelungene Interpretation!

Sven Bauer – der schmale junge Mann mit Brille im Aufbaustudiengang Konzertexamen in Frankfurt entpuppte sich als Pianist der Spitzenklasse. Da stimmte bei Brahms 1. Klavierkonzert d-Moll einfach alles. Überragende Technik in brillanten Läufen, Wechsel starker Emotionen in durchdrungenem Anschlag und Kongruenz mit dem Orchester unter dem hochkonzentrierten Dirigat.

Der international musizierende vielfache Preisträger hat bei Lev Natochenny in Frankfurt die russische Schule technischer Perfektion im Einklang mit gefühlsbetonter gestalterischer Stukturierung verinnerlicht und machte "seinen Brahms" zu einem atmenden, facettenreichen und virtuosen Erlebnis. Nach gewittrigem Maestoso ließ er einen breit ausformulierten Adagio-Part mit gespenstisch anmutenden Orchester-Passagen kontrastieren. Über den markanten Schlusssatz mit vollem Einsatz von Solist und Ensemble lobende Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Athen tragen. Der begeisterte Applaus für Bauers Leistung war entsprechend überschwänglich. (Foto: Archiv)

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