Der Wissenschaftsstandort Deutschland kann von Corona profitieren, meint JLU-Präsident Mukherjee. ARCHIVFOTO: SCHEPP
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Der Wissenschaftsstandort Deutschland kann von Corona profitieren, meint JLU-Präsident Mukherjee. ARCHIVFOTO: SCHEPP

"Nicht jede Konferenz erfordert Reisen"

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Gießen(kw). Die Wissenschaft solle "Taktgeber" sein für die Welt nach Corona. Das fordert Joybrato Mukherjee, Präsident der Gießener Justus-Liebig-Universität, in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit". Er plädiert unter anderem für virtuelle Kommunikation statt Dienstreisen. Auf GAZ-Anfrage räumt der 46-Jährige ein: Die derzeit praktizierten digitalen Formate hätten Nachteile, gerade wenn sich Forschergruppen erst noch finden müssen.

Digitaler Austausch "hat Grenzen"

In seiner Funktion als Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes appelliert Mukherjee an die Wissenschafts-Gemeinde: "Lernt planetares Denken!" Die Pandemie werde die Welt verändern. Die Wissenschaft könne Wege aufzeigen, wie "unser Handeln für diese Erde verantwortbar ist".

Im Interesse des Klimaschutzes solle internationale Forschung und Lehre "befreit sein vom Zwang physischer Mobilität. Wir merken gerade, wie viel virtuell möglich ist", so Mukherjee. Online-Formate sollten überall, wo es sinnvoll ist, physische Begegnungen ersetzen oder ergänzen. "Nicht jede Konferenz erfordert Hunderte Flugreisen." Bis vor kurzem hätten virtuelle Auslandsaufenthalte nach Science-Fiction geklungen. Nun vergebe das europäische Austauschprogramm Erasmus Stipendien für ein rein digitales Semester in einem anderen Staat.

Im GAZ-Gespräch verweist Mukherjee darauf, dass auf diese Weise ein Auslandsstudium auch für Menschen möglich werde, die sich den physischen Aufenthalt bisher nicht leisten können. Das sage er "wohl wissend, dass das nicht das Gleiche ist. Es gibt Grenzen. Wir merken das zurzeit." Der persönliche Kontakt werde noch lange "der Kern" des Austauschs bleiben. Für Wissenschaftler, die sich gut kennen, reichten jedoch manchmal Videokonferenzen aus. Man solle vor jeder Reise abwägen, ob sie nötig ist, bekräftigt Mukherjee ein Umdenken, das die JLU schon seit Längerem vorantreibt.

Im "Zeit"-Artikel hebt er außerdem hervor, dass Deutschland als Wissenschaftsstandort international an Attraktivität gewinne, wenn es die Corona-Krise weiterhin so gut bewältigt. In Zeiten der "Fragmentierung" der Staaten könne Wissenschaft Europa stärken und ein Vorbild sein für weltweite Kooperation "auch mit schwierigen Partnern".

"Planetar" sei keineswegs ein reiner Modebegriff und nicht gleichbedeutend mit global, unterstreicht Mukherjee auf Nachfrage. Es gehe darum, die Erde mit ihren endlichen Ressourcen als Gesamtes zu sehen. Er verweist auf das "Panel on Planetary Thinking", das die JLU kürzlich ins Leben gerufen hat. Das Projekt will Nachhaltigkeitsforschung aus vielfältiger Perspektive vorantreiben.

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