Wandern kann man auch in Städten, finden Katrina Friese und Andreas Eikenroth, die Autoren der Bücher "Warte, ich komme mit...". Die Schuhe würden sie dann aber tauschen. SCHEPP
+
Wandern kann man auch in Städten, finden Katrina Friese und Andreas Eikenroth, die Autoren der Bücher "Warte, ich komme mit...". Die Schuhe würden sie dann aber tauschen. SCHEPP

Region erkunden

Neues von den Gießener Wanderbotschaftern

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
    schließen

Mit ihren Wanderbüchern haben Katrina Friese und Andreas Eikenroth den Zeitgeist getroffen. Im Interview sprechen die Gießener über die Faszination des Wanderns für junge Menschen, ihr drittes Buch und die Idee, einer möglichen Wanderregion ein Gesicht zu geben.

Sie haben sich 2017 mit dem Wanderbuch "Warte, ich komme mit..." zum Ziel gesetzt, die Region zwischen Gießen, Marburg und Wetzlar - was das Wandern angeht - aus dem Tiefschlaf zu holen. Ist das geglückt?

Andreas Eikenroth:Wir arbeiten weiter daran. Und es ist eine Herausforderung. Im Vergleich zum Taunus oder zum Hunsrück oder auch zum Vogelsberg ist das Gießener Umland als Wanderregion weiterhin verhältnismäßig unbekannt, und es präsentiert sich auch eher bescheiden. Es wäre schön, wenn sich das ändern würde, denn es gibt in dieser Gegend zwischen Gießen, Marburg und Wetzlar einfach sehr viel zu entdecken.

Katrina Friese:Das Wandern in der Region kommt bei den Leuten an. Das schließe ich auch aus den Verkaufszahlen. Der erste Band ist wieder vergriffen und wird nachgedruckt. Gerade arbeiten wir an einem dritten Band, wenn der erschienen ist, haben wir insgesamt 60 Wanderungen in der Region aufgeschrieben. Das sollte doch zu einer Wanderregion reichen.

Eikenroth:Im dritten Buch werden mehr selbst eruierte Wanderungen zu finden sein. Wir haben die Gegend noch besser kennengelernt und ich habe mir extra ein E-Bike gekauft, um die Wege abzufahren und zu konzipieren. Die Rabenau wird im Mittelpunkt stehen, die haben wir letztes Jahr für uns entdeckt. Da gibt es echt abgefahrene Ecken.

Was zeichnet unsere Heimat als Wanderregion denn aus?

Eikenroth:Ganz überraschende Aussichten zum Beispiel. Ich bin immer wieder erstaunt, wie weit man von einer kleinen Anhöhe aus gucken kann, oft bis in den Taunus oder zum Hoherodskopf. Diese Weite bietet eine ganz besondere Freiheit.

Friese:Ich finde, die Region ist sehr entspannt zu erwandern. Ein niedrigschwelliges Alltagswandern, man benötigt nicht unbedingt die dicken Wanderschuhe, trotzdem ist es sehr besonders.

Eikenroth:Wald, Felder, Flüsschen, Schlösser, Burgen - und Streuobstwiesen. Typisch hessisch. Gießen liegt einfach wunderschön. Selbst der größte Gießen-Hasser sagt, aber die Landschaft, die ist geil.

Friese:Wenn man sich ein wenig von der Stadt entfernt, spürt man oft eine Ursprünglichkeit. Einige Dörfer sehen im Ortskern noch aus wie vor 100 Jahren und erzählen Geschichten von früher. Ich mag am Wandern auch das Laufen durch die Zeiten. Wenn man Dinge erwandert, erlebt man sie noch einmal neu. Die Burg Staufenberg zum Beispiel haben wir Gießener am Horizont alle schon abgespeichert, aber wenn man sich ihr zu Fuß nähert, wirkt sie anders.

Die Faszination Wandern ist seit einigen Jahren jetzt ungebrochen. Gerade junge Menschen scheinen immer häufiger Gefallen daran zu finden.

Friese:Ja. Wir waren gerade im Schwarzwald unterwegs und haben dort so viele junge Leute mit Wanderrucksäcken auf den Wegen getroffen.

Woran liegt das?

Eikenroth:Die Wege sind spannender geworden. Früher ist man oft kilometerweit auf breiten Forstwegen geradeaus durch langweiligen Nutzwald gelaufen. Ich erinnere mich zurück, dass Wandern als Kind oft ziemlich zäh war. Heute gibt es viele Premiumwanderwege mit schmalen Pfaden, verwunschene Orte, tolle Aussichten. Wandern ist ein Erlebnis für alle Sinne geworden.

Friese:Ich glaube, der Wunsch, sich in der Natur aufzuhalten, wird immer stärker. Es ist eine Art Konterentwicklung zu der Partyzeit in den 90er Jahren, als es nichts Größeres gab, als nächtelang in Clubs abzuhängen. So für die Menschen ab Mitte 20 scheint statt Nachtleben nun auch die Natur zum Abenteuer geworden zu sein. Draußen leben ist momentan unglaublich hip.

Eikenroth:Ich glaube, es schwingt auch so ein bisschen Sehnsucht mit nach Vergangenem, eine Neoromantik. Jedes dritte Cover von Wandermagazinen ist eine Version von "Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich. Wir leben teilweise in einer vergleichbaren Situation wie vor 100 oder 150 Jahren. Damals war es die Industrialisierung, heute ist es die Digitalisierung, die in den Menschen einen Wunsch nach Ursprünglichkeit entfacht.

Eine These könnte auch sein, dass gerade das Internet durch die Wanderportale jüngeren Menschen eine Tür in die Natur und zum Wandern geöffnet hat.

Friese:Das kann vielleicht sein. Gute Schuhe sind zwar wichtiger als Wander-Apps, aber ohne das Netz hätten auch wir viele tolle Touren jedenfalls gar nicht erst gefunden. Wir ziehen den alten Wanderführer aus dem Jahr 1973 auch eher nur zur Inspiration aus dem Regal.

Eikenroth:Stimmt. Früher sind alle den Rennsteig lang, heute findet man eine Menge mehr Wege zur Auswahl. Was sich auch verändert hat, ist, dass Wandern für die Älteren eher ein gemeinschaftliches Erlebnis in einer größeren Gruppe ist. Sie wandern auch viel längere Strecken. Seit ein paar Jahren sind da eben auch andere Aspekte dazugekommen. Die Natur ist das Highlight, nicht die Geselligkeit. Dem Durchschnittswanderer reichen heute auch etwa zwölf Kilometer - und am liebsten hat er einen Rundweg.

Treffen Sie bei Ihren Wanderungen denn häufig auf Wanderer mit Ihren Büchern in der Hand?

Friese:Nein. Das liegt aber daran, dass wir die Wege eher selten selber laufen, sondern lieber neue Routen erkunden. Freunde erzählen uns aber hin und wieder davon. Es vergeht allerdings kaum ein Samstag, an dem wir auf dem Wochenmarkt nicht auf unsere Bücher angesprochen werden oder zum Signieren aufgefordert werden. Das hätte ich nie erwartet.

Das hört sich so an, als wären Sie die perfekten Botschafter für eine Wanderregion im Gießener Land.

Friese:Das finden wir auch. Wir haben daher deswegen sogar schon das Gespräche mit dem Landkreis gesucht, allerdings sind unsere Bemühungen und Ideen dort irgendwie versandet. Wir haben die Wege, wir haben Illustrationen und Fotos. Wenn man sieht, wie viel Geld andere Städte und Regionen in die Hand nehmen, kann man schon ein wenig traurig werden, dass hier offenbar das Verlangen nach einer Entwicklung einer Wanderregion nicht besonders groß ist.

Eikenroth:Das ist sehr schade, denn das Gießener Land hat auf jeden Fall Potenzial für mehr als nur eine handvoll Premiumwanderwege. Allerdings benötigt man dazu auch mal eine Wellnessbank an einem Aussichtspunkt, gepflegte Rastplätze und eine gute Beschilderung der Wege. Ehrenamtliche würden dabei sicher helfen, man kann das aber nicht alles auf Wandervereine abschieben.

Friese:Damals hieß es, dass sei Aufgabe eines Planungsbüros. Das stimmt natürlich, aber man benötigt auch die Wege, die Ideen, Besonderheiten und Wiedererkennungswert. Unser Angebot, der Wanderregion eine einzigartige Identität zu geben, stieß beim Landkreis bisher auf wenig Resonanz.

Aber davon lassen Sie sich den Spaß am Wandern und Entdecken nicht nehmen.

Friese:Auf keinen Fall. Für uns ist das eine wunderschöne Betätigung. Und eine Form von Freiheit.

Eikenroth:Wir sind Genusswanderer. Wir genießen das und machen mal ein Nickerchen auf der Wiese oder picknicken am Waldrand.

Friese:Wir sind vielleicht auch nicht die typischen Wanderer, die man gleich im Kopf hat, wenn man ans Wandern denkt. Vielleicht spiegeln das unsere Bücher auch ein bisschen wider. Ich finde, Wandern ist nun mal einfach großartig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare