Neuer Kunstchef im Kiosk

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Wenn ein Mittvierziger sein Amt als Vorsitzender an einen 27-Jährigen übergibt, dann kann man wohl nur bedingt von einem Generationswechsel sprechen. Doch genau das ist das Ziel im Neuen Kunstverein Gießen.

Der Verkehrslärm auf der Kreuzung Grünberger/Licher Straße ist im ehemaligen Kiosk am Alten Friedhof nicht zu überhören. Auf den Stufen davor sitzt Till Korfhage und wartet auf Kundschaft. Eine Gruppe Senioren kommt vorbei und fragt nach dem Weg zum Haupteingang des Friedhofs. Dass der Neue Kunstverein im Inneren des früheren Kiosk Arbeiten des jungen Künstlers Max Bodenstedt zeigt, bemerken sie nicht. Schade, denn am ungewöhnlichen Ort gibt es ungewöhnliche Kunst zu sehen – und selbst wer Gießens kleinsten Austellungsraum nicht betritt, kann durch die Scheiben des früheren "Max hat’s" hineinschauen. "Jedes Wochenende sind Nasenabdrücke an der Scheibe zu sehen", erzählt Korfhage.

Der 27-Jährige ist der neue Vorsitzende des Kunstvereins. Gerade erst hat die Mitgliederversammlung des rund 200 Mitglieder starken Vereins zugestimmt, dass Korfhage die Nachfolge von Markus Lepper antreten kann. Er soll für frische Ideen, neue Künstler und ein junges Publikum sorgen.

Zwölf Jahre lang hatte Lepper die Geschicke des Vereins geleitet und die Arbeit des Gründungsvorsitzenden Prof. Marcel Baumgartner erfolgreich fortgesetzt. Doch nun sei es Zeit, an einen Jüngeren zu übergeben, betont Lepper. "Ein Kunstverein ist kein Museum. Er soll am Puls der Zeit bleiben." Bereits vor zwei Jahren hatte er angekündigt, sein Amt in jüngere Hände legen zu wollen, nun kann der Wechsel vollzogen werden. "Es ist für einen Kunstverein wichtig, dass neue, junge Leute kommen, die auch etwas Neues machen", ist sich Lepper sicher, der im Hauptberuf als Studienrat am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Kunst und Ethik unterrichtet und immer wieder an der Universität in den Fachbereichen Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Philosophie lehrt.

Till Korfhage kann als neuer Kunstvereinsleiter nicht nur auf Leppers Unterstützung bauen, sondern auch auf ein bewährtes Team zurückgreifen. Zweite Vorsitzender ist Claudia Stamm, die ihr Atelier Kornboden35 geschlossen hat und sich nun verstärkt im Neuen Kunstverein engagieren will. Mit im Vorstand sind auch Andreas Walther und Katja Ebener-Krüdener sowie Schatzmeister Erhard Waschke, der diesen Part schon seit 2011 übernimmt.

"Ich bin kein Kunsttheoretiker, eher Kunstschaffender", erzählt Korfhage. Gerade erst hat er seine Tischlerlehre in Bad Soden und Frankfurt abgeschlossen. Aufgewachsen ist er in Biebertal und Gießen und hat sich hier in der freien Kunstszene engagiert. Bei diversen Zwischennutzungen, etwa in der Ludwigstraße 6 oder in der Schanzenstraße, war er dabei, er hat im rauschhaus Künstler präsentiert und ist im "nomadisierenden Theaterstaat" Mobile Albania aktiv, der "dreidimensionale, durchquerbare Vorstellungen" im städtischen Raum organisiert. Freischaffend betreut Korfhage aktuell Bühnenbilder für ein Tanzstück am Frankfurter Gallustheater und "Frankfurt lab", im Dezember ist eine seiner Arbeiten im Frankfurter Mousonturm zu sehen. Ob sich der Neue Kunstverein denn nun mehr von der bildenden Kunst in Richtung performative Kunst bewegen wird, dazu kann Korfhage noch nichts sagen. Schließlich sei eine Performance eher eine kurzzeitige Angelegenheit und im Neuen Kunstverein gelte es ja auch, den Ausstellungsraum als solchen zu nutzen.

Der Neue Kunstverein finanziert sich aus Beiträgen seiner Mitglieder und städtischer Förderung. Rund 10 000 Euro stehen somit jedes Jahr zur Verfügung. Neben Ausstellungen im ehemaligen Kiosk bestreitet der Kunstverein auch regelmäßig einmal pro Jahr eine Schau im KiZ, dem großen Ausstellungsraum in der Kongresshalle. Als nächste Veranstaltungen stehen vom 1. bis 4. Juni die Werkschau der Angewandten Theaterwissenschaften an, am 6. Mai (16 Uhr) gibt es zum Abschluss der aktuellen Ausstellung ein Künstlergespräch mit Max Bodenstedt und an diesem Tag wird auch eine Publikation zu dessen Ausstellung erscheinen. Vom 10. Juni bis 15. Juli wird Nicola Schudy installative Arbeiten im Kiosk zeigen. Der Kunstverein bietet zudem eine Exkursion zur Documenta in Kassel an (Interessenten können sich unter Tel. 06 41/2 50 94 44) melden. Und wer eine Ausstellung im Kunstkiosk an der Ecke Nahrungsberg/Licher Straße besichtigen will, kann das samstags von 14 bis 17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter der gleichen Telefonnummer tun – oder eben einfach voller Neugier seine Nase an die Fensterscheibe drücken.

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