Zwei Restauratoren im Einsatz: Stefan Beck (links kniend) kümmert sich um den Stein, Wulf Stehr (r.) um das Metall, etwa die gusseisernen Rosetten der Einfassung. FOTO: DKL
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Zwei Restauratoren im Einsatz: Stefan Beck (links kniend) kümmert sich um den Stein, Wulf Stehr (r.) um das Metall, etwa die gusseisernen Rosetten der Einfassung. FOTO: DKL

Neuer Glanz für Luises Grab

  • vonDagmar Klein
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Besuchern des Alten Friedhofs sind sie längst aufgefallen: das Toilettenhäuschen und der gelb leuchtende Bauwagen im mittleren Bereich des Geländes. Sie gehören zur Baustelleneinrichtung des Restaurators, der seit fast zwei Monaten den Grabstein Lenz in akribischer Feinarbeit restauriert.

Aktuell laufen Arbeiten zur Restaurierung am Grabstein Lenz auf dem Alten Friedhof. Dafür wurde am Grab selbst eine Art Überbau mit Plastikplanen als Wetterschutz errichtet. Warum aber wird dieser Stein vor Ort restauriert? Andere Grabsteine wurden abgebaut und in einer Werkstatt bearbeitet. "Dazu hat es mehrmals Gespräche mit dem Chefrestaurator und der Bezirkskonservatorin vom Landesdenkmalamt gegeben", erklärt Gießens städtischer Denkmalschützer Joachim Rauch. Aufgrund der erheblichen Steinschäden habe man sich nach sorgfältigem Abwägen für das Arbeiten vor Ort entschieden. "Der graugelbe Sandstein ist durch zahlreiche tiefe Risse so stark geschädigt, dass die Materialverluste bei einem Abbau und Transport einfach zu groß wären." Nun also wird das für Luise Lenz (gest. 1880) errichtete Grabmal vor Ort gereinigt und instandgesetzt.

Hier arbeitet Restaurator Stefan Beck, der schon vielen Fragestellern sein Vorgehen erklärt hat. Er liebt seine Arbeit und freut sich, wenn Menschen daran interessiert sind. Er ist Mitarbeiter der beauftragten Firma Nüthen Restaurierungen in Erfurt, die für Gießen bereits die Bahnhofstreppe und das Bergkasernen-Relief restaurierte.

Poröser Sandstein wird verfestigt

Das Reinigen mit feinen Bürsten kann man sich noch vorstellen, aber was passiert beim Festigen des Steins? Dafür werden an zuvor bezeichneten Stellen Löcher gebohrt und Glasfaserstäbchen eingeschoben. "Die sind elastisch und machen die natürliche Binnenbewegung des porösen Sandsteins mit, geben ihm aber zugleich Stabilität", erläutert Beck. Die Risse und die noch sichtbaren Öffnungen werden mit farblich angeglichener Steinersatzmasse wieder verschlossen.

Auch die hellen Stellen in der Giebelzone werden farblich noch angepasst, "das ist nur Schutzschlemme", erläutert Beck. Zwar wird der gesamte Stein vorsichtig gereinigt, aber es werden keine Fehlstellen ergänzt. "Die historische Anmutung und die Patina bleiben erhalten. So geht Denkmalpflege heute vor." Im Kleinen wie im Großen. Das wissen interessierte Gießener spätestens seit der bestandsichernden Restaurierung der Schiffenberg-Basilika vor wenigen Jahren.

Beim Reinigen wurde einiges vom Detailreichtum dieses Grabsteins sichtbar, das vorher verborgen war. Es gibt diverse Zierleisten und Ornamente, und am Sockel entdeckte Beck drei Zeilen eines Gedichts. Diese sind allerdings so schwach eingeritzt, dass man sie kaum lesen kann. "Vermutlich war die Schrift mal gelb-gold eingefärbt, ich habe Farbspuren gefunden." Um die Lesbarkeit zu verbessern, soll versucht werden, die Inschrift etwas dunkler als das Gelbgrau des Steins zu gestalten. Damit würde der sonst übliche Schattenwurf imitiert.

Der Restaurator recherchierte weiter und fand den Ursprung der Zeilen in einem digitalen Archiv für Literaturgeschichte der Universität Toronto/Kanada. Das seitenlange Gedicht stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde verfasst von dem italienischen Autor Ugo Foscolo. Der Titel lautet "Carme dei sepoleri" ("Gesang von den Gräbern"), die Übersetzung stammt von dem deutschen Schriftsteller Paul Heyse. Und so lauten die Verse: "Ach es blüht / auf Gräbern keine Blume, wenn das Lob / der Menschen sie nicht ehrt und Liebestränen."

Rote Farbe und Gedicht entdeckt

Wie lange es noch dauert, das hängt auch vom Wetter ab, denn "bei Frost lassen sich bestimmte Arbeiten nicht durchführen", so Beck. Mittlerweile war auch der Metallrestaurator vor Ort und hat die gusseisernen Rosetten auf den Pfosten der Einfassung von Rost gereinigt. Sie erhalten mehrere Anstriche, um sie möglichst gut vor Korrosion zu schützen. Die Ziergitter konnten abmontiert werden, die hat Wulf Stehr bereits in der Werkstatt bearbeitet. An diesen Teilen konnten rote Farbspuren entdeckt werden, doch wird diese Farbfassung nicht rekonstruiert. "Das wäre schwer nachvollziehbar, und ein ungewohnter Anblick, zumal der eiserne Schmuckrahmen und die Zierteile nur noch rudimentär vorhanden sind", sagt Denkmalpfleger Rauch.

Am Ende erhält der Grabstein noch eine Bedachung aus Zinkblech, damit Feuchtigkeit künftig weniger Chancen hat, in den Stein einzudringen. Denn dieser Ort ist ziemlich verschattet durch die hohen Bäume ringsum und den Rhododendron am benachbarten Röntgen-Grab. Es gibt also künftig einen doppelten Grund hierher zu gehen und zu schauen: wegen Röntgen und wegen der aktuellen Restaurierung.

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