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Auf und Ab in der "neuen Normalität"

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Bis Mitte März verlief das Leben auch in Gießen noch weitgehend normal. In der zweiten Hälfte des Monats eskaliert die Corona- Pandemie. Der April bringt die "neue Normalität". Sie bleibt ein Auf und Ab von Hoffnung und Enttäuschungen. Hier der zweite Teil der Gießener Corona-Chronik.

Mittwoch, 1. April:Kein Tag für Scherze. Die Altenpflegeheime schotten sich von der Außenwelt ab. "Wir sind froh über jeden Tag, der ohne Infektion vorübergeht", sagt Lucia Bühler vom Caritasverband. Für Tanja Ströher von der Arbeiterwohlfahrt fühlt sich die Situation an "wie die Ruhe vor dem Sturm".

An der Sporthalle in der Rivers Automeile läuft der Betrieb im neuen Corona-Testcenter der Kassenärztlichen Vereinigung mit einer Drive-Thru-Station an.

Donnerstag, 2. April:Die Berichterstattung wird zur Serie über Branchen und Berufsgruppen, die das Coronavirus niedergestreckt hat. Auch die Reisebusunternehmen gehören dazu. "Uns hat eine unglaubliche Storno-Welle erreicht, ein regelrechter Tsunami", sagt Dieter Schwalb vom gleichnamigen Busecker Reiseveranstalter. Im Laufe des Monats werden noch viele Branchen und Firmen folgen.

Im Krieg mussten Privatleute, Firmen und Bauern Autos und Pferde abgeben, in der Corona-Krise sind es die Beamtmungsgeräte: "Ab sofort sind bestimmte Einrichtungen dazu verpflichtet, ihren Bestand an invasiven und nicht invasiven Beatmungsgeräten unverzüglich ans Gesundheitsamt zu melden", heißt es in einer Mitteilung des Landkreises.

Unter strengen Hygienievorkehrungen tagt das Stadtparlament in reduzierter Besetzung im Großen Saal der Kongresshalle und beschließt ein Hilfspaket mit historischer Dimension. Bis zu einer Höhe von rund 50 Millionen Euro können Gewerbesteuerzahlungen gestundet werden. Täglich 20 Anträge von Gießener Firmen gehen in der Kämmerei ein.

Freitag, 3. April:Auch die Clowns haben in der Corona-Krise nichts zu lachen. Für Ichmael gibt es wenig bis nichts zu tun, das Kostüm von 46ers-Maskottchen Fabius hängt im Schrank, Kindergeburtstage fallen aus. "Als Clown musst du bereit sein, in die Krise zu gehen", sagt Ichmael alias Michael Rogalla.

Um 10.30 Uhr ruft Bürgermeister Peter Neidel bei einem Redakteur der GAZ an und sagt: "Wir haben heute Morgen eine traurige Nachricht erhalten: Das Unternehmen Otto baut nicht in Gießen." Der Konzern aus Hamburg zieht seine 300-Millionen-Euro-Investition zum Bau eines riesigen Logistikzentrums im früheren US-Depot in letzter Minute zurück. Die Corona-Krise war "letzter Auslöser". Der Verkauf von 35 Hektar erschlossener Gewerbefläche ist geplatzt. Verkäufer und Revikon-Chef Daniel Beitlich will nach einem neuen Käufer suchen und kündigt an: "Wir werden an diesem Projekt mit Vollgas weiterarbeiten."

Dienstag, 7. April:Das als Corona-Schwerpunktkrankenhaus geltende Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM) zählt am Standort in Gießen 19 Covid-19-Patienten. 13 liegen auf Intensivstationen und sechs auf Infektionsstationen. In den beiden Gießener Krankenhäusern ist es jeweils ein Patient.

Corona-Posse ums Eisverbot: Das Café Geißner trickst mit einem Eistörtchen mit Waffeldeckel und handelt sich Ärger mit den Behörden und der vom Virus lahmgelegten Konkurrenz der Eiscafés ein. Die fordern ein Ende des Berufsverbots. Zwei Wochen später werden sie erlöst.

Samstag, 11. April:Ostern wird zu einem Fest ohne Begegnungen und Gottesdienste. Die sind unter der Woche in den leeren Kirchen auf Video aufgenommen worden und werden am Sonntag ausgestrahlt. "Es ist traurig, vor leeren Bänken zu stehen", sagt Pfarrer Michael Paul von der Johannesgemeinde.

Vor den Feiertagen veröffentlicht die Stadt ein FAQ mit Regeln für das Verhalten in den Parks und im eigenen Garten. Es geht um den Abstand zwischen Menschen, um die Definition von Hausgemeinschaften, ums Sonnenbad oder den Umzug von A nach B.

Im täglichen Corona-Bulletin meldete das Sozialministerium am Ostersonntag für den Kreis Gießen 185 bestätigte Corona-Fälle. Gießen und zwei andere Kreise sind die einzigen ohne Todesfall in Hessen.

Dienstag, 14. April:Die Woche nach Ostern wird eine sein, in der Gießen bundesweit Schlagzeilen macht. Der Besuch von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Kanzleramtschef Helge Braun, Ministerpräsident Volker Bouffier und Landesgesundheitsminister Kai Klose am UKGM in Gießen hätte auch so überregional Beachtung gefunden, aber den "Promis" aus der Politik und ihren Gastgebern passiert ein peinliches Malheur. Zu zehnt drängen sie sich in einen Aufzug, ein Journalist des HR macht ein Handyfoto, und das Gießener "Aufzugs- Gate" ist perfekt. Sogar Strafanzeigen gegen die Politiker und Ärzte gehen bei der Polizei ein, die Beteiligten zeigen sich reumütig. "Ganz klar: das geht besser", twittert Spahn.

Freitag, 17. April:Nach der Entscheidung der Bundes- und Landesregierungen, dass in Deutschland bis zum 31. August Großveranstaltungen verboten bleiben, hagelt es Absagen. Unter anderem das Stadtfest in Gießen, das Lahnuferfest, der Kultursommer sowie die Golden Oldies in Wettenberg sind betroffen, um nur die größten Events zu nennen.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe sorgt für einen Paukenschlag und gibt der Verfassungsbeschwerde eines Gießener Anmelders statt, dem die Stadt die Durchführung einer Demonstration mit Hinweis auf eine Corona-Verordnung des Landes Hessen verboten hatte. Demonstrationen müssten auch in der Corona-Krise ermöglicht werden, urteilt das BVerG. Es ist bundesweit der erste Beschluss zum eingeschränkten Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Tags darauf demonstrieren rund 50 Menschen - erlaubt - vorm Rathaus für eine andere Verkehrspolitik und "coronagerechten" Protest.

Samstag, 18. April:Erster Todesfall im Kreis Gießen: Ein 61-Jähriger mit Vorerkrankung ist an Covid-19 gestorben. Bis Monatsende werden es drei Corona-Tote sein.

Montag, 20. April:Flankiert von Hygienemaßnahmen und mit reduzierter Verkaufsfläche öffnen die Geschäfte und Eiscafés. In der Spitze 1400 Besucher die Stunde flanieren nach dem wochenlangen Shutdown durch den Seltersweg. Fast wie früher an einem Montag - und fast schon wieder zu viel des Guten. In Berlin beklagt Bundeskanzlerin Angela Merkel "Öffnungsdiskussionsorgien" in den Bundesländern und warnt: "Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen."

Donnerstag, 23. April:Auch in Gießen werden weitere Schritte in die "neue Normalität" gegangen. In den Schulen laufen die Vorbereitungen für den Neustart am 27. April, ab dem in Hessen auch die Maskenpflicht gilt. In den Änderungsschneidereien laufen die Nähmaschinen heiß, auch bei Edip Basmaci in der Walltorstraße: "Die bunten sind am beliebtesten. Es soll doch fröhlich aussehen." Das ist auch das Masken-Memory, das die Gießener Allgemeine am Samstag vor dem Start der Tragepflicht als Motivationshilfe veröffentlicht.

Freitag, 24. April:Ein Foto zeigt Frank Sommerlad, die Arme ausgebreitet, in seinem riesigen und leeren Möbelhaus sitzend. Der Möbelhandel darf nicht mitmachen in der "neuen Normalität", obwohl massig Platz vorhanden ist, um Kunden auf Abstand zu halten. Sommerlad bietet 100 Quadratmeter pro Kunde an, vorgeschrieben sind 20.

Dienstag 28. April:Nach den Kirchen an Ostern weichen auch die Gewerkschaften am 1. Mai auf Videobotschaften aus und verzichten auf Minikundgebungen. "Das wäre eine Karikatur von Demonstration geworden", begründet DGB-Geschäftsführer Matthias Körner den Schritt.

Mittwoch, 29. April:Der Monat endet, wie er angefangen hat: mit Hilferufen - von Reisebüros, Kanuverleihern, Tanzschulen.

Unsere Welt steht Kopf. Was bis vor Kurzem noch richtig war, ist plötzlich falsch - und verboten. Distanz statt Nähe, Einweg statt Mehrweg und so weiter. Die Zitate auf dieser Seite stammen nicht aus einem pessimistischen Zukunftsroman, sondern aus den nüchtern verfassten Tagesprotokollen der Gießener Ordnungspolizei, die seit dem 28. März auf der Internetseite der Stadt Gießen eingestellt werden. Den Frauen und Männern der Stadtpolizei gilt für diese anstrengende (Überzeugungs-)Arbeit unser Dank und Respekt.

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