Der Einkauf per Videocall im Modehaus Köhler: Geschäftsführerin Paula Vordemfelde führt Kleidungsstücke vor. 			FOTO: BEI
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Der Einkauf per Videocall im Modehaus Köhler: Geschäftsführerin Paula Vordemfelde führt Kleidungsstücke vor. FOTO: BEI

Kreativer Einzelhandel

Gießen: Modehaus Köhler und Punkt + Strich werden im Lockdown kreativ

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Der erneute Lockdown animiert Geschäfte, neue Wege zu gehen. So zum Beispiel das Traditionshaus Köhler im Seltersweg, das nun Modeberatung und -verkauf via Videocall anbietet.

  • Der zweite Lockdown stellt Gießener Einzelhändler vor große Herausforderungen.
  • Läden wie das Modehaus Köhler und Punkt und Strich werden kreativ, was den Verkauf angeht.
  • So bieten diese ihre Waren in Social Media-Kanälen oder per Videoberatung an.

Gießen - Zum Jahresbeginn 2021 macht sich im hessischen Einzelhandel vor allem eines breit: Ernüchterung. Der erneute Lockdown wegen der weiterhin sehr hohen Corona-Infektionszahlen stellt den stationären Einzelhandel vor enorme Herausforderungen. »Viele fühlen sich von der Landesregierung alleingelassen«, so Jochen Ruths, Präsident des Handelsverbandes Hessen, kürzlich über die Verlängerung der Ladenschließungen. Rund eine halbe Milliarde Euro Umsatz habe der Einzelhandel allein wegen des ausbleibenden Weihnachtsgeschäfts verloren, im gesamten Jahr 2020 circa 2,8 Milliarden. Zwei Drittel der Innenstadthändler sehen laut Verband ihre Existenz bedroht.

Gießen: Modehaus Köhler setzt während Lockdown auf Videoberatung

Da ist es ein großer Vorteil, wenn ein Händler auf seine Stammkundschaft bauen kann. »Wir haben uns schon während des ersten Lockdowns gefragt, wie wir unsere Kunden besser erreichen können. Und das nicht nur über soziale Medien wie Instagram oder Facebook. Wir haben ja eine große Stammkundschaft, zu der wir einen direkteren Kontakt pflegen wollen«, sagt Paula Vordemfelde, die neue, junge Geschäftsführerin beim Modehaus Köhler. Schnell kam ihr die Idee zum Konzept des »Curated Shopping«, das die 24-Jährige bereits während ihres dualen Studium behandelt hat.

»Das ist eine Kombination aus elektronischem Handel und persönlicher Fachberatung«, erklärt sie. Zunächst muss der Kunde auf der Homepage von Köhler einen kurzen Fragebogen ausfüllen: Möchte ich Business-, Freizeit- oder Festkleidung? Leger? Ausgefallen? Oder sportlich? Wie mutig darf es sein, oder wie teuer? Und natürlich: Welche Größe habe ich? Dann kann man/frau einen Termin für die Videoberatung vereinbaren, für die ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin eine Vorauswahl trifft. Während des Videotelefonats entscheide sich, welche Stücke Köhler schließlich gegen Rechnung nach Hause schicken soll.

Paula Vordemfelde stand bereits als Kind ihrem Vater Ludwig im Laden zur Seite, der das Geschäft ebenfalls weiterführt. Nun organisiert sie mit der im September eröffneten Damenabteilung eine Zäsur in der fast hundertjährigen Unternehmensgeschichte.

Zweiter Lockdown: Modehändler melden reihenweise Insolvenz an

Wegen der Corona-Krise haben inzwischen reihenweise Modehändler Insolvenzverfahren angemeldet, um sich zu retten oder Schulden geordnet abzuwickeln. Weitere dürften bald folgen, prophezeien der Kreditversicherer Euler Hermes wie auch der Handelsverband Textil (BTE) vergangene Woche.

Fantasievoll und originell der Krise zu begegnen, ist ja längst nicht nur im Einzelhandel das Credo der Stunde. Die Kultur- und Eventbranche ist mindestens genauso hart getroffen. Für ein Modegeschäft indes, das eher auf Laufkundschaft denn auf Stammkunden angewiesen ist, dürfte es jedoch schwieriger sein, Kunden nun via Videocall zu locken.

Gießen: Geschäfte mit kreativen Lösungen im Lockdown

Einen anderen Weg probiert zum Beispiel das Gießener Geschäft für Geschenke und Bürobedarf Punkt und Strich: Auf Instagram postet es Fotos von Artikeln mit Nummer versehen. Kunden bestellen dann einfach online die Nummer des gewünschten Produkts. Der Kreativität setzt die Technik im Prinzip wenig Grenzen.

Im November hat das Modehaus Köhler den Videoeinkauf gestartet. Und es laufe immer besser, sagt Paula Vordemfelde. Zwar klängen rund fünf Onlineberatungen pro Woche erst mal noch nicht so viel. Aber das sei etwas, worauf man aufbauen könne. Kunden wie auch Mitarbeiter hätten viel Spaß daran. Es sei so schön, mal wieder mit anderen in Kontakt zu kommen, habe eine Käuferin Vordemfelde während der Beratung gesagt. Eine andere Dame habe mit der Kamera einfach mal in ihren Kleiderschrank gefilmt, um zu zeigen, was ihr so gefalle. »Das ist für uns natürlich sehr praktisch, um den Geschmack der Kunden einzuschätzen«, sagt sie. Und so kann sie den immensen, der Pandemie geschuldeten Problemen auch etwas Positives abgewinnen: »Wir müssen kreativ werden und schnell reagieren können.«

Gießen: Aktion „Wir machen auf__merksam“ als Hinweis

Coronaleugner und »Querdenker« wollten am 11. Januar unter dem Motto »Wir machen auf« Geschäftsinhaber dazu bringen, trotz des Ladenöffnungsverbotes ihre Geschäfte zu öffnen. Laut Ordnungsamt beteiligte sich in Gießen kein Geschäft daran. Am gleichen Tag startete die ähnlich klingende Kampagne »Wir machen auf__merksam«, bei der das Schuhhaus Waldschmidt und »Ebbe und Flut« mitmachen. Die beiden Geschäfte in der Plockstraße teilten den Kampagnenaufruf zum Beispiel über Facebook.

Vor allem Betriebe aus der Mode-Branche wollen mit »Wir machen auf__merksam« darauf hinweisen, dass das Ladenöffnungsverbot existenzgefährdend ist. Außerdem fordern die Teilnehmer eine Entschädigung. Im Gegensatz zur »Querdenker«-Aktion wird aber dazu aufgerufen, sich weiter an die Corona-Verordnungen zu halten. (seg)

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