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Die Orgel der Johanneskirche muss durch ein neues Instrument ersetzt werden. Kantor Christoph Koerber (3. v. r.), die Pfarrer Matthias Weidenhagen (m.)und Michael Paul (r.) sowie Harry Müller, Jörn Schulz (v. l.) sowie die ehrenamtliche Organistin Grit Laux berichten auf der Empore, wie sie das Projekt stemmen wollen.

Neue Orgel für die Johanneskirche

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Erst die Bonifatiuskirche, jetzt die Johanneskirche, in absehbarer Zukunft wohl auch die Petruskirche: In allen drei Gotteshäusern sind oder waren die vor rund 50 Jahren eingebauten Orgeln in die Jahre gekommen. An der Johanneskirche startet nun mit »HimmelHoch« ein Veranstaltungs- und Spendenmarathon, um auch für die »Stadtkirche der Herzen« eine neue Orgel zu bauen.

Manchmal beschreibt ein Satz in einem Wikipedia-Eintrag das ganze Fiasko. Wer dort nach Informationen zur Johanneskirche schaut, liest folgende Zeilen: »Infolge der verwendeten minderwertigen Materialien ist die Orgel nach jahrzehntelanger intensiver Nutzung in schlechtem Zustand. Eine Renovierung ist auch wegen der konzeptionellen Probleme des Instruments nicht sinnvoll.« Folgerichtig haben im Jahr 2020 die Kirchenvorstände der Johannes- und Lukasgemeinde, die das Gotteshaus gemeinsam nutzen, den Plan zum Orgelneubau gefasst - auch zwei Gutachter empfehlen das.

Doch bis die Johanneskirche, die 2018 ihr 125-jähriges Jubiläum feiern konnte und deren Innenraum 2016 umfassend renoviert worden ist, eine neue Orgel bekommen wird, fließt wohl noch viel Wasser die Lahn herab. »Rund 700 000 bis 900 000 Euro«, so schätzt Kantor Christoph Koerber, wären nötig, »um ein modernes Instrument zu schaffen, das der evangelischen Stadtkirche der Universitätsstadt angemessen ist, eine große stilistische Vielfalt an Orgelliteratur ermöglicht und dessen Klänge die Menschen aus nah und fern begeistert und berührt.« Etwa zehn Prozent der Kosten würde die katholische Kirche übernehmen. Mit gut zehn Jahren bis zum Einbau ist zu rechnen.

Die erste Orgel der Johanneskirche wurde 1893 von einer Firma aus Ludwigsburg eingebaut. 1939 nahm die Licher Firma Förster & Nicolaus eine Änderung der Disposition vor und ersetzte das Instrument schließlich 1968 durch einen Neubau, der über 43 Register verfügt. Walter Supper entwarf das Gehäuse mit Werner W. Neumann. Gottlob Ritter, der von 1960 bis 1998 A-Kantor der Johanneskirche war, kümmerte sich um die Disposition. Die Orgel ist insbesondere zur Darstellung von Musik aus der Barockzeit geeignet. Doch mittlerweile klemmt es an allen möglichen Ecken - und das teils im ganz wörtlichen Sinne.

Mit einer Reparatur ist es nicht getan

Bei einem Treffen mit Mitgliedern des Orgelausschusses und den beiden Pfarrern erläutert Kantor Koerber, warum die Johanneskirche eine neue Orgel braucht. Durch die zeittypisch verwendeten minderwertigen Materialien seien viele Teile verschlissen. »Register lassen sich nicht mehr einschalten, die Elektrik entspricht nicht mehr den heutigen Sicherheitsbestimmungen.« Das Ziehen des »Weidenpfeifenregisters« erzeugt beispielsweise entenartiges Gequake, Aluzüge zwischen Manual und Pfeifen reagieren erst mit Verzögerung, Plastikteile sind porös geworden. Es könne vieles gar nicht mehr genutzt werden, bestätigt auch die ehrenamtliche Organistin Grit Laux. Eine rein technische Reparatur wäre zwar theoretisch möglich, aber teuer und die grundlegenden Probleme blieben. »Da die Orgel auch konzeptionell von Anfang an viele Mängel aufweist, die ein Musizieren auf dem heute erforderlichen künstlerischen Niveau behindern, ist eine rein technische Überholung nicht sinnvoll«, ist sich Kantor Koerber mit den Gutachtern einig. »Die musikalisch-künstlerischen Probleme blieben erhalten.«

Wichtige Register und Platz fehlen

Außerdem behindert die architektonische Gestaltung des Instruments die Entfaltung des Klangs. Es ist nur wenig Platz für die Pfeifen vorhanden, im Gegenzug bräuchte es für den Kirchenraum nicht die jetzt zumindest theoretisch vorhandenen 43 Register. Aber: »Es fehlen wichtige Register zur Begleitung von Instrumentalisten und Chören, die im neobarocken Stil gehaltene Registerauswahl ermöglicht nur ein geringes Spektrum an stilistisch angemessen darstellbarer Orgelmusik.«

Das ist umso bedauerlicher, da an der Johanneskirche mit ihrer hautptamtlichen Kantorenstelle ein reichhaltiges musikalisches Angebot vorhanden ist. Derzeit musizieren in den Chören und Instrumentalensembles etwa 250 Musiker, vom Amateur-Sänger bis zur semiprofessionellen Cellistin, Kinder ab fünf Jahren bis zum Kantorei-Sänger mit jahrzehntelanger Chorerfahrung. Zu einer so intensiven musikalischen Arbeit in der Kirche gehört auch eine große Orgel.

Der Orgelausschuss wird das Sammeln von Spenden vorantreiben und zahlreiche Veranstaltungen rund um die Orgel organisieren. Auch eine Homepage und ein Flyer sind bereits in Arbeit. »Wir sind noch ganz am Anfang«, heißt es beim Treffen auf der Empore - doch alle sind zuversichtlich, das Projekt unter dem Titel »Himmelhoch« gemeinsam schultern zu können.

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