Die neue Normalität ist die alte

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Gießen(mö). Wer die Entwicklung beim Umgang mit der Corona-Pandemie hätte einmal nachvollziehen wollen, wäre am Montagabend im Sitzungssaal des Rathauses goldrichtig gewesen. War Anfang April, als das Stadtparlament mit reduzierter Mannschaft im großen Saal der Kongresshalle tagte, der Respekt vor der Seuche deutlich spürbar, ging es am Montagabend schon wesentlich lockerer zu. Oder anders gesagt: Die neue Normalität war die alte.

Von 18 Uhr bis fast 22.30 Uhr dauerten die Beratungen des 15-köpfigen Corona-Ausschusses, auf den die Kompetenzen des Stadtparlaments übertragen worden waren. Die Sitzung Anfang April war dagegen nach gut einer Stunde beendet.

Damals hielten sich knapp 60 Personen in der Kongresshalle auf, am Montagabend waren es 34. Bezieht man das kleinere Raumvolumen und die über drei Stunden längere Anwesenheit ein, dürfte die Sitzung am Montag infektiologisch die problematischere gewesen sein. Zumal vereinzelt zwecks Absprachen die ungeschützten Köpfe zusammengesteckt wurden. In einer Hausgemeinschaft leben diese Stadtverordneten nach GAZ-Informationen nicht zusammen.

Durchgängig einen Mundschutz unten im Saal trug nur die Stadtverordnete Cornelia Mim (Gießener Linke), einige andere hatten einen dabei, trugen ihn aber nicht.

Dem Appell des Ausschussvorsitzenden Heiner Geißler (Freie Wähler), Anträge bzw. Anfragen, die nicht dringlich sind, zurückzuziehen, folgte im Grunde nur die AfD, die sich mit den schriftlichen Antworten des Magistrats zu ihren Anfragen begnügte. Die Linksfraktion ist dagegen auch formal schon wieder auf dem Weg in die alte Normalität und hatte eine "möglichst schnelle Rückkehr zum Stadtparlament" beantragt. Sollte der Reproduktionsfaktor in den nächsten Wochen unter der Zahl eins bleiben, sollte das Stadtparlament im Juli wieder in voller Stärke tagen.

Dass da unter Umständen der Verordnungsgeber in Wiesbaden und das Gesundheitsamt noch ein Wörtchen mitzureden haben, ist dem Antragsteller Michael Janitzki offenbar entgangen. Mit knapp 80 Jahren gehört der streitbare Stadtverordnete übrigens zu den Risikogruppen. Eine Mundschutzmaske hatte er - dabei.

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