Sofia Pavone singt die "Habanera" aus "Carmen".
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Sofia Pavone singt die "Habanera" aus "Carmen".

Das neue Jahr tanzt Tango

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Trotz Pandemie lockt das Neujahrskonzert des Stadttheaters Zuschauer an. Als Aufzeichnung per Online-Stream. Geht das? Sekt jedenfalls steht schon mal kalt.

Drei Dinge braucht der Mann. Also schnell alles überprüfen: Sitzt der Anzug, sind die Schuhe geputzt und steht der Crémant kalt? Dann wird der Computer angeworfen und im Schreibtischsessel Platz genommen. Das Neujahrskonzert des Stadttheaters kann beginnen. Am gestrigen Freitag kommt der musikalische Genuss aus der Ferne in die eigenen vier Wände, als Aufzeichnung per Online-Stream. Jetzt noch den Sekt öffnen. Wann darf man sonst seiner Liebsten einfach mal mitten in der Aufführung zuprosten? Auf dem Programm stehen Liebe, Lust und Leidenschaft - kurz: der Tango. In fast all seinen Facetten. Der argentinische Tanz entpuppt sich als probates Gegenmittel in der Corona-Depression. Das Philharmonische Orchester Gießen entführt unter dem Dirigat seines Generalmusikdirektors Florian Ludwig in die Welt lasziver Träumereien.

Der "Blue Tango" von Leroy Anderson übernimmt die schneidige Eröffnung, bevor Antonín Dvorák mit zwei Tänzen, der Polka und der Sousedská, aus seiner Tschechischen Suite op. 39 zu gefallen weiß. Ludwig gibt am Pult die Akzente vor, die Musiker folgen mit feinem Rhythmusgefühl.

Das weiträumig auf der Bühne angeordnete Ensemble spielt sich so warm für den ersten Höhepunkt des Abends: die "Habanera" aus Bizets Oper "Carmen", gesungen von Mezzosopranistin Sofia Pavone. Ihre Stimmschönheit wetteifert mit dem roten Abendkleid, das sie trägt. Das ebenfalls herausgeputzte Orchester hält sich gekonnt zurück, während Pavone verführerisch intoniert. Der anschließenden Mazurka aus Stanislaw Moniuszkos Oper "Halka" hätte ein Bühnentänzchen gutgetan.

Dirigent Ludwig erweist sich während des Konzerts als eloquenter Ansager. Er führt mit Informationen und Anekdoten zu den Stücken durchs Programm, wenn er verschmitzt erklärt: "Der Tango ist schließlich nichts anderes als ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann."

Auch die Kameraführung macht den Abend zum Erlebnis. Geduldig wird mit der Totalen gearbeitet, damit der Zuschauer den gewohnten Überblick gewinnt. Schnitte bieten Gelegenheit, etwa dem Solisten auf die Finger zu schauen, wenn Per Arne Glorvigen Astor Piazzollas dreisätziges Bandoneon-Konzert "Aconcagua" interpretiert.

Argentiniens Aconcagua ist der höchste Berg Amerikas. Den gilt es nun in gut 20 Minuten mit dem Bandoneon und einem erweiterten Streichorchester zu besteigen. Glorvigen wirft dazu im Fortissimo mit kräftigen Zügen ein reibendes, beinahe stürmisches Klangbild in den Raum. Sein Piazzolla, der als Erneuerer des Tango gilt und dessen 100. Geburtstag 2021 begangen wird, atmet synkopische Höhenluft. Ludwig gewährt dem norwegischen Virtuosen Raum zur Entfaltung, hält dabei aber in den Ecksätzen das Tempo straff, damit der Sound im Saal zirkulieren kann.

Unto Uuno Mononen heißt der finnische Komponist, dessen Satumaa-Tango ins Märchenland entführt und Bariton Tomi Wendt von seiner besten Seite zeigt - als geschmeidigen Grandseigneur alter Schule. Glorvigen bedient hier erneut das Bandoneon.

Der Donau-Tango von Andres Reukauf hechtet als Potpourri vorüber, ehe zum Abschluss noch einmal Astor Piazzolla die Bühne erobert mit seinem berühmten "Libertango". Wer das Konzert verpasst hat, kann es unter folgendem Link weiterhin im Internet aufrufen: vimeo.com/user128824178/Neujahrskonzert.

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