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Neue Domizile für Stadttauben in Gießen im Gespräch

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Von: Christoph Hoffmann

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In der Innenstadt fühlen sich die Tauben wohl - zum Leidwesen vieler Menschen. © Oliver Schepp

Ein neuer Verein will dabei helfen, die Taubenproblematik in der Gießener Innenstadt einzudämmen. Silvia Kepsch und ihre Mitstreiter sehen vor allem in betreuten Taubenschlägen große Chancen. In manchen Städten wie in Frankfurt funktioniert das.

Wer sich auf die Bänke an den drei Schwätzern setzen will, sollte vorher genau hinschauen. Oft sind die Sitzgelegenheiten mit Taubenkot überzogen. Ähnlich verhält es sich an anderen Stellen der Innenstadt, weshalb Eigentümer und Geschäftsleute teure Schutzmaßnahmen anbringen. Die Taube hat daher bei vielen einen schlechten Ruf. Zu unrecht, wie Silvia Kepsch meint. Sie hat daher »Columba Livia« gegründet, ein Tierschutzverein für Stadttauben in Mittelhessen.

Tauben sind in vielen Städten ein Problem. Ihre Hinterlassenschaften sind nicht nur unappetitlich, wegen des alkalischen pH-Werts kann der Kot auch Oberflächen verätzen. Kepsch weiß das. »Einst als Fleischlieferant und Briefbote geschätzt und noch immer als Liebes- und Friedenssymbol verehrt, gelten Tauben vielen heutzutage als Ungeziefer, werden gehasst und vergrämt.« Dabei könnte das Problem gelöst werden, meint Kepsch. »Unser Plan ist es, in Zusammenarbeit mit der Stadt betreute Taubenschläge zu errichten. In anderen Städten funktioniert das sehr gut.«

Bundesweit gibt es mehrere Initiativen, die sich dem Wohlergehen der Stadttaube verschrieben haben. Und meist rühmen sie in diesem Zusammenhang das »Augsburger Modell«. In der bayerischen Stadt gibt es schon seit vielen Jahren zehn Taubenschläge und zwei Taubentürme, die vom dortigen Tierschutzverein betreut werden. In den Schlägen werden die Tauben artgerecht gefüttert, zudem werden die Eier regelmäßig durch Gipsattrappen ausgetauscht, damit sich die Tiere nicht zu stark vermehren. Obendrein wird der in Taubenschlägen anfallende Kot fachmännisch entsorgt. Das sind laut Homepage der Stadt Augsburg jährlich fünf Tonnen, die die Tauben sonst auf Gebäuden, Autos und den Fußgängerzonen verteilen würden. Einige andere Städte haben das »Augsburger Modell« bereits umgesetzt. Dazu gehört auch Frankfurt. Die Erfahrungen sind überwiegend positiv, an der Wirksamkeit gibt es zumindest keine lauten Zweifel.

Anders sieht das in Fulda aus. Dass für 70 000 Euro gebaute Taubenhaus lockte zwischenzeitlich so wenige Tiere an, dass selbst das Satiremagazin »Extra 3« darüber berichtete. Der Blick nach Osthessen zeigt, wie wichtig der richtige Standort ist. In Fulda steht das Taubenhaus außerhalb der Innenstadt in den Auen. Kepsch fordert für Gießen daher mehrere Schläge direkt in der City.

Ob in Gießen in absehbarer Zeit Taubenschläge errichtet werden, ist fraglich. Laut Stadtsprecherin Claudia Boje hat es so etwas vor Jahren schon einmal gegeben inklusive Austausch der Eier. Von Erfolg sei das Projekt jedoch nicht gekrönt gewesen.

Kepsch hat davon gehört und glaubt, dass damals Fehler gemacht worden sind. »Singuläre Aktionen haben in der Gesamtheit keine Auswirkungen.« So müssten die Eier zum Beispiel über einen langen Zeitraum ausgetauscht werden, damit sich Auswirkungen auf die Population ergäben. »Wichtig ist auch, dass die alten Nistplätze komplett geschlossen werden. Sonst werden die neuen Taubenschläge nicht angenommen.«

BID Seltersweg offen für Projekt

Das dem so ist, hat sich der Mensch selbst zuzuschreiben. Denn anders als etwa Ringeltauben sind Stadttauben keine Wildtiere, sondern Nachfahren domestizierter Haustauben. Ihnen wurde ihre Standorttreue sowie die starke Vermehrung - Stadttauben brüten bis zu sechs Mal im Jahr - also angezüchtet.

Wenn es nach Kepsch und ihren Mitstreitern geht, finden sich in Gießen in absehbarer Zeit mehrere Taubenschläge, die von den Vereinsmitgliedern betreut werden. »Idealerweise würde die Stadt die Finanzierung übernehmen«, sagt Kepsch und nennt als Beispiel etwaige Mietkosten, Futter und Nester aus Pappe. »Wir von Verein würden die Manpower stellen.«

Mit dem Magistrat oder anderen Stellen der Stadt hat Kepsch noch keine Gespräche geführt, dafür aber mit Markus Pfeffer, dem Geschäftsführer des BID Seltersweg. »Grundsätzlich sind wir für so etwas offen und können uns das vorstellen«, sagt Pfeffer, der aber auch betont, dass eine Entscheidung in den Händen der Stadt liege. Dass es in der Innenstadt ein Taubenproblem gibt, daran lässt Pfeffer keine Zweifel. »Die Hauseigentümer gehen einen hohen Aufwand ein und müssen Taubenschutzanlagen anbringen. Das kostet viel Geld.«

Dass es den Tauben in der Stadt so gut gehe, liege auch an Menschen, die die Tiere füttern würden. »Die Ordnungsbehörden kriegen sie nicht. Aber jeden Morgen sieht man auf dem Seltersweg die Körner liegen«, klagt Pfeffer.

Das ist ein Problem, sagt auch Kepsch. Daher müsse bei der Schaffung von betreuten Taubenschlägen auch an die Öffentlichkeit appelliert werden, die Tiere keinesfalls zu füttern. Denn wenn den Tauben jeden Morgen ein Festmahl kredenzt wird, werden sie den Seltersweg nicht gegen das schönste Taubenhaus der Welt eintauschen.

Die Nordstadt-Tauben

Die Wohnbau betreibt in einem Dachboden in der Konstantinbaderstraße seit Jahren ein Tauben-Projekt, bei dem auch die Eier ausgetauscht werden. Laut Pressesprecherin Susann Balser-Hahn ist die Population dadurch merklich zurückgegangen.

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