Prof. Volker Mosbrugger spricht in der Uni-Aula. FOTO: CSK
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Prof. Volker Mosbrugger spricht in der Uni-Aula. FOTO: CSK

Die Natur als Kapital

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Was allen gehört, wird von niemandem ausreichend geschützt. Das galt für Dorfwiesen im Mittelalter. Und es gilt auch heute im globalen Maßstab. Mit dieser "Tragik der Allmende" beschrieb Prof. Volker Mosbrugger am Montagabend in der Uni-Aula den Zustand der Erde. Die Menschen übernutzten den Planeten, weil sich niemand für das große Ganze verantwortlich fühle, erklärte der Paläontologe und Direktor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung in der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Landwirtschaft am Limit - Welternährung im Wandel". Anders als der Titel nahelegte, referierte Mosbrugger aber nicht nur über "Biologische Vielfalt und Landwirtschaft", sondern bot eine Analyse, in der jeder leicht den eigenen Platz finden konnte.

"Eigentlich sprechen wir von ein und demselben Problem", stellte er eingangs fest. Klimawandel, Vermüllung der Ozeane, Artensterben: In der Natur hänge eben alles zusammen. Für "systemische Probleme" brauche man deshalb "systemische Lösungen". Ehe der Vortrag ein paar davon anbot, skizzierte er generelle Tendenzen. Der rapide Anstieg menschlicher Aktivität nach 1950 samt explodierendem Ressourcenverbrauch habe den Planeten längst ins "Anthropozän" katapultiert, sagte Mosbrugger. Das Erdzeitalter des Menschen sei also angebrochen - mit "vielen positiven Effekten", wie der Experte hervorhob. Allein: Bei ökonomischen und sozialen Gewinnen verliere bisher allzu oft die Natur.

Natur als wirtschaftlicher Faktor

"Prosperity-People-Planet" laute der richtige Dreiklang - wirtschaftliches Wachstum, gesellschaftlicher Fortschritt und ökologische Nachhaltigkeit. Dafür, dass sie gerade Letzterer noch immer wenig Beachtung schenkten, zahlten die Menschen einen hohen Preis, sagte der Wissenschaftler. Denn die Natur sei in vielerlei Hinsicht quantifizierbar. Zwischen 125 bis 145 Billionen Dollar "erwirtschafte" sie jährlich mit ihren "Ecosystem Services". Fehlten etwa Insekten, müssten teure Alternativen zur Bestäubung her. Seitdem es immer weniger summe und brumme und zirpe und zwitschere, sprächen manche bereits vom "Silent Spring", dem "stummen Frühling".

Insgesamt liege die Aussterberate mittlerweile hundert- bis tausendmal so hoch wie in der Erdgeschichte üblich, erläuterte Mosbrugger. Vergleichbar sei sie allenfalls mit dem bis dato letzten Massenaussterben vor 65 Millionen Jahren, als bekanntlich nicht nur die Dinos verschwanden. Der 2012 gegründete Weltbiodiversitätsrat wähnt aktuell eine Million Arten bedroht. Schätzungen sind schwierig, weil die Forscher einen Großteil der biologischen Vielfalt wohl noch gar nicht kennen.

Als Ursachen für das Massensterben nannte Mosbrugger unter anderem Naturzerstörung und Klimawandel, Schadstoffe, Übernutzung sowie invasive Arten. Hierzulande spiele die Landwirtschaft eine zentrale Rolle, zumal sie die Hälfte aller Flächen in Deutschland nutze. Die Verantwortung sah der Referent aber nicht zuerst bei den Landwirten, sondern bei den Verbrauchern. "Der Landwirt von heute hat es unendlich schwer", betonte er. "Wie wir Landwirtschaft betreiben, ist ein Desaster."

Mittlerweile hohe Aussterberate

Notwendig sei, die Natur als "Kapital" zu betrachten, nicht als "Einkommen". Aus diesem Paradigmenwechsel ergebe sich automatisch, dass bislang externalisierte Kosten künftig internalisiert würden. Der Preis für ein Stück Fleisch bilde dann auch alle ökologischen Konsequenzen der Produktion ab. Mehreinnahmen müssten in Schutz und Wiederaufbau natürlicher Vielfalt fließen, sagte Mosbrugger. Eine "systemische Lösung" beginne so durchaus mit kleinen Schritten - "vielleicht sogar bei einem einzelnen Produkt".

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