Narren tanzten an die Macht

Gießen (kw). Ein Walzer mitten in der Fußgängerzone entschied darüber, wer in den nächsten Tagen die Stadt regieren darf: Während Faschingsprinz Günter I. die Stadträtin Susanne Koltermann mit Kniefall um den Tanz bat und dann schwungvoll herumwirbelte, bewegte sich Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann mit Prinzessin Anja I. ein wenig unbeholfener.

Gießen (kw). Ein Walzer mitten in der Fußgängerzone entschied darüber, wer in den nächsten Tagen die Stadt regieren darf: Während Faschingsprinz Günter I. die Stadträtin Susanne Koltermann mit Kniefall um den Tanz bat und dann schwungvoll herumwirbelte, bewegte sich Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann mit Prinzessin Anja I. ein wenig unbeholfener. Das mochte daran liegen, dass er Handschellen trug - "das Volk" auf dem Katharinenplatz wählte jedenfalls per Applaus ohne Zögern die Fassenachter zu ihren Oberhäuptern. Bis Aschermittwoch werde nun gefeiert, versprach Prinz Günter, und dem OB blieb nach Überreichung von Stadtsäckel und Schlüssel nur noch, für die "tollen Tage" schönes Wetter zu wünschen.

Die närrische Machtübernahme krönte gestern Nachmittag den "Sturm auf Rathaus". Hatte Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich im vergangenen Jahr als einzige Hauptamtliche den Magistrat vertreten, so standen ihr dieses Jahr der OB sowie die Stadträte Susanne Koltermann, Dr. Reinhard Kaufmann und Dr. Heinrich Brinkmann zur Seite. In Ermangelung eines nutzbaren Rathauses hatten sich die Volksvertreter im OB-Domizil an der Südanlage verschanzt. Dort traf gegen 14 Uhr der Tross der Gießener Fassenachts-Vereinigung ein: Prinzenpaar und Präsident Franz Koch, der beinahe komplette Elferrat, Artilleriecorps und einige Möhnen wurden angeführt vom Fanfarenzug "Zauberklang".

Vergeblich verteidigten die Stadträte mit säckeweise Akten-Schnipseln, einem Pflanzen-Besprüher und einer verschlossenen Hintertür ihr Reich, führten die Eingedrungenen schließlich mit falschen Hinweisschildern in die Irre und empfingen sich schließlich doch mit Sekt und Orangensaft im OB-Büro.

Dort wurde Haumann gefesselt und zusammen mit den Kollegen in den "Käfig" auf dem Wagen der Möhnen geführt, der übrigens -?sechs Jahre nach dessen "Beurlaubung" - noch mit einem Bild des früheren OB Manfred Mutz geschmückt war. Durch die Stadt ging es zum Katharinenplatz, wo die Moderatoren Egon Fritz (für den Magistrat) und Werner Nohl (GFV) launig den Wettstreit zwischen alten und neuen "Machthabern" kommentierten. Da der 30 Jahre alte Gießener Ring in diesem Jahr ein Themen-Schwerpunkt der Kampagne ist, galt es zunächst, die Autobahnabfahrten rund um die Stadt richtig zu benennen. Das gelang sowohl Magistrat als auch Narren mühelos, und es musste getanzt werden.

"Heftiger als sonst" hätten sich die Stadträte gewehrt, lobte GFV-Präsident Koch und kündigte an, die Haushaltsberatungen zu Ende zu bringen. Man werde das noch vorhandene Geld einfach "bis Aschermittwoch verprassen", sagte schmunzelnd Prinz Günter ins Radio-Mikrofon.

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