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Ausbildung in Sterbebegleitung geht auch per Zoom-Meeting: Horst Rockel, Michaela Augustin-Bill, Carolin Röse und Birgit Kurz berichten von überraschenden Erkenntnissen.

Nähe funktioniert auch digital

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Der Caritasverband bildet seit 20 Jahren ehrenamtliche Trauerbegleiter aus. In Corona-Zeiten haben die Veranstalterinnen ihr Angebot ins Netz »verlegt« - trotz anfänglicher Skepsis. Doch es funktioniert sehr gut. Die Erkenntnis, dass auch bei sensiblen Themen wie Sterben und Tod eine digitale Annäherung möglich ist, bietet neue Perspektiven für die Zukunft.

Das will ich nicht, ich steige aus. Als Horst Rockel erfuhr, dass die Ausbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter coronabedingt nicht mehr im direkten Kontakt stattfinden, sondern online fortgesetzt werden würde, wollte er sich abmelden. Heute ist er froh, dass er es nicht getan hat.

»In unseren Zoom-Gesprächsrunden ist es fast so, als säßen die anderen direkt neben mir«, sagt er. Kaum zu glauben, dass man einander nah sein könne, auch wenn jeder für sich zu Hause am PC sitze. Der 67-Jährige ist in doppelter Hinsicht froh: Ihm hat die Fortbildung viele neue Einblicke, neue Erkenntnisse über sich selbst und über den Umgang mit sterbenden Menschen gebracht. Dabei ist ihm das Thema vertraut, es hat ihn während seines ganzes Berufslebens begleitet. Rockel ist Pfarrer im Ruhestand, zur Seelsorge gehört auch die Begleitung Sterbender und Trauernder. Und dennoch. Jetzt ist es anders. Jetzt ist er nicht mehr der Geistliche, den eine professionelle Rolle umgibt, und dem religiöse Rituale zur Verfügung stehen, jetzt ist er »nur« Horst Rockel, ein mitfühlender Mensch. »Das ist eine spannende Erfahrung, die auch mit Unsicherheiten verbunden ist«, schildert er.

Am Ende des Lebens nicht alleine zu sein, in vertrauter Umgebung zu leben und möglichst schmerzfrei zu bleiben, wünschen sich die meisten Menschen. Die Mitarbeiterinnen des ambulanten Hospizdienstes stehen Sterbenden und ihren Angehörigen hilfreich zur Seite. »Wegweisend für uns sind immer die Bedürfnisse des Sterbenden, er führt Regie«, beschreibt Birgit Kurz. Sie hat den ambulanten Hospizdienst vor 20 Jahren beim Caritasverband aufgebaut, heute ist sie mit Michaela Augustin-Bill dort tätig. Zum Team gehört ein Kreis ehrenamtlicher Mitarbeiter. Deren Einbeziehung, so Kurz, sei ein unabdingbarer Bestandteil des Angebotes. »Sie tragen die Hospizidee in die Gesellschaft und sorgen für einen angemessenen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer«, erklärt Kurz. Die Pädagogin weiß aus Erfahrung, wie intensiv besonders Selbsterfahrungswochenenden von den Teilnehmern wahrgenommen werden.

Auch für psychisch stabile Menschen ist die Auseinandersetzung mit dem Lebensende eine Herausforderung, sie werden mit Ängsten konfrontiert oder an familiäre Erlebnisse erinnert, Dass man diese Themen auch digital behandeln kann, war für sie nicht vorstellbar. »Ich war eine große Bedenkenträgerin«, sagt sie. Doch das Ausprobieren hat sie eines Besseren belehrt. »Ich war positiv überrascht«. erklärt sie. Zudem, ergänzt Augustin-Bill, hätten die Profis zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, die emotionale Situation, in der sich die Teilnehmer befänden, nicht einschätzen zu können oder eine problematische Stimmungslage nicht auffangen zu können.

Das bestätigt auch Carolin Röse. Die 22-Jährige betont, sich im Chat zu jeder Zeit gut gefühlt zu haben. »Die Kursleiterinnen haben das sehr gut moderiert«, versichert sie. Ihnen sei gelungen, dem schweren Thema Leichtigkeit zu geben. »Der Abschied kann auch schöne und heitere Momente haben, das hat sich in unseren Diskussionen gespiegelt«, sagt Röse. Sie hat sich für die Ausbildung zur Sterbebegleiterin entschieden, weil sie als Teenager den Abschied von ihrer Großmutter begleiten durfte. »Es war schwer, aber es war auch eine Bereicherung«, fasst die Frau ihre Motivation zusammen.

Die Teilnehmer werden Schwerkranke und Sterbende besuchen, gleichzeitig werden sie sich regelmäßig mit den Hospizbegleiterinnen des Caritasverbandes austauschen. Alle wünschen sich, dass bald wieder Präsenztermine stattfinden können. Aber sie wissen nun auch, dass die digitale Alternative funktioniert. Im Sommer 2020 hatten sie »Trauerspaziergänge« ausprobiert und festgestellt, dass Gespräche während des Gehens eine gute Ergänzung zu »Büroterminen« sind. Die Hospiz- und Trauerarbeit ist in Bewegung - in mehrfacher Hinsicht.

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