1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Nachhaltigkeit: Neues Gesetz sorgt bei Gießener Gastronomen für gemischte Gefühle

Erstellt:

Kommentare

Das neue Verpackungsgesetz verpflichtet die Gastronomie dazu, Kunden Mehrwegverpackungen als Alternative anzubieten. In Gießen läuft die Umsetzung schleppend.

Gießen - Die Salatbar bei Rewe, die Cheeseburger, die pünktlich zur Mittagspause ins Büro kommen, oder der Kaffee zum Mitnehmen: Sie alle sind vom neuen Verpackungsgesetz betroffen.

Bietet ein Unternehmen Speisen zum Mitnehmen an, ist es seit dem ersten Januar dieses Jahres dazu verpflichtet, dem Kunden statt Kunststoff-, Mehrwegbehälter anzubieten. Auf dieses Angebot muss es gut sichtbar aufmerksam machen. Dies gilt auch für Lieferdienste, die diesen Hinweis auf ihrer Seite vermerken müssen.

Ausgenommen von dieser Regelung sind Betriebe, die höchstens fünf Mitarbeiter beschäftigen und gleichzeitig auf einer Fläche von höchsten 80 Quadratmetern Speisen verkaufen. Doch auch sie müssen Kunden die Ware auf Wunsch in mitgebrachte Behälter füllen - und ebenfalls durch Schilder auf diese Möglichkeit hinweisen.

Gastronomie in Gießen: „Früher war es kein Problem, die Hälfte des Schnitzels einzupacken“

Bei einem Rundgang durch die Gießener Innenstadt findet sich auch nach längerer Suche kein solches Hinweisschild - egal, ob es um Sushi, Döner oder Burger geht.

Die Gaststätte »Zum Löwen« nutzt ihr Mehrweggeschirr seit Anfang Januar. Inhaber Antonio Viterale sieht auch kritische Seiten des Gesetzes. Er erklärt, dass viele Gäste des Löwen Senioren sind. »Früher war es kein Problem, ihnen die Hälfte des Schnitzels einzupacken, wenn sie es nicht geschafft haben.« Dass jetzt fünf Euro Pfand fällig würden, bedeute eine Umstellung.

Auch etwas zu bestellen, sei nicht mehr so einfach. Bei vier Salaten kämen erst einmal 20 Euro Pfand hinzu. Vielleicht hätte man das abzugebende Leergut nicht immer parat, wenn man sich zum Beispiel etwas zur Arbeit oder zu Freunden bestelle.

Dass jemand in der Vergangenheit nach Mehrweggeschirr oder der Verpackung in eigene Behältnisse gefragt hätte, sei noch nicht vorgekommen.

Gießen: Viele Kunden behalten die Mehrwegverpackungen

Für die »Löwen«-Gastronomen ist das neue System eher eine finanzielle Erleichterung: Verpackungsmaterial nämlich sei Kunden früher nie berechnet worden.

Der Interims-Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Hessen, Oliver Kasties, betont die Herausforderungen des neuen Gesetzes. »Viele Gäste lassen die Pfandfrist verstreichen, um die Mehrwegverpackungen für den privaten Gebrauch zu nutzen, weil diese oft vom Design her sehr schick sind«, macht er auf Schwachstellen im Pfandsystem aufmerksam.

oli_mehrweggeschirr_1801_4c_2
Schon fast zwei Jahre Mehrweg-Erfahrung hat das Gianoli in Gießen. © Oliver Schepp

Während der ersten zwei Wochen des neuen Gesetzes seien viele Rückfragen bei der Dehoga eingegangen. Ein Beispiel dafür seien die rechtlichen Aspekte beim Befüllen kundeneigener Gefäße. »Diese sind oft unterschiedlich gut gereinigt und dürfen nicht hinter die Theke - deshalb existieren bei vielen Gastronomen noch Unsicherheiten, wann ihre Verantwortung für die Hygiene anfängt und wann sie aufhört«, führt Kasties aus.

Insgesamt sei jede Idee, die Plastik vermeide, eine gute Idee. Für manche Speisen sei ein passender Mehrweg-Behälter von der Industrie allerdings schlicht noch nicht entwickelt worden: »Ich kenne bislang etwa keine Mehrwegverpackung, die für Pommes frites funktioniert. Knusprig, wie im Restaurant - das klappt mit geschlossenen Verpackungen nicht.«

Salatbar Tom & Sallys in Gießen: „Corona hat wieder viel kaputt gemacht“

Die Salatbar Tom & Sallys in Gießen bietet bereits seit Anfang 2020 Mehrweggeschirr an. Inhaber Tobias Voigt erzählt, dass die Entwicklung schon 2017 bis 2019 begann, als immer mehr Leute nach einer nachhaltigen Verpackung fragten. »Es war eine sehr lange Reise, wir haben über 100 Schalen getestet«, berichtet er. »Corona hat wieder viel kaputt gemacht«, zieht er Bilanz. Wurden vorher gut 50 Prozent der Salate in Mehrweggeschirr verkauft, sind es nun nur noch gerade einmal 20 Prozent.

»Insgesamt haben wir eher finanzielle Verluste gemacht«, sagt Voigt. Etwa, wenn Leute statt der hauseigenen Schüsseln, die zehn Euro Pfand kosten, die zum Verwechseln ähnlich aussehenden Schüsseln von Rebowl, die nur fünf Euro Pfand kosten, zurückgegeben hatten und dann dafür zehn Euro zurückerstattet bekommen haben. Auch für den zusätzlichen Spülvorgang hätten zwei weitere Mitarbeiter eingestellt werden müssen, gibt Voigt zu bedenken.

Gastronomie in Gießen: Jahrelange Mehrweg-Erfahrung

Nichtsdestotrotz möchte er sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. »Manche Kunden bestellen auch komplett in Mehrweg, das macht Spaß.«

Gastronomen, die gerade auf Mehrweggeschirr umstellen, würde er raten, ein System auszuprobieren und es dann den Kunden auch anzubieten.

Die Mensen des Studentenwerks Gießen haben bereits Ende Juli 2021 Einweggeschirr durch Mehrwegboxen von Vytal ersetzt. Die Ausleihe ist für Studierende kostenlos, wenn sie zuvor die App des Anbieters herunterladen und - für den Fall einer zu späten Rückgabe von mehr als 14 Tagen - eine Zahlungsart hinterlegen. »Stand heute konnten wir bereits mehr als 15 600 Einwegverpackungen einsparen«, zieht Eva Mohr vom Studentenwerk Bilanz.

Auch mit der Qualität des Geschirrs sei man sehr zufrieden: »Wir mussten in der gesamten Laufzeit erst eine Schale aussortieren.« (red)

Auch interessant

Kommentare