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Nachdenklicher Abschied vom Bösen

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Peer Schlechta an der Orgel der Moruskirche © Christian Lugerth

Gießen (clg). Ein bisschen »spooky« war die Atmosphäre, die einen empfing, als man am Freitag die Thomas-Morus -Kirche betrat - in Erwartung der Aufführung der dieses Jahr hundert Jahre alt gewordenen Mutter aller Gruselfilme »Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens« von Regisseur F.W. Murnau. Zwar standen, wie Veranstalter Jakob Handrack anfangs scherzhaft erwähnte, keine offenen Särge neben dem Altar, jedoch trugen ein in blaues Licht getauchter Altarraum, flackernde Teelichter auf den Gebetsbänken, stark heruntergedimmtes Licht und ein in gespannter Erwartung nur flüsterndes Publikum das ihre dazu bei.

Gezeigt wurde eine restaurierte Fassung des Filmes, die 2005 bis 2006 von Luciano Berriatúa und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung erstellt wurde, wobei das Meisterwerk komplett digitalisiert und jedes Einzelbild bearbeitet wurde, um es von Altersschäden zu befreien. So schnurrte Nosferatu, ohne zu ruckeln und zu wackeln unter Federführung des Teams vom Offenen Kanal Gießen über die große Leinwand. Was die Zuschauer in den nächsten spannungsgeladenen 91 Minuten zu sehen bekamen, war nicht nur die Symphonie des Grauens, sondern auch eine Symphonie des Entzückens. Zu verdanken war dies dem Kasseler Organist und Musikwissenschaftler Peer Schlechta, der das Werk auf der Orgel begleitete und zu neuem Leben erweckte.

Zum dritten Mal, erzählte er nach der Aufführung, habe er Nosferatu musikalisch begleitet - und jedes Mal vollkommen anders. Neben seiner Orgel steht ein kleiner Monitor, auf den der Film, den er zwar in- und auswendig kenne, für ihn zu sehen ist. Tastend und suchend beginnt er seine anderthalbstündige Improvisation. Langsam bauen sich musikalische Themen auf, atmosphärische Flächen, die den einzelnen Figuren zugeordnet werden können, wobei es sich dabei nicht um sogenannte Jingles handelt, wie bei moderner Filmmusik oft üblich. Eher wirkt es, als ströme die Musik aus den Köpfen der Figuren, bildet deren Befürchtungen und Ängste ab. Ein beinahe psychologischer Sound.

Dissonante Töne bei Graf Orlok

Wenn zum Beispiel das erste Mal Nosferatus Name Graf Orlok fällt und Entsetzen in den Gesichtern auf der Leinwand einzieht, zerfällt die musikalische Begleitung in einzelne dissonante Töne, es wummern die tiefsten Register. Wenn Orlok seinen Gast, den naiven Hutter, in seiner Burg aufgenommen hat und der Zeiger auf die mitternächtliche Stunde vorgerückt ist, Orlok zum spinnenfingrigen Blutsauger mutiert, schleicht sich der Horror in einem sich ewig hinziehenden Crescendo an, bis die Orgel beinahe triumphierend den Einzug des Bösen zelebriert. Wenn sich das von Orlok gekaperte Schiff, beladen mit Särgen, Ratten und der Pest, Wyborg, der Heimatstadt Hutters nähert, klingt Schlechtas Spiel wie ein heranziehendes Orkantief. Wenn dann am Ende Ellen, die reine und »sündlose« Frau von Hutter, sich Orlok hingibt, dieser sich in der fremden Geliebten verliert, so den ersten Hahnenschrei verpasst und als Rauchwolke endet, feiert die Orgel nicht den Sieg über das Böse, sondern verabschiedet sich fast nachdenklich. Ein verhallendes Echo, die Liebe hat über das Böse gesiegt und die Orgel tritt ab. Großartig.

Zum Abschied bemerkt Jakob Handrack, dessen Programmgestaltung der Kulturkirche mehr und mehr das Prädikat »Besonders wertvoll« verdient, dass ein guter Gruselfilm seine Wirkung erst nach einigen Tagen entfalten würde. Warten wir es also ab.

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