Abstand halten ist das Gebot der Stunde. In den dazu vorbereiteten Klassenräumen klappt das auch gut, sagt Dirk Hölscher, Leiter der Liebigschule. FOTO: FRIEDRICH
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Abstand halten ist das Gebot der Stunde. In den dazu vorbereiteten Klassenräumen klappt das auch gut, sagt Dirk Hölscher, Leiter der Liebigschule. FOTO: FRIEDRICH

Unterricht

Nach dem Schulstart: Gemischte Bilanz in Gießen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Seit Montag findet an Gießener Schulen für einige Gruppen wieder der Unterricht statt. Vieles läuft den Umständen entsprechend gut, einiges weniger gut. Für alle Beteiligten ist es vor allem eine Zeit des Lernens.

Schulen sollen mehr sein als Lernorte. Sie können auch Schutz- und Lebensraum für Kinder und Jugendliche sein. Beides wird gerade während der Corona-Pandemie und dem seit Montag stattfindenden Präsenzunterricht deutlich. Dr. Frank Reuber, Leiter der Ostschule, sagt, die Lehrkräfte vermissten den Kontakt zu ihren Schülern: "Als Vollblutlehrer ist Distanz etwas ganz Schlimmes." Martina Röder, Leiterin der Aliceschule, erzählt: "Die Schüler freuen sich, wieder da zu sein." Und Dirk Hölscher von der Liebigschule betont, Homeschooling könne auf Dauer den Präsenzunterricht nicht ersetzen: "Alle brauchen den persönlichen Kontakt. Wir müssen langsam vorgehen, um den Schülern das Gefühl zu geben, dass es weitergeht."

Abstands-Appell

Seit Montag gibt es für bestimmte Schülergruppen wieder Präsenzunterricht an den Schulen; dies gilt für die Abschlussklassen, in Gießen also für insgesamt etwa 3000 der 17 000 Schüler. Alleine an der Gesamtschule Gießen Ost sind es 350: die Schüler der Q 2 sowie der Jahrgangsstufen neun und zehn. Reubers erstes Fazit: "Grundsätzlich klappt es." Die drei Jahrgänge sind auf drei Gebäude und dort auf mehrere Räume verteilt. Damit Lehrer, Räume und Lerngruppen nicht mehrmals am Tag wechseln, wird pro Tag jeweils einer der beiden Leistungskurse sowie Deutsch und Mathe unterrichtet. "Wir wollen das Wandern innerhalb der Schule unterbinden."

Das klappt gut - auch wegen des Einbahnwegesystems innerhalb der Schule. Nur falle es vor allem den älteren Schülern schwer, sich an die Abstandsregeln zu halten. "Das erleben wir auf dem Schulweg genauso wie auf dem Pausenhof", sagt Reuber. Die Lehrkräfte appellierten oft an die Jugendlichen, nicht zu nah zusammenzustehen.

Ein großer Teil der Schüler wird weiterhin Zuhause unterrichtet. Die Ostschule hat bereits Erfahrungen mit digitalem Lernen und konnte dieses Wissen nutzen, sagt Reuber. Nicht, dass alles perfekt läuft, aber dafür ist Zeit für Kreativität und fürs Um-die-Ecke-Denken: So haben Lehrer im Fernsehstudio der Schule Filme aufgenommen - zum Beispiel von Experimenten. Die können die Schüler abrufen.

"Die Situation hat auch was Gutes", sagt Reuber. "Wir lernen dazu und rücken zusammen." Dem Schulleiter ist zum Beispiel klar, dass manche Schüler schlecht erreichbar sind, weil ihnen zum Beispiel kein Laptop zu Verfügung steht. Deshalb stellt die Schule Netbooks bereit. Und einige Eltern haben Laptops gespendet, die aufgerüstet nun verliehen werden können.

An der Liebigschule werden seit Montag 50 Jugendliche unterrichtet. "Das ist sicherlich einfacher zu organisieren als an der Ostschule", sagt Lio-Leiter Hölscher. Die Gymnasiasten sind in den größten Räumen untergebracht und sitzen dort mit einem Abstand von zwei Metern an ihren Tischen. Apropos Abstand: Auch an der Lio fällt es einigen Q 2-Schülern schwer, diesen einzuhalten. "Manche vergessen es einfach", glaubt Hölscher.

Wie an der Ostschule auch, findet an der Liebigschule Unterricht in den zwei Leistungskursen sowie in Deutsch und Mathe statt. Die 18 Wochenstunden sind auf drei Tage verteilt; zusätzlich erhalten die Schüler im Präsenzunterricht noch Aufgaben für Zuhause. Das sogenannte Homeschooling für die übrigen Klassen läuft parallel weiter. Die Versorgung der Schüler mit Unterrichtsmaterial und Aufgaben habe angesichts der kurzen Vorbereitungszeit gut funktioniert, sagt Hölscher. Der Großteil der Schüler habe die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten - mal abgesehen von technischen Problemen mit Druckern oder Scannern. Was Hölscher aufgefallen ist: Viele Schüler arbeiteten mit dem Smartphone: "Und das ist nicht gut."

Ähnlich wie sein Kollege Reuber sieht auch Hölscher in der derzeitigen Situation positive Aspekte: "Wir lernen digital unheimlich viel dazu." Lehrer stellen ihren Schülern Erklärfilme zu Verfügung, die Klassen kommen in Gruppenchats zusammen. Und trotz der Kontakteinschränkungen bemüht sich die Lio, ihren Abiturienten einen gebührenden Abschied zu ermöglichen. Dazu, sagt Hölscher, liefen zurzeit Gespräche mit mehreren Behörden.

Kontakt halten

Unter anderen Voraussetzungen läuft der Präsenzunterricht an der Aliceschule wieder an. In der Berufsschule gibt es mehrere Abschlussklassen; deshalb sind 300 Schüler vor Ort. Leiterin Martina Röder sagt, die meisten der Aliceschüler gingen verantwortungsbewusst mit der Situation um. Beispielsweise tragen sie außerhalb des Klassenzimmers ihren Mundschutz.

Röder ist froh, dass die ersten Schüler wieder zurück in der Einrichtung sind. Sie sagt, Homeschooling für bestimmte Schülergruppen habe wenig mit Unterricht zu tun. Es sei eher ein Kontakthalten. "Bei Teilen unserer Schülerschaft stecken viele Schicksale dahinter", sagt sie. Da müsse viel pädagogische Arbeit neben dem Vermitteln des Lernstoffs geleistet werden. "Immer wieder hat uns unser Pädagogenherz gepackt, und wir wären liebsten zu manchen Schülern gefahren", erzählt sie. "Aber es ging ja nicht." Nach Wochen der Frustration und Hilflosigkeit bei einigen Aliceschülern gehe es nun darum, wieder im Schulalltag anzukommen - und sich über das Erlebte auszutauschen.

Info: Stadtschülerrat sieht positiven Start

Der Stadtschülerrat sieht den teilweisen Wiederaufnahme des Schulbetriebs positiv. Viele Schüler gingen "erwartungsvoll" in die kommenden Wochen. Der Grund: Den häuslichen Unterricht hätten einige als stressig empfunden. Positiv sei auch, dass sich der Stundenplan "nur auf das Nötigste" beschränke, sagt Emilia Michler, Schulsprecherin der Brüder-Grimm-Schule). Bedenken gebe es aber bezüglich der Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften.

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