Revikon-Chef Daniel Beitlich hat nach der Otto-Absage bereits Gespräche mit neuen Interessenten für das ehemalige AAFES-Gelände geführt. Die Suche nach einem Logistikunternehmen, das viele Arbeitsplätze nach Gießen bringt, läuft. 
+
Revikon-Chef Daniel Beitlich hat nach der Otto-Absage bereits Gespräche mit neuen Interessenten für das ehemalige AAFES-Gelände geführt. Die Suche nach einem Logistikunternehmen, das viele Arbeitsplätze nach Gießen bringt, läuft. 

Nach Otto-Absage

Nach Otto-Aus in Gießen: Investor Beitlich über neue Pläne für AAFES-Gelände

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
    schließen

Ende März hat der Otto-Konzern sein Vorhaben aufgegeben, in Gießen ein Logistikzentrum zu errichten. Im GAZ-Interview spricht Investor Daniel Beitlich über Hintergründe und seine neuen Pläne.

Herr Beitlich, haben Sie sich von der Otto-Absage schon erholt?

Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch und schaue gerne nach vorne. Die Enttäuschung war schon groß bei uns, denn wir haben viel Herzblut in das Projekt gesteckt. Wir haben aber immer noch ein sehr gutes Grundstück, daran hat sich durch die Absage von Otto ja nichts geändert.

Wann haben Sie davon erfahren, dass Otto doch nicht in Gießen bauen wird?

An dem Tag, an dem auch die Öffentlichkeit davon erfahren hat. Am Karfreitag vor einer Woche. Die Veröffentlichung des Bebauungsplans hatte eine zuvor verhandelte Frist in Gang gesetzt, durch die Otto die Möglichkeit hatte, im April vom Vertrag zurückzutreten. Diese Option hat Otto gezogen. Das Unternehmen hat sich dabei vertragskonform verhalten.

Hat sich diese Entscheidung abgezeichnet?

Vielleicht ein ganz kleines bisschen. Wir haben uns ja recht früh mit Otto verheiratet für dieses Projekt. Im Laufe der Zeit haben wir natürlich auch mitbekommen, dass die Kosten für den Neubau deutlich gestiegen sind und das Vorhaben ganz schön teuer wird. Die zunächst eingeplanten 300 Millionen Euro wären wohl deutlich überschritten worden. Das aber als Indikator zu nehmen, dass Otto einen Rückzieher macht, wäre übertrieben gewesen. Es kam überraschend. Wir sind bis zu diesem Freitag felsenfest davon ausgegangen, dass es klappt. Und Otto war unser Wunschpartner, weil wir den Namen und die Firma extrem spannend finden.

Otto hat neben den gestiegenen Kosten auch die Corona-Krise als Grund für den Rückzieher angeführt.

Ich glaube auch, dass die Corona-Krise eine Rolle gespielt hat. Sie führt derzeit zu einer extremen Verunsicherung bei allen Unternehmen. Ich kann mir vorstellen, dass das ein i-Tüpfelchen war, denn auch Otto muss schauen, was Corona mit dem Unternehmen macht. Otto ist ja nicht nur Onlinehändler. Der Konzern ist sehr breit aufgestellt. Die ECE-Center sind eine Otto-Tochter. Wenn ein Einkaufszentrum wie das in Wetzlar leer steht, haben die schon ein Problem. Mir persönlich ist es aber lieber, sie steigen jetzt aus, als dass sie das Gelände kaufen und dann nicht bebauen, denn wir haben ein Interesse daran, etwas für Gießen zu erschaffen und wollen nicht, dass das Grundstück jahrelang brach liegt. Das wäre der Sache nicht dienlich gewesen. Wir können also wirklich nach vorne gucken.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Das Otto-Grundstück bleibt ein sehr gutes Grundstück. Ein Areal mit diesen Begebenheiten wird man mitten in Deutschland nicht noch einmal finden. Wir haben einen ordentlichen Bebauungsplan, Autobahn- und Stadtbusanbindung. Das Areal ist fünf Minuten von der Innenstadt entfernt. Gießen hat als Stadt viel zu bieten, vom Hotelbett bis zur Nahversorgung, Universität und THM. Wir haben alles, was man braucht. Und diese Dinge findet man nicht auf einer grünen Wiese

Gibt es schon Interessenten?

Ja. Da Otto abgesagt hat, sehen einige jetzt ihre Chance auf dieses Ausnahmegrundstück. Die ersten Gespräche sind bereits gelaufen und es gibt eine Handvoll Interessierte, die die Rahmenparameter prüfen und untersuchen, ob sie ihr Konzept auf unserem Areal umsetzen können. Wir legen Wert darauf, dass die Gespräche in enger Abstimmung mit der Stadt laufen.

Bleiben Sie bei der Suche nach einem neuen Nutzer dem Logistikkonzept treu?

Ja. Wir wollen auf jeden Fall das mit der Stadt besprochene Konzept umsetzen. Von Anfang an war der Wunsch aller Beteiligten eine Art Nachfolgenutzung für AAFES zu finden, denn seit dem Zweiten Weltkrieg war an diesem Standort Logistik mit vielen Arbeitsplätzen angesiedelt. Daran hat sich nichts geändert und dazu passt auch der Bebauungsplan. An dem wollen wir nicht rütteln. Wir suchen einen Logistiker, der unter den vorhandenen Gegebenheiten möglichst viele Arbeitsplätze nach Gießen bringt. Es soll auch bei einem großen Nutzer bleiben Und über Bauhöhen und Frischluftschneisen wollen wir genauso wenig diskutieren wie über das Verkehrskonzept und die Anzahl der Verkehrsbewegungen.

Das wird die Menschen in Wieseck und in Rödgen nicht erfreuen, die sich durch die Absage von Otto eventuell auch erhofft haben, dass über das Thema Verkehr noch einmal gesprochen wird.

Das wird nicht so sein. Wir verfolgen das Verkehrskonzept genau so weiter. Ich bin auch nach wie vor überzeugt, dass die Angst der Wiesecker und Rödgener vor Schleichverkehr durch ihre Stadtteile unbegründet ist. In der Vergangenheit hatten wir hier auf den Baustellen auch Tausende Lkw-Bewegungen, ich habe keinen davon in Wieseck oder Rödgen gesehen. Ich teile die Bedenken nicht. Aber mehr Verkehr wird es durch einen neuen Nutzer auch nicht geben.

Können Sie über die ersten Gespräche schon etwas verraten?

Das wäre noch zu früh. Es kann durchaus sein, dass es einen Bauherren gibt, der baut und dann mehrere Anbieter beheimatet, oder es baut ein Dienstleister, der dann für mehrere Versandhändler aktiv ist. Das wäre vorstellbar. Wir hoffen, dass es sehr schnell geht, denn wir wollen die Nachfrage nach Logistikflächen, die durch die Corona-Krise keinen Knick erfahren hat, nutzen.

Hat die Logistikbranche vielleicht sogar von der Corona-Krise profitiert?

Wenn man von Gewinnern einer Krise sprechen darf, dann dürfte die Logistikbranche tatsächlich ein Gewinner sein. Ich denke, diese Krise hat der Wirtschaft gezeigt, dass das Just-in-time-Geschäft, bei dem alle Güter im Lkw auf der Autobahn oder auf einem Schiff auf dem Seeweg von China "gelagert" werden, überdacht werden muss. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft wieder mehr bevorratet werden wird. Wenn Lieferketten reißen, brauchen die großen Player trotzdem Material. Dass weiterhin alles im Stundentakt direkt ans Produktionsband geliefert wird, kann ich mir nicht vorstellen.

Welche Lehren zieht die Revikon aus der Krise?

Corona wird eine gesellschaftliche Veränderung herbeiführen. Wenn wir die Gesundheitsthemen abgearbeitet haben, wird es um die Wirtschaft und die Währung gehen. Die wichtigste Frage ist: Wann bekommen Menschen und Unternehmer wieder Vertrauen? Corona sorgt für eine Vertrauenskrise. Wir Menschen müssen wieder Vertrauen fassen in offene Grenzen, in Europa, in unseren Arbeitsplatz, in eine Urlaubsreise. Nur dann werden Entscheidungen getroffen. Das betrifft auch die Revikon. Ein Unternehmer muss Vertrauen in die Zukunft haben, sonst baut er keinen neuen Standort auf. Ein Privatmann muss Vertrauen in seinen Job haben, sonst kauft er keine Wohnung.

Das wird für alle eine große Aufgabe.

Klar. Ich fühle mich als Unternehmer aber verpflichtet, der Gesellschaft dieses Vertrauen wieder zu geben. Wir müssen anpacken. So wie jetzt die medizinischen Berufe oder die Angestellten in Supermärkten gefordert sind, so sind wir Unternehmer im zweiten Schritt gefordert, diese Krise zu bewältigen. Als Projektentwickler wird es für uns eine Delle geben und alles länger dauern, als wir es gewohnt sind, weil sich Unternehmen neu aufstellen müssen. Wir ziehen uns aber nicht ins Schneckenhaus zurück, sondern wollen unseren Beitrag leisten, wirtschaftlich wieder Ruhe in die Gesellschaft zu bringen. Ich werde jetzt angreifen, damit uns das gelingt. Deswegen bauen wir auch die Straßen auf dem Otto-Areal und den Anschluss an den Kreisel fertig - und zwar jetzt. Unabhängig davon, was mit dem Grundstück passiert.

Der Revicon-Chef

Daniel Beitlich (Jg. 1969) wurde in Frankfurt geboren. Bereits im Alter von 16 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen. Mit Abschluss des Abiturs am Ziehn- Gymnasium in Frankfurt (1989) führte er bereits mehrerer eigene Handelsunternehmen. Als Geschäftsführer der Beikon GmbH, der Grundstücksentwicklungsgesellschaft Schiffenberger Weg mbH, der Revikon GmbH und der Konversionsgesellschaft Kaserne Babenhausen GmbH ist er seit über zehn Jahren in der Projektentwicklung gewerblicher Immobilien tätig. Die Revikon gründete Beitlich 2012 gemeinsam mit seinem Partner Martin Bender als spezialisierter Projektentwickler für brachgefallene Industrie- und Militärareale. Schwerpunkte liegen im Ankauf und der planerischen und baulichen Umsetzung von Konversionsprojekten. Bislang hat Beitlich gemeinsam mit assoziierten Unternehmen mehr als 3,5 Millionen m² Grundstücksfläche und über 600000 m² Gebäudefläche revitalisiert, vermietet und veräußert. Zu seinen nennenswerten Projekten zählen u.a. die Entwicklung des ehemaligen Bänninger-Geländes (Baumarkt, Einzelhandel, Schulungsräume und Malersaal des Stadttheaters), die Rivers-Kaserne als Sitz der Verwaltung des Landkreises Gießen, der Aulweg 45 als Sitz des Arbeitsgerichts, ein Projekt mit ca. 700 Wohnungen auf dem früheren US-Gelände in Butzbach und drei Kasernenareale in Gießen (US-Depot), Babenhausen und Büdingen mit mehr als 2 Millionen m² Fläche. Beitlich lebt mit Ehefrau Vera und drei Jungs im Alter von 10 bis 22 Jahren im Stadtteil Allendorf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare