1997 wird im Fasanenweg eine 28 Jahre alte Frau von ihrem 37-jährigen (Noch-)Ehemann getötet.
+
1997 wird im Fasanenweg eine 28 Jahre alte Frau von ihrem 37-jährigen (Noch-)Ehemann getötet.

Mord verjährt nicht

Nach Mord an Ehefrau in Gießen: Ist der Täter wirklich psychisch krank?

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
    schließen

Gießen, 1997: Mit einer nicht erklärbaren Brutalität tötet ein 37 Jahre alter Mann seine Ehefrau. Vor Gericht fällt er mit wirren Aussagen auf. Ist Valentin J. psychisch krank - oder spielt er nur eine Rolle?

Ausgerechnet in einer Illustrierten will der Gießener Valentin J. Drohungen gegen sich entdeckt haben. Denn in einem Kreuzworträtsel in der »Frau im Spiegel« finden sich folgende Fragen und Antworten: Körperteil - Zunge, Regenbogenhaut des Auges - Iris, Verb - schnüren. »In dieser Zeitung finden Sie mehr Antworten auf die Frage, was mir passieren könnte«, sagt der 37 Jahre alte Mann 1998 zu Richter Holger Gaßmann. »In diesem Rätsel ist mein ganzes Leben beschrieben.« Auch in Werbeprospekten sei symbolisch auf den Tag seines Todes hingewiesen worden, sagt er. Valentin J. ist kein Opfer, sondern Angeklagter. Vorm Landgericht Gießen wird ihm der Prozess gemacht, weil er 1997 seine neun Jahre jüngere Ehefrau ermordet hat. Das Gericht steht vor der Frage: Ist dieser Mann psychisch krank - oder spielt er diese Rolle nur?

Der 5. September 1997 ist ein Freitag. In einem Mehrfamilienhaus am Fasanenweg hören Nachbarn aus der Wohnung von Valentin J. ab 21 Uhr Krach. Ein Zeuge glaubt, das sich immer wieder lautstark streitende Paar habe sich versöhnt und mache nun »Spielchen«. Dass die Frau hörbar um Hilfe ruft, kann er eigentlich kaum missverstanden haben. Doch niemand greift ein, niemand ruft die Polizei. Gegen 23 Uhr findet eine Bewohnerin des Hauses Valentin J. blutüberströmt im Treppenhaus liegen: Er hat versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bevor Rettungsdienst und Polizei eintreffen, sagt er: »Ich habe meine Frau getötet.«

Valentin J. und seine 28 Jahre alte Ehefrau leben zu dieser Zeit getrennt voneinander. Zu oft müssen sie sich gestritten haben; der Gießener muss seiner Partnerin gegenüber immer wieder gewalttätig geworden sein. Sie trennt sich von ihm, zieht nach Südhessen zu ihren Eltern und nimmt das gemeinsame Kind mit. Zeugen berichten später, dass Valentin J. sehr an dem damals fünfjährige Baby gehangen habe. Einmal soll er zu seiner Frau gesagt haben: »Ich werde dich töten, und dafür gehe ich auch ins Gefängnis.«

Rechtsmedizin der Uni Gießen mit erschreckendem Obduktionsbericht

An jenem Septembertag will die 28 Jahre alte Frau letzte persönliche Gegenstände abholen. Warum Valentin J. in der Wohnung anschließend derart ausrastet, kann auch im Ende Februar 1998 eröffneten Verfahren nicht endgültig geklärt werden. Was der Gießener aber getan hat, lässt selbst erfahrene Ermittler nicht kalt. Der Arzt vom Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Gießen stellt bei der Obduktion der Frau mindestens 48 Verletzungen fest. Sehr wahrscheinlich hat Valentin J. ihr zunächst mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Dann greift er sie zuerst mit einer abgebrochenen Glasflasche an und schneidet ihr anschließend mit einem Messer die Kehle durch; dabei trennt er fast vollständig den Kopf vom Rumpf. Sieben Stiche zählt der Rechtsmediziner - jeder für sich wäre tödlich gewesen. Dabei muss die 28 Jahre alte Frau zumindest teilweise bei Bewusstsein gewesen sein, denn es finden sich Abwehrverletzungen zum Beispiel an den Armen.

Geständig zeigt sich Valentin J. gleich zu Beginn des Prozesses. Ansonsten ist er aber unkooperativ und fällt mit merkwürdigem Verhalten auf. So fragt ihn Richter Gaßmann nach seiner Jugend und seinem beruflichen Werdegang. Doch bevor er darauf antwortet, lässt der gebürtige Rumäne vom Dolmetscher einen Brief vorlesen und verbessert diesen ständig - flüsternd, weil durch den Selbsttötungsversuch seine Stimmbänder in Mitleidenschaft gezogen wurden. In dem Schreiben teilt Valentin J. mit, er sei zu der Tat getrieben worden, weil er vom Arbeitsamt keinen anständigen Deutschkurs finanziert bekommen habe. Er habe nicht als Ingenieur arbeiten können und sei verzweifelt gewesen. Außerdem beleidigt der Gießener in dem Brief seinen Pflichtverteidiger.

In Gießen: Angeklagter spricht von und in Rätseln

Im Prozess geht es nicht um die Frage, ob Valentin J. bestraft werden muss - sondern vielmehr wie. Weil der Angeklagte weder mit seinem Anwalt, noch mit dem psychiatrischen Gutachter kooperiert, lässt Richter Gaßmann den Angeklagten am zweiten Prozesstag reden. Vermutlich deshalb, um sich einen Eindruck über den geistigen Zustand des Mannes zu verschaffen. Dabei fällt auf: Immer wieder schweift der 37 Jahre alte Mann ab. Als der Richter ihn nach dem Tatgeschehen fragt, antwortet Valentin J wörtlich: »Darf ich eine rhetorische Frage stellen? Wenn Sie seit dem 5. September ständig Drohungen ausgesetzt und von einem auf den anderen Tag acht Zentimeter kürzer wären, Sie das dem Arzt und Anwalt mitteilten und die sich weigerten, die Körpermessung durchzuführen, was würden Sie dann noch sagen? Sie können jetzt sofort messen. Ich bin immer noch vier Zentimeter kürzer.« Gaßmann erwidert: »Sind sie wieder vier Zentimeter gewachsen?« Der Angeklagte daraufhin: »Ja, wahrscheinlich wegen der Bewegung.«

Die Strafkammer findet während der sechs Prozesstage keinen Zugang zu dem Mann, der in Haft einen weiteren Suizidversuch unternimmt und später das Essen verweigert, sodass er zwangsernährt werden muss. Als er vom psychiatrischen Gutachter auf sein Innenleben angesprochen wird, antwortet Valentin J: »Ich fühle mich wie auf einer Insel mit einer Schlucht drumherum.« Der Arzt will wissen, wie diese Insel aussieht. Die Antwort des Mannes, der in seiner Heimat Flugzeuge baute: »Wenn ich die Steine aufeinanderlege, bricht das Fundament zusammen.« All diese Aussagen des Angeklagten nehmen viel Zeit in Anspruch. Sie bringen das Gericht aber nicht in der Frage weiter, warum Valentin J. seine Ehefrau ermordet hat, obwohl er sie nach eigenen Angaben sehr geliebt habe.

Gießen: Einschätzung des psychiatrischen Gutachters entscheidend

Für das Gericht ist die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters entscheidend bei der Frage, ob Valentin J. in Haft oder in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt werden muss. Dr. Heinrich Wilmer ist überzeugt: Der Angeklagte ist kein Psychopath. Bei diesem Krankheitsbild hätte man immer noch ein gewisses System im Verhalten des Betroffenen erkennen müssen. Valentin J. verhalte und äußere sich jedoch so konfus, dass die psychische Erkrankung gespielt sein dürfte. Was die Schwurgerichtskammer an sechs Verhandlungstagen auf eine harte Geduldsprobe stellte, soll also ein Schauspiel des Angeklagten gewesen - so jedenfalls die Einschätzung des Fachmanns.

Am Ende des Tages spricht Richter Gaßmann das Urteil: Valentin J. muss wegen Totschlags elf Jahre ins Gefängnis. Die Anklage hatte noch auf Mord gelautet. Doch seien dafür die Merkmale wie Habgier oder Befriedigung des Geschlechtstriebs nicht erfüllt, sagt er in der Urteilsbegründung. Auch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Gießener seine Ehefrau im Zustand verminderter Schuldfähigkeit getötet hatte.

Warum Valentin J. eine psychische Erkrankung vorgegaukelt haben könnte, ist schwer zu erklären. Denn wäre er nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuches in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen worden, wäre der Zeitpunkt seiner Entlassung ungewiss gewesen. Bei einer solchen Tat hätte er nach einer Begutachtung eines Arztes sicherlich nicht nach nur wenigen Jahren als geheilt gegolten. Dass Valentin J . sich aber sehr wohl mit dem deutschen Rechtssystem auszukennen scheint, beweist er nach der Urteilsverkündung: Sein Weg führt ihn direkt in die Geschäftstelle des Landgerichts, wo er einen Antrag auf Revision stellt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare