Änne Hoffmann wohnt sehr gerne im Johannesstift. Sie lobt die engagierten Mitarbeiter. 	FOTO: PM
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Änne Hoffmann wohnt sehr gerne im Johannesstift. Sie lobt die engagierten Mitarbeiter.

Alltag unter Corona

Johannesstift Gießen: Corona-Lockdown erinnert Kriegsgeneration teils an alte Traumata

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Bricht Corona in einer Pflegeeinrichtung aus, machen Isolation und Ängste Bewohnern und Angehörigen das Leben schwer. Die Mitarbeiter des Gießener Johannesstifts wollen den Albtraum erträglicher machen.

  • Am Sonntag (27.12.2020) haben mobile Teams auch in Gießen angefangen in Altenheimen zu impfen.
  • Auch im Gießener Johannesstift wurden sowohl Bewohner als auch Personal geimpft.
  • Zurzeit sind dort 25 Bewohner mit Corona infiziert, die Einrichtung ist bis zum 10. Januar geschlossen.

Früher war Änne Hoffmann gerne in der Stadt unterwegs. Sie saß vor dem Café Geißner, oder sie spazierte mit ihrem Rollator durch den Seltersweg. Das geht nun nicht mehr. »Das ist sehr schade, aber mir geht es hier auch gut«, sagt die 84-Jährige. Die Wieseckerin fühlt sich im Johannesstift bestens versorgt. Auf die Mitarbeiter - ob Pflegekräfte, sozialer Dienst oder Reinigungspersonal - lässt sie nichts kommen, alle seien trotz der enormen Belastung freundlich und zuvorkommend. »Sie haben immer ein gutes Wort und ein Lächeln, das macht schon ganz viel aus«, sagt sie.

Natürlich vermisst Änne Hoffmann die gemeinsamen Mittagessen im Speisesaal, die geselligen Treffen und die Plauderei mit den Zimmernachbarn. »Aber sie tun hier alles, um uns bei Laune zu halten«, versichert sie, Spaziergänge im Garten und im Park inklusive. Über zu wenig Ansprache könne sie sich jedenfalls nicht beschweren. »Alle naslang«, sagt sie lachend, komme jemand ins Zimmer und frage nach ihren Wünschen und ob alles in Ordnung sei. »Wie in einem First-Class-Hotel«, scherzt sie.

Johannesstift Gießen: 25 Corona-positive Bewohner

Die Seniorin hat ihren Humor nicht verloren, aber gleichzeitig ist ihr der Ernst der Lage sehr wohl bewusst. Im Johannesstift sind derzeit 25 Bewohner infiziert, 14 hochbetagte Menschen sind gestorben. »Wir müssen jetzt alle zusammen halten, jammern hilft ja nicht«. Dass sie ihre Töchter und Enkel derzeit nicht sehen kann, schmerzt sie sehr, doch dank Telefon und Tablett ist sie dennoch mit der Familie eng verbunden.

Geschäftsführerin Christa Hofmann-Bremer und das Mitarbeiterteam stehen jeden Tag neu vor der Herausforderung, zum einen auf die Einhaltung behördlicher Vorgaben sowie des Hygienekonzeptes inklusive Abstandsregeln und Maskenpflicht zu bestehen, und zum anderen den Bedürfnissen der alten Menschen gerecht zu werden. Das sei ein Spagat, der den Mitarbeitern viel abverlange. »Wir tragen eine große Verantwortung und nehmen unsere Fürsorgepflicht sehr ernst, aber wir können keine Garantie geben«, erklärt Hofmann-Bremer das Dilemma.

Johannesstift Gießen: Besuchsverbot bis zum 10. Januar

Marion Stürmer, die Tochter von Änne Hoffmann, ist in der jetzigen Situation besorgt um ihre Mutter, doch sie ist auch voller Hochachtung für das Personal: »Die Mitarbeiter sind zugewandt und haben immer ein offenes Ohr«. Die 54-Jährige war vor zwei Jahren irritiert von der Entscheidung ihrer Mutter, ins Johannesstift zu ziehen. Doch da Änne Hoffmann sich rundum gut aufgehoben fühlt, hat sie ihren Frieden damit gemacht. »Sie genießt die Geselligkeit«. Dass die Pandemie das Alten- und Pflegeheim so stark getroffen habe, sei weder der Leitung noch den Mitarbeitern anzulasten. »Sie tun rund um die Uhr alles«.

Derzeit gibt es im Johannesstift wenig Geselligkeit, mindestens bis zum 10. Januar bleibt das Haus für Besucher bis auf wenige Ausnahmen noch geschlossen. Die Mitarbeiterinnen des sozialen Dienstes machen so oft wie möglich Einzelbesuche, zudem wird die Übertragungsanlage des Hauses eifrig genutzt. Die Senioren können in ihren Zimmern nicht nur Andachten hören, sondern auch Gedichte und Geschichten. »Das ist richtig schön und nie langweilig«, findet Änne Hoffmann.

Johannesstift Gießen: Beständigkeit der feste Pflegeteams sorgt für Vetrauen

Ein großes Plus des Johannesstifts sei, dass es feste Pflege- und Versorgungsteams und kein ständig wechselndes Personal gebe, schildert Hofmann-Bremer. Diese Beständigkeit sorge für Nähe und Vertrauen.

Dennoch sei die Situation schwierig. Insbesondere für Bewohner mit dementiellen Erkrankungen sind Berührungen und ein Händedruck von großer Bedeutung. Da durch die Maske die Mimik größtenteils verschwinde, sei die Kommunikation erheblich beeinträchtigt. Auch die Angehörigen leiden, denn sie können Mutter oder Vater in der Regel nicht einmal anrufen. Doch auch hier gibt es Lob der Familien: »Ich werde vom Pflegepersonal stets gut informiert«, sagt die Tochter einer dementen Bewohnerin.

Eine Quarantäne im Zimmer ist für demente Menschen verstörend, doch auch für Senioren ohne kognitive Einschränkungen schwer erträglich. »Wir haben es mit der Kriegsgeneration zu tun, da kommen alte Erinnerungen wieder hoch«, schildert Hofmann-Bremer. Für Menschen, die Bombennächte in Kellern verbracht haben oder verschüttet wurden, ist das Gefühl des Eingesperrtseins eine traumatische Erfahrung. Es hat einen Grund, warum in »normalen Zeiten« viele Zimmertüren im Altenheim einen Spalt offen stehen.

Gießen: Hohe Impfbereitschaft im Johannesstift

Noch sind die »normalen Zeiten« nicht in Sicht. »Die Gesichter werden immer blasser, aber die Leute sind sehr tapfer«, sagt eine Mitarbeiterin. Änne Hoffmann ist zuversichtlich. Wenn es soweit ist, wird sie sich aufmachen ins Café Geißner.

Im Johannesstift ist am Sonntag mit den Impfungen der Bewohner begonnen worden, für die kommenden Tage sind weitere Termine geplant. Die Impfbereitschaft liegt laut Geschäftsführerin Christa Hofmann-Bremer bei über 95 Prozent. In der Einrichtung (205 Plätze) waren Anfang der Woche 25 Bewohner mit Corona infiziert, 14 hochbetagte Senioren sind gestorben.

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