Gericht

Nach Horror-Nacht von Wieseck: Schuldfähigkeit ausgeschlossen

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Nachts war er in Gießen-Wieseck in eine fremde Wohnung eingestiegen, überraschte die Bewohner mit einem Messer und verletzte zwei Polizisten. Nun endete der Fall vor Gericht.

Einmütig zeigten sich am Mittwoch in ihren Plädoyers Staatsanwalt Mike Hahn und Verteidiger Oliver G. Persch: Der Angeklagte leidet unter einer paranoiden Schizophrenie, ist daher nicht schuldfähig und gehört nicht ins Gefängnis, sondern gemäß Paragraf 63 Strafgesetzbuch in eine Einrichtung, in der diese Krankheit therapiert werden kann. Auch die Jugendkammer des Landgerichts Gießen unter dem Vorsitz von Richter Andreas Wellenkötter schloss sich dieser Auffassung an und ordnete im Sicherungsverfahren für einen jungen Flüchtling die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Der Eritreer, nach eigener Aussage 16 Jahre, nach Angaben des Staatsanwalts 19 Jahre alt, soll gemäß Anklage am 27. September vergangenen Jahres gegen 3 Uhr nachts in eine Wohnung in der Wiesecker Karl-Ulrich-Straße eingedrungen sein, sich in der Küche dieser Wohnung ein großes Messer geschnappt und mit diesem dem Mieter-Ehepaar einen gehörigen Schrecken eingejagt haben. Das Paar verließ fluchtartig die Wohnung und verständigte die Polizei. Der Eindringling verbarrikadierte sich später im Bad, wo ihn die herbeigerufenen Polizisten erst stellten und dann mit Hilfe mehrerer Kartuschen Pfefferspray sowie weiterer Maßnahmen gefügig machten, sodass er festgenommen werden konnte.

Bei der Festnahme, aber auch später, leistete der junge Mann erheblichen Widerstand. So unternahm er im Bad mit dem großen Küchenmesser mehrfach in Richtung eines Polizeibeamten wuchtige Handbewegungen. Ein mitgeführter Schild verhinderte, dass der Ordnungshüter schwerer verletzt wurde, denn die Stiche waren in Richtung Kopf, Oberkörper, Hals und Schulter gerichtet. Der Beamte zog sich am Mittelfinger einer Hand aber lediglich leichte Schnittverletzungen zu. Später verletzte der Eritreer einen weiteren Polizisten mit einem Fußtritt gegen den Kopf leicht. Der junge Mann hat also Straftaten begangen, die unter Hausfriedensbruch, versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte firmieren. Keine Kavaliersdelikte.

Schizophrenie bescheinigt

Der Sachverhalt war unstrittig, der Angeklagte weitgehend geständig, doch seine Handlungen und Aussagen waren nicht geeignet, ihm eine volle Schuldfähigkeit zu attestieren. So hatte er angegeben, von einem anderen Mann bzw. seinen Häschern verfolgt zu werden und war vor diesen aus seiner in eine Wohnung auf der anderen Straßenseite geflohen. Angeblich hatte er, als er sich im Bad verschanzte, die Polizisten als solche nicht erkannt. Auch zwei Stunden zuvor, als die Polizei schon einmal in die Karl-Ulrich-Straße gerufen worden war, weil der Eritreer wegen nächtlicher Ruhestörung zur Räson gebracht werden musste, will er einen Polizisten nicht erkannt haben. In beiden Fällen sprach er mit demselben Beamten. Außerdem bezeichnete er die Ordnungshüter als "Scheiß-Bullen". Er wirkte jedenfalls in diesen und weiteren Situationen verwirrt, sodass das Amtsgericht Gießen später die vorläufige Unterbringung in eine psychiatrische Klinik verfügte. Nach einem Gutachten von Dr. Volker Hofstetter, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Vitos-Kliniken in Gießen und Haina liegt (und lag auch während der Tatzeit) bei dem Beklagten eine akute paranoide Schizophrenie vor. Damit musste ihm die Schuldfähigkeit bei den rechtswidrig begangenen Taten abgesprochen werden.

Nach der medikamentösen Behandlung müsste später die eigentliche Therapie folgen. Dazu wäre es allerdings unabdingbar, dass der Eritreer die deutsche Sprache erlernt. Auch davon ist er noch weit entfernt. Er hat noch einen dornigen Weg vor sich, will er in nicht allzu ferner Zukunft das psychiatrische Krankenhaus verlassen. Die Unterbringung ist aber notwendig, weil – wie Hofstetter ausführte – vom Angeklagten immer wieder eine Gefahr ausgehen kann.

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