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Ehepaar aus dem Ahrtal überlebt Flut: „In unserem Haus sind zwei Menschen gestorben“

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Von: Christoph Hoffmann

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Helgard und Willi Kottusch haben schwere Zeiten durchgemacht, inzwischen sind sie aber glücklich. © Oliver Schepp

Die Flut kostet sie all ihr Hab und Gut und beinahe auch das Leben. Jetzt fängt ein Ehepaar, nach der Überflutung im Ahrtal, noch einmal in Gießen von vorne an.

Gießen – Das Hochwasser im Ahrtal hat Helgard und Willi Kottusch fast alles genommen. Durch einen Freund fanden sie in Gießen ein neues Zuhause. Ein halbes Jahr später fühlen sich die Senioren in der Unistadt schon heimisch. Das liegt vor allem an der Unterstützung und den lieben Worten, die sie hier erhalten.

Helgard und Willi Kottusch haben sich schickgemacht. Sie trägt einen edlen blauen Hosenanzug, er eine coole Lederjacke. Die beiden sind fröhlich und lachen, den Senioren scheint es gut zu gehen. „Ja, das ist auch so“, betont Willi Kottusch. Im Gegensatz zu seiner Ehefrau konnte er den Seltersweg jedoch noch nicht so intensiv erkunden, obwohl die gemeinsame Wohnung nur einen Steinwurf entfernt liegt.

„Ich konnte eine Zeit lang nicht laufen. Mein Fuß hatte sich durch den Schlamm entzündet.“ Der Schlamm, von dem der 81-Jährige erzählt, stammte aus der Ahr. Vor ziemlich genau sechs Monaten zerstörte das Hochwasser im Rheinland nicht nur das Haus der Kottuschs, sondern auch ihre gesamte Lebensplanung.

Katastrophe im Westen Deutschlands: Überschwemmung im Ahrtal nimmt Ehepaar alles

Die Katastrophe im Westen Deutschlands hat vielen Menschen das Leben gekostet. Zudem wurden weite Teile der Bebauung zerstört. Dazu gehört auch die Wohnung der Kottuschs, die sie für ihren Lebensabend gekauft hatten. „Wir waren neulich zu Besuch in Bad Neuenahr“, sagt Helgard Kottusch. „Es sieht immer noch furchtbar aus. Schlamm auf den Straßen, die Behelfsbrücken stehen immer noch.“

Zum Glück sind die Kottuschs mit dem Gießener Geschäftsmann Emanuel Dayan befreundet, der auch zwei Juweliergeschäfte im Ahrtal betrieb. Dayan hat die beiden nicht nur bei sich aufgenommen, sondern ihnen wenig später auch eine eigene Wohnung besorgt. Vor einem halben Jahr wirkten die Räume in der Sonnenstraße noch wie eine Notunterkunft.

Ehepaar findet nach Flutkatastrophe neues Zuhause in Gießen und fühlt sich daheim

Vom Kugelbrunnen zu ihrer Wohnung sind es nur ein paar Meter. Mit dem Aufzug fahren die Kottuschs in ihre Etage. Die Wohnung ist nicht wiederzuerkennen. Das provisorische Sofa ist einer modernen Sitzgarnitur gewichen, im Wohnzimmer steht ein großer edler Schrank. Selbst die von dem Paar heißgeliebten Clown-Figuren aus Keramik haben in der Wohnung Platz gefunden, zudem hängen einige Bilder aus dem zerstörten Haus im Ahrtal an den Wänden. „Der Schlamm stand 1,60 Meter hoch in unserer Wohnung. Zum Glück hingen die Bilder höher“, sagt Helgard Kottusch.

Schon gleich nach ihrer Ankunft in Gießen vor einem halben Jahr haben die beiden Rentner betont, dauerhaft hier bleiben zu wollen. An diesen Plänen hat sich nichts geändert, sagt Willi Kottusch. Zumal sie hier angefangen haben, sich rund um die Innenstadt ein Leben aufzubauen. Regelmäßig treffen sie ihren Freund Mayan. Auch ein gemeinsamer Bummel durch die Fußgängerzone gehört zum Alltag des Paares, und nicht zuletzt sind sie inzwischen Stammgäste im Restaurant „Zum Löwen“. „Da habe ich auch schon mal gesungen“, erzählt Willi Kottusch lächelnd.

Opernsänger flieht aus Hochwassergebiet: Ehepaar muss in Gießen ganz von vorne anfangen

Dazu muss man wissen, dass der Senior einst ein bekannter Opernsänger war. Diese Leidenschaft hat er sich bewahrt. Während seine Frau von den Spaziergängen mit Hund Ben rund um das Zeughaus berichtet, legt der 81-Jährige eine seiner eigenen CDs ein. Es ist die deutsche Nationalhymne, die er einmal bei einem Fußballspiel der Frauen-Nationalmannschaft gesungen hat. Willi Kottusch richtet sich auf, räuspert sich und gibt eine Kostprobe seiner Fähigkeiten.

Den beiden Senioren scheint es in ihrer neuen Heimat zu gefallen. Sie leugnen aber nicht, dass gerade die Anfangszeit sehr schwer war. Schließlich haben sie sich nicht selbst zu einem Umzug entschlossen, planen konnten sie ebenfalls nicht. Vielmehr hat sie das Hochwasser buchstäblich an die Lahn gespült. „Uns hätte es jedoch deutlich schlechter treffen können“, sagt Kottusch und betont, wie viel sie ihrem Helfer Mayan zu verdanken haben.

Aber auch vielen anderen Gießenern sind die beiden dankbar. „Alle Menschen sind sehr nett zu uns und aufgeschlossen“, betont Willi Kottusch bevor er sichtlich beeindruckt anfügt, dass nach dem ersten Artikel in dieser Zeitung sogar Gießens damalige Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz einen lieben Brief geschrieben habe. „Sogar handschriftlich“, sagt der Senior beinahe ehrfürchtig.

Neu-Gießener entkommt dem Tod nur knapp: „In unserem Haus sind zwei Menschen gestorben“

Vielleicht laufen sich der Neu-Gießener und die ehemalige OB demnächst über den Weg. Zum Beispiel im botanischen Garten. Denn den wollen die Kottusch jetzt nach der Öffnung unbedingt einmal erkunden.

„Wir lagen im Bett, als es auf einmal einen lauten Knall gab“, sagt Willi Kottusch über die Nacht, als die Wassermassen ihre Wohnung trafen. Der Schlamm begrub auch die Medikamente des an Diabetes leidenden Seniors. In der Folge erlitt er einen Herzinfarkt und musste dreimal reanimiert werden. Es hätte aber auch schlimmer enden können, sagt Willi Kottusch: „In unserem Haus sind zwei Menschen gestorben.“ (Christoph Hoffmann)

Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal halfen viele Gießener den Flutopfern, so auch die Gießener Sparkassen-Senioren.

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