Der Gießener Stadtpark ist derzeit täglich Treffpunkt für Vogelfreunde aus ganz Hessen und darüber hinaus. FOTO: SCHEPP
+
Der Gießener Stadtpark ist derzeit täglich Treffpunkt für Vogelfreunde aus ganz Hessen und darüber hinaus. FOTO: SCHEPP

Tolle Vögel

NABU Gießen bittet um Abstand zum Seidenschwanz

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Seltene Vögel halten sich aktuell in Gießen auf. Sie ziehen viele Hobby-Ornithologen an. Der NABU bittet um Abstand zu den Vögeln. Sie werden die Wieseckaue bald wieder verlassen.

Gießen(kw). Schritt für Schritt nähert sich die ältere Dame mit ihrer Kamera dem Baum. Der Vogel bleibt sitzen, auch als sie fast direkt unter dem Ast steht. Also rücken zwei weitere Fotografen ebenfalls heran, um den aparten Seidenschwanz besser ablichten zu können.

Solche Szenen waren in den letzten Tagen am Gießener Stadtpark Wieseckaue immer wieder zu sehen. Der Naturschutzbund appelliert an die Vogelfreunde: Bitte Abstand halten! Zehn Meter Distanz braucht der recht "tolerante" Seidenschwanz, andere Arten deutlich mehr, sagt Tim Mattern vom NABU-Kreisverband im GAZ-Gespräch.

Fünf Exemplare der in Hessen seltenen Gäste ziehen schon seit gut drei Wochen Experten aus einer großen Region nach Gießen. Nachdem die GAZ und dann auch der Hessische Rundfunk berichtet haben, wuchs die Zahl der Neugierigen deutlich an. Bis zu 20 Menschen gleichzeitig versammeln sich, angereist aus Offenbach, dem Main-Kinzig- oder dem Lahn-Dill-Kreis. Darunter sind auch Laien, die mit dem Handy oder Normalobjektiv zu fotografieren versuchen und nicht erkennen, dass die Vögel Anzeichen von Stress zeigen, wenn man ihnen zu stark auf die Pelle rückt.

Vier der fünf Seidenschwänze ziehen sich bei zu großem Andrang auf einen höheren Baum zurück. Einer verharrt meistens auf dem mit Misteln bewachsenen Baum, der die Vögel hergelockt hat. Möglicherweise ist er geschwächt, vielleicht auch nur "bequem" - jedenfalls meidet er offenbar den Energieaufwand des Wegfliegens, erklärt Mattern. Wenn er sich gestört fühlt, könne man das sehen. "Er frisst nicht mehr, schaut genau hin, zuckt."

Vor ihrer Veröffentlichung hat die GAZ die Folgen abgewogen und mit Fachleuten besprochen. Die Seidenschwänze könnten das große Interesse verkraften, sagt Mattern. "Wir freuen uns ja, wenn die Leute von der Natur fasziniert sind." Die Misteln am Baum seien nach drei Wochen ohnehin fast abgefressen. Bald könnten die Gäste dort kein Futter mehr finden. Dann werden sie ein Stück weiterziehen.

Wenn Seidenschwänze wegen Beerenmangels ihre Heimat im Norden Europas verlassen, dann bleiben sie meist den ganzen restlichen Winter über in ihren Ausweichquartieren. Bis nach Hessen verschlägt es sie nur alle fünf, sechs Jahre. Kenner erzählen mit leuchtenden Augen von ihrer schönsten Sichtung im Gießener Stadtgebiet. In einem niedrigen Schneeballstrauch nahe dem Studentenwohnheim an der Grünberger Straße seien zwölf Exemplare besonders gut zu beobachten gewesen. Das war 1996.

Ort einer Sichtung wird selten genannt

Ob man den Ort bekannt gibt, an dem ein seltenes Tier zu sehen ist, müsse man im Einzelfall abwägen, erläutert Mattern. Bei brütenden Vogelarten sollte man fast immer darauf verzichten. Der scheue Schwarzstorch etwa - nicht zu verwechseln mit dem Kulturfolger Weißstorch - verlasse sein Nest schon ein für alle Mal, wenn Menschen noch einige Hundert Meter entfernt sind. "Deshalb brauchen wir Gebiete, die nicht von Wegen durchzogen sind." Bodenbrüter seien besonders gefährdet. Eierfressser wie Fuchs, Waschbär oder Krähe verfolgten aufmerksam, wenn sich Menschen nähern und die Vögel zum Auffliegen bewegen.

Bei den beiden Kranichen, die bis Mitte dieser Woche in Watzenborn-Steinberg rasteten, diskutierten NABU-Aktive kontrovers über eine Veröffentlichung. In Matterns Augen schadete sie nichts. Die größte Bedrohung sei dort von frei laufenden Hunden ausgegangen, nicht von wohlwollenden Naturliebhabern mit Fernglas oder Kamera.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare