"Mutter Schmidt" ist jetzt im Ruhestand

Gießen-Kleinlinden (ck). In Kleinlinden ging am Mittwochabend eine Ära zu Ende. Zum letzten Mal stand Nelli Schmidt als Chefin am Zapfhahn in ihrer Kneipe "Mutter Schmidt".

Und wie abertausende Male zuvor, so verließ auch das letzte Pils die Theke so, als sei es einer Werbebroschüre für gut gezapfte Biere entsprungen. Es war einer der Ansprüche der Holländerin, den Gästen nur Gläser mit perfektem "Feldwebel" zu kredenzen. Doch damit ist nun Schluss: Nach 47-jähriger Tätigkeit als Wirtin – kleinere Pausen eingerechnet – hat sich "Mutter Schmidt" im Kreise vieler Stammgäste in den Ruhestand verabschiedet.

47 Jahre Tätigkeit in der Gastronomie: Wer schon einmal längere Zeit in einer Kneipe gearbeitet hat, weiß was das bedeutet. Dennoch dürfte am Abend eine gehörige Portion Wehmut zu spüren gewesen sein. "Schließlich habe ich der Gastronomie viele schöne Jahre zu verdanken", blickt die 73-Jährige im AZ-Gespräch zurück. Gesundheitliche Einschränkungen – von einem Oberschenkelhalsbruch hat sie sich nicht völlig erholt – gaben schließlich den Ausschlag. "Das Herz sagt ja, der Körper nein", bringt sie den ihre Gefühlslage auf einen Nenner.

"Strümpfchen" zu Beginn

In die Wiege gelegt worden war ihr die Arbeit in der Gastroszene nicht. Als sie ihrem Ehemann 1965 von Holland – wo sie 1939 in Rotterdam geboren wurde – nach Gießen folgte, war sie in der Textilbranche tätig. Gatte Werner hatte jedoch das Kneipenfach von der Pike auf erlernt, war seinerzeit in einem gut frequentierten Restaurant beschäftigt. Schnell erwuchs in beiden die Idee, sich selbstständig zu machen. Das "Strümpfchen" in Kleinlinden war 1966 ihr erstes gemeinsames Objekt; ein großes Lokal, "in dem damals fast alle Kleinlindener Vereine verkehrten", wie Nelli Schmidt sich erinnert. Für sie sei alles neu gewesen und sie habe viel lernen müssen. Mit der Zeit sei ihnen die Wirtschaft etwas zu groß geworden, nennt sie als Grund, warum sie einem Angebot folgten und im Juni 1968 in die neu errichtete "Brauhausschänke" in der Walltorstraße umzogen. "Eine bildschöne Kneipe – und immer sehr gut besucht; da hatte die Gießener Brauerei an nichts gespart", findet sie noch heute. Damals kam sogar das Gerücht auf, der besonders frische Geschmack des Pilses in dem Lokal komme nur dadurch zustande, weil die Brauerei, zu dieser Zeit noch direkt gegenüber beheimatet, eine Bierleitung unter der Straße durchgezogen habe.

Und warum das Ende im September 1986? "Wir hatten den Eindruck gewonnen, dass uns die Brauerei immer mehr Vorgaben machen wollte. Deshalb haben wir dort aufgehört, 1988 das Haus in der Frankfurter Straße gekauft, es umgebaut und im April 1989 die "Mutter Schmidt" eröffnet. 1998 folgte ein Neubau mit Hotelzimmern auf dem Grundstück; ein Projekt, dessen Folgen Nelli Schmidt nach dem Tode ihres Mannes Ende 1999 alleine schultern musste.

Ab Freitag neuer Pächter

Und das hat sie bis heute getan. Knall auf Fall werde sie nun aber nicht verschwinden: Beim Übergang des Lokals wolle sie ihrem Nachfolger so gut wie möglich zur Seite stehen. Der wird nach einem Ruhetag heute von Freitag an verantwortlich sein.

Konkrete Pläne für die Zukunft hat Nelli Schmidt nicht. "Vielleicht wieder einmal für eine längere Zeit nach Holland", kann sie sich vorstellen. Ansonsten müsse sie wieder lernen, früher ins Bett zu gehen und auch aufzustehen. Denn vor 4 Uhr morgens sei sie kaum in ihre Wohnung gekommen. Vor allem aber will sie eines: sich ausruhen – denn das habe sie sich verdient. Wer will dem nach 47 Jahren Kneipe widersprechen…?

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