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Am Freitag vor dem Tag zu Ehren der Zahl Pi haben sich im Zuge der Corona-Pandemie die Ereignisse überschlagen. An jenem Tag hat Professor Albrecht Beutelspacher das von ihm geleitete Mathematikum vorerst geschlossen. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Mutmacher im Mathematikum

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Wie viele andere Museen auch, musste das Gießener Mathematikum im Zuge der Corona-Pandemie schließen. Nur erhält das Museum im Gegensatz zu anderen Einrichtungen kein Geld aus öffentlicher Hand und steht mit dem Rücken zur Wand. Trotz dieser Situation ist dies eine Geschichte voller Mut und Hoffnung.

Dass Freitag, der 13., ein Unglückstag sein soll, ist ein Aberglaube. Und solange die Verbindung zwischen diesem Datum und einer überproportional großen Menge an Pech nicht bewiesen werden kann, werden nicht nur Mathematiker auch weiterhin daran festhalten. Es ist nicht überliefert, ob Professor Albrecht Beutelspacher am Freitag, den 13. März, nicht wenigstens eine Millisekunde daran gezweifelt hat, ob diese Gewissheit nicht doch erschüttert werden könnte. Denn an jenem Tag überschlugen sich wegen des Corona-Virus nicht nur im von ihm geleiteten Mathematikum die Ereignisse.

Am Samstag, 14. März, sollte im Mathematikum ein Aktionstag rund um die Kreiszahl Pi stattfinden - sie wissen schon, diese Zahl, die mit 3,14 beginnt und mit unzähligen weiteren Nachkommastellen gesegnet ist. Es sollte Vorträge geben, Musik, Kunst und vor allem ein volles Haus. Am Mittwoch, erzählt Beutelspacher, habe er wegen der steigenden Zahl von Corona-Infektionen seine geplante Vorlesung abgesagt. Am Freitagvormittag war die Rede davon, die Veranstaltung in abgespeckter Form stattfinden zu lassen. Mittags sollten alle Aktionen gestrichen werden, aber das Mathematikum geöffnet bleiben. Und Freitagnachmittag stand der Entschluss fest: Wir machen zu.

Das Mitmachmuseum gibt es seit 2002. Seitdem haben Beutelspacher und sein Team bewiesen, dass so eine Einrichtung auch ohne Gelder aus öffentlicher Hand erfolgreich betrieben werden kann. Die Strahlkraft des Mathematikums ist so groß, dass man ohne zu übertreiben von einem Aushängeschild für die Stadt sprechen kann. Nur sieht es schnell zappenduster aus, wenn ein Museum, das seine Einnahmen über den Eintritt der Besucher, über den Shop und das angeschlossene Café generiert, die Türen schließen muss. Beutelspacher sagt: "Wir stehen momentan an einer Wand und wissen nicht, wo das Loch ist."

Der interne Betrieb des Mathematikums läuft weiter - aber auf Sparflamme. Regelmäßig ist ein Mitarbeiter vor Ort. Es gibt täglich eine Telefonkonferenz. Beutelspacher bleibt zu Hause, weil der in diesem Jahr 70 Jahre alt werdende Professor wegen seines Alters zur Risikogruppe gehört. "Das ist für mich eine große Umstellung", sagt er. "So lange am Stück bin ich noch nie zu Hause gewesen." Von dort aus hält er regelmäßig Kontakt zu den 70 fest und geringfügig angestellten Mitarbeitern. Dabei legt er ihnen gegenüber Wert auf vollständige Offenheit - und erfreut sich im Gegenzug über Angebote der Angestellten, mitanzupacken, wenn es nötig sein sollte. Zu dieser Offenheit gehört auch, dass Beutelspacher nicht weiß, wann die Situation etwas "normaler" werden wird. "Aktuell können wir nicht langfristig planen", sagt er. Gleichwohl gebe es vonseiten der Kreditinstitute "die klare Aussage, dass man uns nicht hängen lassen wird". Neue Schulden können aber für niemanden die Königslösung sein. Deshalb hofft der Mathematiker auch auf staatliche Zuwendungen. Ein aktuelles Thema ist beispielsweise, für die Festangestellten Kurzarbeit anzubieten.

Jeder Cent zählt. Deshalb sollen bereits gekaufte Eintrittskarten für Veranstaltungen wie die Zaubershows ihre Gültigkeit behalten. Angeboten werden sollen außerdem virtuelle Tickets und Jahreskarten. Getüftelt wird außerdem an einer Crowdfunding-Aktion. Aber Beutelspacher ist es wichtig, nicht nur Krisenintervention zu betreiben. "Wir wollen den Menschen ein positives Gefühl vermitteln, und das versuchen wir aktuell online umzusetzen", betont er. So gibt es auf der Internetseite www.mathematikum.de Knobelaufgaben. Die unterscheiden sich von den täglichen Rätseln, die Leserinnen und Leser aktuell im Stadtteil der Gießener Allgemeinen finden, vor allem in ihrer Komplexität. Man braucht für sie durchaus eine Woche, um sie zu knacken. Außerdem erzählen Mitarbeiter von ihrem Lieblingsexponat im Mathematikum. "Daraus wird dann eine sehr emotionale, persönliche Führung durchs Haus", sagt der Professor.

Beutelspacher hat bewiesen, dass Mathematik kein Grund zum Fürchten sein muss. Im Gegenteil, "Mathematik ist eine wunderbare Wissenschaft, bei der man Tolles erleben kann", sagt er. Das Mathematikum sei ein Ort, an dem dies nicht nur für Experten, sondern für alle Menschen gelte. "Die Erinnerung daran und der Gedanke, wir eröffnen wieder, ist wie die Idee von einem Paradies", sagte Beutelspacher. "Das trägt uns alle weiter."

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