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Das Antikriegsbild »Das Opfer« von Hanns Hagenauer aus der Sammlung des Oberhessischen Museums.

Mutige Anklage gegen den Krieg

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Die Kreidezeichnung »Das Opfer« von Hanns Hagenauer gilt als Gründungsbild des Oberhessischen Künstlerbundes. Es war der künstlerische Aufschrei eines Einzelnen gegen den Krieg, der nicht ohne Folgen blieb.

Bereits ein paar Monate bevor die Geschwister Sophie und Hans Scholl mit einer Handvoll Gleichgesinnten im Januar 1943 an der Münchner Universität Flugblätter gegen die Fortführung des sinnlosen Krieges und »gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus« verteilten, war aus Gießen eine mutige Anklage gegen das massenhafte Sterben im Krieg zu vernehmen. Es war der künstlerische Aufschrei eines Einzelnen, der jedoch nicht ohne Folgen blieb.

In diesem Fall machte sich der örtliche Repräsentant der braunen Machthaber mit seiner anmaßenden, dummdreisten Reaktion offensichtlich so lächerlich, dass der ganze Vorgang durchaus das Zeug zu einer Politposse gehabt hätte, wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre. Im Mittelpunkt stand dabei die 1942 entstandene Kreidezeichnung »Das Opfer« von Hanns Hagenauer (1896 bis 1975), die in der Gemäldesammlung des Oberhessischen Museums ihren festen Platz gefunden hat.

Forderung des Gauleiters empört

Hagenauer, ein gelernter Buchdrucker aus dem Allgäu, wurde im Ersten Weltkrieg bei Verdun schwer verwundet. Während der langen Genesungszeit im Münchner Lazarett reifte in ihm der Entschluss heran, Maler zu werden. So studierte er nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst Malerei an der Stuttgarter Akademie und lebte anschließend als freischaffender Künstler in Vorarlberg. 1933 zog er nach Gießen. Künstlerisch liebäugelte er mit den Expressionisten, wenngleich ihm aber die Naturnähe immer sehr wichtig war. Freundschaftlich mit Karl Schmidt-Rottluff und Alexej von Jawlensky verbunden, erstrebte er in seinen Arbeiten - genau wie sie - eine Synthese zwischen der äußeren Wirklichkeit und der Innenwelt, zwischen äußerer Wahrnehmung und der bildnerischen Verarbeitung durch die Vorstellungskraft des Künstlers.

Diese Tendenz lässt sich auch aus seinem Bild »Das Opfer« herauslesen, das den Betrachter mit der Wucht einer antiken Tragödie wachzurütteln versucht. Alles zielt hier auf Ausdruck, auf Innenschau, alles ist auf die wesentliche Aussage hin reduziert, die nur lauten kann: Es ist genug, Schluss mit dem Krieg, Schluss mit dem Sterben!

Mit klaren Linien und großflächiger Farbgebung ist die bloße Wahrnehmung ins Expressive gesteigert. Wie Klageweiber in der griechischen Tragödie betrauern die drei Frauen in schwarzer Schwälmer Tracht die Opfer des Krieges. Inmitten einer verwüsteten Landschaft mit Grabhügeln und Kreuzen haben zwei Frauen ihren Blick gleichsam seherisch nach innen gerichtet, während die Trauergestalt in der Mitte den Betrachter anklagend, herausfordernd anschaut: Bei diesem Blick durfte sich jeder mitschuldig am Krieg fühlen.

Den Nazis ging diese Art von Kunst gehörig gegen den Strich. Als der Gauleiter das Werk bei Hagenauer sah, verlangte er von dem Maler, die Grabkreuze in Hakenkreuze umzuwandeln. Diese irrwitzige Forderung löste in den Künstlerkreisen rund um Gießen eine solche Empörung aus, dass sich die Maler und Bildhauer schließlich zur Gründung des Oberhessischen Künstlerbundes (OKB) entschieden. »Das Opfer« ist somit das Gründungsbild des OKB.

Gründung des OKB am 18. Mai 1943

Vor fast genau 78 Jahren, am 18. Mai 1943, wurde der OKB in »Schwabs Weinstube« ins Leben gerufen. Zu den Gründern gehörten Lotte Bingmann-Droese, Carl Bourcarde, Hellmuth Mueller-Leutert und eben Hanns Hagenauer, der zum Vorsitzenden gewählt wurde und dieses Amt bis 1950 innehatte.

Im ersten Satzungsentwurf heißt es: »Der OKB bekennt sich zur Vielfalt der bildenden Kunst und ist offen für alle interessierten bildenden Künstler. Dabei ist nicht zu fragen, ob gegenständlich oder abstrakt, die Alternative heißt gut oder schlecht. Er wendet sich gegen jeden fixierten Kodex, was Kunst sei oder zu leisten habe.« Damit wurde der propagandistischen Einvernahme der Kunst durch die Nazis selbstbewusst das Ideal der Freiheit der Kunst entgegengesetzt.

Zurück zu Maler Hanns Hagenauer. Im Katalog einer Gedenkausstellung 1990 in Düsseldorf unter dem Motto »Wiederentdeckung eines Expressionisten« ist zu lesen, dass »der nach Hessen verschlagene Allgäuer« auf Dauer kein rechtes Verhältnis zur oberhessischen Landschaft mit ihren sanft am Horizont ausschwingenden Hügelketten finden konnte. Er habe sich immer zurückgesehnt »nach der Schroffheit der bayerischen Kalkalpen mit ihren scharfkantigen Felsformationen«. Daher ließ sich der Maler 1952 in Garmisch-Partenkirchen am Fuße des Wettersteingebirges nieder. Er starb 1975 in Oberammergau.

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