KHG-Gespräch mit Yasar Sarikaya

Wie Muslime glauben: Heterogen und vielfältig

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Muslime sind überall im Stadtbild präsent. Aber wie leben sie ihren Glauben eigentlich genau? Das fragte sich die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) und lud deshalb den islamischen Theologen und Religionspädagogen Prof. Yasar Sarikaya zum Gespräch ein.

Muslime sind überall im Stadtbild präsent. Aber wie leben sie ihren Glauben eigentlich genau? Das fragte sich die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) und lud deshalb den islamischen Theologen und Religionspädagogen Prof. Yasar Sarikaya zum Gespräch ein.

Zentral für den muslimischen Glauben seien der Ein-Gott-Glaube, Moral und die Freiheit des Menschen, sagte Sarikaya. Er verwies auf die gemeinsame Traditionslinie des Christentums, des Islams und des Judentums und schilderte, wie sich der Islam im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel aus dem Viel-Götter-Glauben entwickelt hat. Auf den theologischen Impuls folgten Praxisfragen: "Wie sieht das muslimische Leben in Gießen konkret aus?", lautete eine Frage aus der Runde. "Die Gemeinschaft der Muslime in Gießen ist sehr heterogen", sagte Sarikaya. "Es gibt Unterschiede sowohl in den Ethnien und Kulturen als auch in den Herkunftsländern und Konfessionen." Außerdem gebe es auch eine Vielfalt im Bezug auf die Religiosität. "Es gibt Muslime, die fünfmal am Tag beten. Ein Großteil hält sich nicht an dieses Gebot und geht nur einmal in der Woche zum Freitagsgebet. Und manche wollen mit den religiösen Praktiken gar nichts zu tun haben."

Zwei Hauptströmungen seien zu erkennen: Es gebe Fundamentalisten, die daran glauben, dass Gott im Koran einmal und für immer gesprochen hat und der Koran wörtlich zu verstehen sei. Die zweite Strömung verstehe den Koran als geschichtliches Produkt, das vor kulturellem, sozialen, gesellschaftlichen und historischem Hintergrund interpretiert werden muss.

Zwei Hauptströmungen

"Es gibt keine zentrale Instanz, die den Koran auslegt", sagte Sarikaya. Er äußerte sich vorsichtig zu der Frage, ob in den muslimischen Gemeinden in Deutschland – vergleichbar mit einigen christlichen Gemeinden – eine kontroverse, facettenreiche Debatte über die Auslegung der Heiligen Schrift stattfinde. "Ich würde es begrüßen", sagte er. Oft sei das Gemeindewesen aber entweder schul- oder personenbezogen.

Große Chancen für die Weiterentwicklung des Islams sieht der Theologe in der Einführung des islamischen Religionsunterrichts und in der Etablierung des Studienfachs "Islamische Theologie". Sarikaya hat an der Universität Gießen den Studiengang für islamischen Religionsunterricht aufgebaut. "Das Wissen über den Islam wird durch die Studenten transferiert", sagte er. "Sie fragen nach, sie hinterfragen, sie debattieren, und dann tragen sie dieses Wissen in ihre Elternhäuser und Gemeinden."

Eine Frage brannte dem Publikum dann noch unter den Nägeln: Was genau ist die Scharia, und wie verhält es sich damit? Die Scharia sei eine Summe von Gutachten und Urteilen unzähliger Gelehrter aus dem Mittelalter, sagte Sarikaya. "Sie hat insofern keine religiöse, theologische Autorität, als sie ein menschliches Produkt ist."

Bestimmte Straftaten, zum Beispiel Diebstahl, blieben zwar gleich, die Form der Bestrafung sei aber der menschlichen Vernunft überlassen und müsse immer wieder angepasst werden. "Ich bin froh, dass in den meisten Ländern inzwischen Körperstrafen abgeschafft oder durch humanere Sanktionsformen ersetzt wurden", sagte Sarikaya. (Foto: rha)

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