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»Musik statt Straße«: Bulgarische Kinder in Gießen begrüßt

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Hilfsprojekt »Musik statt Straße« macht mobil: Herzlicher Empfang für bulgarische Kinder. Für viele Teilnehmer geht in Gießen ein Traum in Erfüllung.

»Kuck ma, Herr Kalaidjiev, ich hab ’nen Zahn verloren.« Stolz zeigt das siebenjährige Mädchen aus Sliven das Corpus Delicti und die entsprechende Lücke mitten in seinem strahlenden Gesicht. Mit dem Gießener Violinvirtuosen und Initiator des Kinderhilfsprojektes »Musik statt Straße« spricht die kleine Geigerin natürlich Bulgarisch – wie die anderen 17 Kinder und Jugendlichen auch, die am Freitag mit ihren Lehrern aus Georgi Kalaidjievs Heimatstadt anreisten. Der emotionale Auftakt zu ihrem sechstägigen Aufenthalt in Gießen ging gehörig unter die Haut.

»Hier ist es wunderschön«, war am Samstag immer wieder zu hören, und dass man sich sofort in Gießen verliebt habe. Kaum zwei Jahre nachdem Kalaidjiev und seine Frau Maria Hauschild das Hilfsprojekt für Kinder in den Slums von Sliven angestoßen hatten, ist mit der ersten Deutschlandreise ihrer Schützlinge ein Traum in Erfüllung gegangen. Der erste Tag in Gießen sollte die Gäste ins Alte Schloss und ins Mathematikum führen, wo sie mit Professor Albrecht Beutelspacher begeistert in die Geheimnisse der Naturwissenschaft eintauchten und sich beim spendierten Mittagessen stärkten.

»Ich spende den Kindern Beifall«, hatte zuvor im Alten Schloss Museumsdirektor Dr. Friedhelm Häring in seiner Begrüßungsrede dem tosenden Applaus aller Anwesenden vorausgeschickt. Neben Kalaidjiev und seinen Helfern, den Projektkindern mit ihrer Lehrerin und Musikschulleiterin Radka Kuseva, waren dies auch drei junge Kunstschüler mit ihrem Lehrer und Kunstschuldirektor Todor Terziev. Sie hatten eine Auswahl ihrer Werke aus Sliven mitgebracht, um sie bis Donnerstag im Alten Schloss auszustellen.

Er könne kaum glauben, dass diese Bilder von Schülern stammten, ging Häring auf die »großartigen Schöpfungen« ein. Den Bogen spannten die jungen Künstler von wunderschönen Ikonen als Ausdruck überzeitlichen Wissens um die Schöpfung und die Kultur ihres Landes über Plakate zu Film, Theater, Ökologie und Soziologie bis hin zu kunstvoll gewebten Wandteppichen. Kontraste, Harmonien und der direkte Weg von der Ikone zur abstrakten Malerei lege lebendiges Zeugnis ab von der Hoffnung der Jugend, die sie in die Kunst stecke. Übertragen auf die Musik stehe der harmonische Zusammenklang im Mittelpunkt.

Wie schön das schon nach zwei Jahren Unterricht klingen kann, zeigten die jungen Musiker aus Sliven wenige Minuten später im Saal des Oberhessischen Museums. Mit Hingabe strichen die Kinder über die Saiten ihrer Geigen und beglückten mit Beethovens »Ode an die Freude«, derweil zwei junge Pianisten derart beherzt in die Tasten griffen, dass begeisterter Beifall aufbrandete. Zuvor hatte Ulrich Reukauf, Sozialwissenschaftler und langjähriger Mitstreiter in der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft, die Hintergründe zum Hilfsprojekt erläutert. Musische Erziehung sei eine sinnliche und intellektuelle Alternative zur Straße.

Musik fördere Individualität und Gemeinsinn gleichermaßen und bilde einen gut bestellten Boden, auf dem vieles wachsen könne. Nicht die großen Sprünge zählten, wichtig seien kleine Schritte. »Aktives Musizieren ist eine Energiequelle für das ganze Leben«, blickte Reukauf nicht zuletzt auf den Werdegang Kalaidjievs zurück, der seit vielen Jahren mit großem Engagement vieles von dem zurückgebe, was er selbst durch die Musik bekommen habe.

Ein besonderer Dank ging stellvertretend für die zahllosen Helfer an die nimmermüde Organisatorin Heide Lewinski, an Dr. Hans-Ulrich Hauschild von der Pankratius-Gemeinde und an Angelika Kory aus Hamburg. Über die Ikonen aus der Feder von Todor Terziev freuten sich drei, die nicht nur in besonderem Maße Zeit, Geld und Instrumente in das Projekt steckten, sondern sich ihm auch mit Haut und Haaren verschrieben haben – erst recht, nachdem sie die Kinder nun persönlich kennenlernen durften.

Ähnlich mag es Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz gegangen sein, als sie am Nachmittag zum gemeinsamen Eröffnungskonzert der bulgarischen Kinder mit Schülern aus den Musikschulen in Gießen-Buseck und Butzbach ins Alte Schloss kam. Beeindruckt vom sozialen Engagement Kalaidjievs, von seinem großen Herz für Kinder und seiner Gabe, Mitstreiter zu begeistern, habe sie gerne die Schirmherrschaft über das Hilfsprojekt »Musik statt Straße« übernommen. Es sei an der Zeit, die Kinder am Rande der Gesellschaft in die Mitte des Blickfelds zu rücken. Mit einem selbst gestalteten Ölgemälde aus Sliven dankten ihr die jungen Gäste. Dann sprach vor allem die Musik der deutsch-bulgarischen Ensembles, begleitet von Hermann Wilhelmi am Klavier und im Wechsel international dirigiert von Radka Kuseva (Sliven), Katja Maraun (Gießen) und Marian Kalaidjiev (Butzbach).

Zum besonderen Erlebnis machte auch Fredrik Vahle den Nachmittag im Schloss. Angesteckt vom berühmten Kinderliedermacher, seinem Trommler und kleinem Chor machte der gut gefüllte Saal mit. Mit den begeisterten bulgarischen Kindern in der ersten Reihe stimmte auch die Oberbürgermeisterin in »Immer soll die Sonne scheinen« ein. Gänsehautmomente bescherte schließlich ein gemeinsames Stück von Vahle am tibetischen Dudelsack und Kalaidjiev an der Geige.

»Die Mischung aus tibetischen Motiven und bulgarischen Volksweisen war für mich ein ganz außergewöhnliches Erlebnis«, schildert Kalaidjiev die gemeinsame Wellenlänge und freut sich über die hervorragende Resonanz, auch in Form zahlreicher Spenden. Glücklich sei man am Abend nach Grünberg gefahren, wo jedes Kind einen Ball mit seinem Namen geschenkt bekam – und sofort auf der Wiese tollte.

Bereits bei ihrer Ankunft in der Jugendfreizeitstätte der AWO in Grünberg waren die Kinder von der Helferschar um Kalaidjiev erwartet worden. Wie bei den sieben Zwergen waren Zahnputzbecher, Zahnbürsten, Handtücher und Betthupferl aufgereiht gewesen – nach Monaten intensiver Vorbereitungszeit für eine Woche, die für die Kinder aus den Slums von Sliven nicht nur einen Höhepunkt im Leben bedeutet, sondern auch Ausdruck ist von einer Chance für die Zukunft: »Musik statt Straße!« Annette Hausmanns

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