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Musik ist Georgi Kalaidjievs Leben

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Musik hat etwas Magisches. Georgi Kalaidjiev ist das beste Beispiel dafür. Wenn er Violine spielt, sind Zeit und Raum vergessen. Dann zählen nur noch die Farben der Musik in ihrer anrührenden Tiefe und Schönheit.

Als ihm sein Vater die ersten Lieder auf der Geige beibrachte, lebte der fünfjährige Georgi noch in seinem Heimatort Sliven in Bulgarien. Sechs bewegte Jahrzehnte sind seither ins Land gezogen. Manch eine Geschichte daraus mutet geradezu märchenhaft an, und auch wenn Kalaidjiev Ende Januar sein Rentenalter erreicht, wird seine Geige nicht schweigen. Gottlob!

Ein Hauch von Abschied lag in der Luft, als das Kammermusikensemble Studio Konzertante und die Formation Escarmouche am Donnerstag im Rathaus ihr Mittagskonzert gaben. Der Saal platzte aus allen Nähten, in der Luft lag musikalisches Feuer, am Notenständer von Ensemblegründer Kalaidjiev leuchtete eine rote Rose und die stehenden Ovationen wollten kaum enden. Ein bisschen Wehmut schwang auch mit, vor allem aber eine musikalische und menschliche Energie, die noch Vieles bewegen wird. Dazu gehören auch nach dem Ende der Spielzeit am Stadttheater Projekte in und um Gießen – und ganz besonders die Hilfe für jene Kinder in Sliven, für die er das Hilfsprojekt »Musik statt Straße« ins Leben rief.

Dazu beigetragen hat nicht zuletzt Kalaidjievs eigenes Schicksal. Nach ungezählten Stunden fleißigen Übens unter der Obhut von guten Lehrern ist es der kleine Junge aus einfachen Verhältnissen, dessen besondere Liebe zur Geige und außergewöhnliches Talent entdeckt werden. »Nach der Aufnahmeprüfung lernte ich fünf Jahre an der Musikschule. Es war eine schöne, aber auch schwere Zeit. Das Geld reichte nicht und ich musste es mir mit Arbeit verdienen.« Auch das Musikstudium in Sofia hätten sich die Eltern nicht leisten können. Ohne das »Dobri-Tschintolov«-Stipendium der Stadt Sliven hätte er es nicht geschafft.

»Heute gibt es diese nach dem berühmten Sohn der Stadt benannte Unterstützung für arme, talentierte Kinder nicht mehr«, bedauert er und berichtet von seinem Werdegang. Dem Studium an der Musikhochschule in Sofia und kammermusikalischen Studien bei Professor Tatrei folgten aufregende Jahre bei den Sofioter Solisten. Mit dem Ensemble war Kalaidjiev 18 Jahre lang als Botschafter bulgarischer Kultur auf umjubelter Tournee rund um den Globus unterwegs, zunächst als stellvertretender, dann als Konzertmeister. »Ich war damals noch zu jung, um wirklich zu begreifen, mit wem ich da musizierte«, erinnert er sich an Größen wie Jehudi Menuhin, Karajan, Morricone oder Teresa Berganza.

Am 17. Januar wird der Violinvirtuose Kalaidjiev auf 18 Jahre beim Philharmonischen Orchester Gießen zurückblicken können. Der Gründer, musikalische Leiter und Spiritus Rector von Studio Konzertante ist ebenso bei Escarmouche zu Hause wie als musikalischer Leiter des Collegium musicum Stadtallendorf. Genauso gehört sein Herz dem Geigenunterricht an Schulen und interkulturellen Einrichtungen. Nicht zuletzt dank seines herzensguten Wesens, seiner stets freundlichen und hilfsbereiten Art gewinnt er immer neue Mitstreiter für seinen zielstrebigen Einsatz zugunsten von Humanität, kultureller Vielfalt und pädagogischem Engagement.

18 Jahre in Gießen

Seit Kalaidjiev sich in der schweren Zeit nach der Wende gezwungen sah, seine Heimat zu verlassen, hat er kulturelle Kontakte zwischen Deutschland und Bulgarien geknüpft. Mit seiner Hilfe konnten bulgarische Künstler ihr Können in Deutschland zeigen. Kindertanzgruppen kamen und lernten bei ihren Auftritten an Gießener Schulen deutsche Kinder kennen.

So manche Benefiz- und Spendenaktion zugunsten von armen Familien in Sliven wie auch für Unicef, Hochwasserhilfe für das Stadttheater in Döbeln und Kinderhilfe in Uganda (GAIN) hat Kalaidjiev schon initiiert und in Bulgarien musikalische Sommerakademien und Konzerte veranstaltet.

»Die Kinder sind die eigentlichen Verlierer unserer Zeit«, hadert Kalaidjiev mit dem Schicksal zahlloser Familien in seiner Heimat, wo seiner Erfahrung nach die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinander klafft. Als er vor vier Jahren mit seiner Frau Maria wieder einmal Sliven besuchte, waren die beiden von der Armut derart erschüttert, dass sie Essen kauften, um es an die Hungernden in den Straßen zu verteilen. Sie überlegten, wie sie nachhaltig helfen könnten. Das war die Geburtsstunde des Kinderhilfsprojektes »Musik statt Straße«. Seither erhalten immer mehr Kinder aus den Slums von Sliven eine musikalische Ausbildung und Essen.

Im letzten Herbst konnten die Projektkinder erstmals eine Konzertreise nach Gießen antreten und Kalaidjiev wird nicht müde, die Hilfsinitiative voranzutreiben. »Im Sommer 2013 wird es eine Musikakademie in Bulgarien geben«, erzählt er, und seine dunklen Augen funkeln vor Glück. Teilnehmen sollen auch Kinder von den Musikschulen in Gießen und Butzbach. »Freude mit der Violine« heißt übrigens auch das zauberhafte Liederbuch für Kinder, das Kalaidjiev im vergangenen Jahr fertig stellte. Die musikalische Reise um die Welt will er jetzt in einer neuen Variation weiterführen: Mit einem Buch zu seinen Erinnerungen aus der Zeit mit den Sofioter Solisten. Annette Hausmanns

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