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Muscheln vom Malawi-See

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). 13 Kühlschränke brummen in dem Keller des Interdisziplinären Forschungszentrums am Heinrich-Buff-Ring. Die Studenten und Dozenten der JLU kühlen hier aber nicht etwa ihr Mittagessen. Vielmehr lagern Dr. Christian Albrecht und sein Team des Instituts für Tierökologie und Spezielle Zoologie in den Kühlgeräten eine Sammlung, die weltweit seinesgleichen sucht. Unter den Namen "The University of Giessen Systematics and Biodiversity Collection" haben die Forscher seit 25 Jahren über 25 000 Mollusken und zirka 30 000 diesbezügliche DNA-Proben gesammelt.

Immer mehr Arten verschwinden

Mollusken? Das sind Weichtiere wie Schnecken oder Muscheln. "Eine sehr artenreiche Tiergruppe. Viel artenreicher etwa als Vögel oder Säugetiere", erklärt Albrecht. Sie eigneten sich daher besonders gut für biogeografische Fragestellungen. Zum Beispiel: Warum kommen manche Tierarten in bestimmten Regionen vor und in anderen nicht? Und wie lässt sich das derzeitige Artensterben, das einige Wissenschaftler mit dem Aussterben der Dinosaurier vergleichen, verhindern oder zumindest verlangsamen?

"Wir stecken in einer Biodiversitätskrise. Immer mehr Arten verschwinden. Einige unserer gesammelten Mollusken sind mittlerweile ausgestorben. Umso wichtiger ist das Sammeln", sagt Albrecht. Die Konzentration auf Mollusken hat zudem praktische Vorteile: Die Weichtiere lassen sich einfach sammeln und es gibt gute Fossilienbelege. Der Nachteil: Die Forscher können nicht einfach in der Lahn nach ihnen fischen.

"Unsere Arbeit ist sehr feldbezogen. Das heißt, wir fahren in die entsprechenden Gebiete, um die Mollusken zu sammeln." Die Regionen liegen jedoch fast alle außerhalb von Europa, sagt Albrecht und nennt als Schwerpunktziele unter anderem Afrika und Asien. "Uns interessieren dabei vor allem die Artenbildungsprozesse und die Gründe, warum es Hotspots für Biodiversität gibt. Es gibt Arten, die nur in einem bestimmten See vorkommen." Zu Forschungszwecken mag diese Besonderheit reizvoll sein. Aus ökologischer Sicht stellt sie aber eine Bedrohung dar, wie Albrecht betont. "Wenn dieser eine kleine See zu stark verschmutzt wird, ist diese Art unwiederbringlich verloren."

Die Großmuschel und Tonschnecken, die vor Albrecht in einem Becher schwimmen, stammen nicht aus einem kleinen Gewässer. Der Malawi-See in Ostafrika ist schließlich der neuntgrößte See der Erde. "Die haben wir bei einer Expedition vor Ort eingesammelt", sagt der Biologe.

Damit die Mollusken auch in den nächsten Jahren noch als Forschungsobjekte dienen können, müssen sie in Ethanol eingelegt und bei minus 25 Grad gekühlt werden. Die DNA-Proben, die einige Stockwerke weiter oben im Tiefkühler liegen, benötigen sogar minus 80 Grad. Kapazitäten und Bedingungen, die weltweit nur wenige Einrichtungen bieten können. Somit ist die Sammlung der JLU trotz vieler Vertreter einer Art - einzigartig.

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