Auf die Balance kommt es an: Generalmusikdirektor Florian Ludwig. Foto: Robin Breyl
+
Auf die Balance kommt es an: Generalmusikdirektor Florian Ludwig. Foto: Robin Breyl

Mund-Art trifft auf Gänsehaut

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
    schließen

Der Pandemie zum Trotz: Das erste Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit lockt ins Stadttheater. Generalmusikdirektor Florian Ludwig lässt Werke von Wagner, Bruckner und Schreker erklingen.

Darauf haben Musikfreunde lange gewartet: Das erste Sinfoniekonzert in Corona-Zeiten stand am Dienstag im Stadttheater auf dem Programm. Es lockte mit gleich zwei Vorstellungen nacheinander. Pandemiebedingt war die Zahl der Besucher stark reglementiert, weshalb das gut einstündige Erlebnis zweimal dargeboten wurde. Dieser Text bezieht sich auf das erste Konzert des Abends.

Zum Auftakt der Saison spielt das Philharmonische Orchester unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Florian Ludwig Werke von Richard Wagner, Anton Bruckner und Franz Schreker, Musik aus der Hochphase der Romantik und der sogenannten Neuzeit.

Zwischen den Stücken erweist sich Ludwig erneut als eloquenter Conférencier, der weiß, dass Wagner und Bruckner trotz vieler anderslautender Kommentare befreundet waren und Schreker als Genie seiner Zeit galt. Er hörte in seinem Kopf oft Geräusche, "die mit den vorhandenen Mitteln der Instrumente kaum zu realisieren sind".

Schrekers "Kammersymphonie" im Zeitraffer ist ein solches Werk voller ungewohnter Wendungen. Der österreichische Komponist verwebt die eigentlichen vier Sätze zu einem einzigen, gut 20 Minuten währenden Durchgang, den das Orchester forciert angeht. Bei der zarten Einleitung und dem Fade-out-Schluss bewahrt das 35-köpfige Ensemble Contenance. Technisch anspruchsvoll, tendiert das Stück möglichst gleichzeitig in alle Richtungen, was physikalisch nur schwer funktioniert und dem Hörer Konzentration abverlangt. Der Tondichter hat seine Sinfonie aus dem Jahr 1916 für sieben Bläser, elf Streicher, Harfe, Celesta, Harmonium, Klavier, Pauken und Schlagwerk geschrieben. Der Dirigent vergrößert am Dienstag die Anzahl der Musiker, um den dunklen Klängen mehr Raum zu gewähren. Sechs Celli und vier Kontrabässe hört man nicht alle Tage auf der Bühne am Berliner Platz.

Ludwig lässt das Orchester in Schrekers raffinierten, flirrenden Klangwelten schwelgen, setzt gekonnt die Betonungen und achtet darauf, die Motive, die überall herumzuwuseln scheinen, immer wieder detailgenau einzufangen. Ein Hörgenuss.

Eröffnet wird der Abend mit dem "Karfreitagszauber". Die Sonne geht auf. Das Stück aus Wagners letzter Oper "Parsifal" (1882) schwebt gleichsam in einer ahnungsvollen Peripherie umher, die melancholisch stimmt und heiter zugleich.

Ritter Parsifal kehrt im dritten Akt zurück - diesmal jedoch in einer Bearbeitung für 18 Bläser und Pauken von Andreas N. Tarkmann.

Bruckner-Poem ohne Bläser

Die aerosollastige Blaskapelle formuliert unter Ludwigs einfühlsamem Dirigat ausgewogen und gut balanciert. Es klingt nach feinster Mund-Art, wenn das Ensemble den Frühlingsmorgen erblühen lässt. Das dramatische "Bühnenweihfestspiel", wie Wagner seinen "Parsifal" nannte, lässt sich allerdings nur in weiter Ferne erahnen.

Als Kontrast dazu ertönt ganz ohne Bläser ein zartes Stück Musik, das Adagio aus Anton Bruckners Streichquintett in F-Dur (1879), bearbeitet für Streichorchester von Stanislaw Skrowaczewski. Ein Poem, das kulminiert und sich wieder entspannt. Es wird von Ludwig gemächlich, aber spannungsvoll angegangen. Schon der Beginn mit den wohligen Geigen beschert jedem Gänsehaut, der sechs Monate lang kein Orchester mehr live hat spielen hören. Allein dafür ein großes Dankeschön!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare