Frauen und Mädchen aus dem abgebrannten Camp Moria stehen im September um Essen an.
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Frauen und Mädchen aus dem abgebrannten Camp Moria stehen im September um Essen an.

Zwischenbilanz

Nur ein Moria-Flüchtling blieb in Gießen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Vor wenigen Monaten war es ein großes Thema, jetzt liegen Zahlen vor, wieviele Jugendliche aus dem abgebranntem griechischen Camp vom Gießener Jugendamt ins Bundesgebiet verteilt wurden.

Gießen 7500 Menschen in einem Lager. Bis zu 130 wohnen in einem Zelt. Bei Regen verwandelt sich das Camp in eine Schlammwüste. Wer Glück und Geduld hat, kann einmal pro Woche warm duschen. »Im Elend von Moria« überschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor einigen Tagen einen Lagebericht über das Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, das als Ersatz für das im September abgebrannte Camp errichtet worden war.

Die Brandkatastrophe, die über Nacht 12 000 Flüchtlinge obdachlos gemacht hatte. führte im September zu einer Initiative von zehn deutschen Städten, darunter Gießen, die sich bereit erklärten, minderjährige und elternlose Bewohner aus Moria aufzunehmen. Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) bot an, bis zu 40 sogenannte unbegleitete minderjährige Ausländer (umA) durch das Jugendamt betreuen zu lassen.

Stadt Gießen: Von sieben aufgenommenen Flüchtlingen aus Moria blieb nur einer

Wie die Stadt auf GAZ-Anfrage nun mitgeteilt hat, sind bis zum 28. Dezember sieben minderjährige Flüchtlinge aus Moria in Gießen aufgenommen worden, darunter eine minderjährige Mutter mit einem Kleinkind. Organisiert worden sei die Aufnahme vom Gießener Regierungspräsidium bzw., dem hessischen Sozialministerium. Nur ein Flüchtling sei in der Obhut des Gießener Jugendamts verblieben, die sechs anderen seien auf andere Gebietskörperschaften im Bundesgebiet verteilt oder von hier lebenden Verwandten aufgenommen worden.

Die OB hatte ihr Angebot seinerzeit unterbreitet, weil am Gießener Jugendamt eine von zwei zentralen hessischen Aufnahmestellen für umA angesiedelt ist. Angegliedert sind Unterbringungsmöglichkeiten in Wohngruppen, die von Organisationen wie der Caritas betrieben werden. Vor diesem Hintergrund hatte Grabe-Bolz ihr Angebot im September als »leistbar und verantwortbar« bezeichnet.

Gießen: Moria-Flüchtlinge sind zahlenmäßig nur Randaspekt

Im gesamten Aufnahmeprozess durch die beim Jugendamt angedockte sogenannte Clearingstelle ist Moria zahlenmäßig nur ein Randaspekt. Insgesamt hatte das städtische Jugendamt dem Land im vergangenen Jahr die Aufnahme von 234 minderjährigen Flüchtlingen gemeldet und davon 154 für die übliche bundesweite Verteilung vorgesehen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise in den Jahren 2015 und 2016 waren es um die 1000 Jugendliche.

Das Angebot der Gießener OB hatte im September bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, politisch war es weitgehend unumstritten. Nur die AfD übte Kritik, zuletzt warf die Gießener Fraktionschefin Sandra Weegels Grabe-Bolz im Dezember im Stadtparlament vor, mit ihrem Angebot, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, würden die Sozialsysteme durch Familiennachzug belastet. Zuvor hatte Weegels von einem »Alleingang« der SPD-Rathauschefin gesprochen.

Stadt Gießen gehört zum Bündnis „Städte Sicherer Hafen“

Dieser Vorwurf ist nachweislich falsch. Die Stadt Gießen gehört seit Ende 2019 dem Bündnis »Städte Sicherer Häfen« an, ein Zusammenschluss von weit über 100 deutschen Kommunen und Landkreisen, die sich für eine zusätzliche kommunale Aufnahme von Geflüchteten einsetzen. Diesem Beitritt hatte das Stadtparlament im November 2019 zugestimmt - bei Enthaltung fast der gesamten AfD-Fraktion. Nur ein Stadtverordneter stimmte dagegen. (mö)

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