Willi Ernst Sch. war bis zur Bluttat im Juni 1970 der Inhaber der damaligen Goethe-Buchhandlung in der Neuen Bäue (gr. Foto). Das kleine Foto zeigt jenen Moment, als der Zinksarg mit der Leiche von Eva Maria Sch. aus dem Haus in der Steinkaute abtransportiert wird. 
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Willi Ernst Sch. war bis zur Bluttat im Juni 1970 der Inhaber der damaligen Goethe-Buchhandlung in der Neuen Bäue (gr. Foto). Das kleine Foto zeigt jenen Moment, als der Zinksarg mit der Leiche von Eva Maria Sch. aus dem Haus in der Steinkaute abtransportiert wird. 

Mord verjährt nicht

Gießener Buchhändler ersticht seine Ehefrau

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Sie gelten als harmonisches Ehepaar. Doch dann greift Buchhändler Willi Ernst Sch. im Juni 1970 zum Messer und ersticht seine Frau. Fast ein Jahr später wird er gefunden - tot.

Als am 1. Mai 1971 Spaziergänger in einem unwegsamen Waldgelände des Vogler-Bergmassivs bei Holzminden, ein Stück abseits eines Wanderweges, eine komplett skelettierte Leiche finden, ahnen sie noch nicht, dass damit ein Mordfall geklärt werden kann. Der hatte ein Jahr zuvor in Gießen für Aufsehen gesorgt. Denn die menschlichen Überreste im Wald sind die des Gießener Buchhändlers Willi Ernst Sch.. Der Inhaber der damaligen Goethe-Buchhandlung in der Neuen Bäue hatte in der Nacht zum 23. Juni 1970 im gemeinsamen Haus in der Steinkaute seine Frau Eva Maria getötet und war anschließend geflüchtet.

Die Täterschaft des damals 55-Jährigen war schnell geklärt, auch wenn zunächst Indizien für einen Raubüberfall mit tödlichem Ausgang sprachen. In einem Brief an seine Tochter hatte Sch. die Tat gestanden und angedeutet, auch sich selbst töten zu wollen.

Sogar Interpol wurde bei der bundesweiten Suche nach dem damals 55-Jährigen eingeschaltet. Doch vergeblich - bis zu jenem 1. Mai 1971 fehlte von dem Buchhändler mit den markanten Geheimratsecken und dem eher biederen Aussehen jede Spur.

Sch. hatte sich offenbar am Tag nach der Tötung seiner Frau in Gießen im rund 200 Kilometer entfernten Wald bei Holzminden mit Schlaftabletten das Leben genommen. Leere Tablettenröhrchen, in denen sich rund 120 Pillen befunden haben müssen, lagen neben seiner Leiche. Ebenso eine Wasserflasche, in der sich noch Spuren des Giftcocktails nachweisen ließen. Auch der in seinem Anzug gefundene Führerschein und andere Ausweispapiere machten, ebenso wie die spätere Zahnanalyse, eine Identifizierung sicher.

Mord verjährt nicht: Chef der Goethe-Buchhandlung

Was genau in der Nacht auf den 23. Juni 1970 die Bluttat in der Steinkaute ausgelöst hat, lässt sich nicht gänzlich aufklären. Die Ehe der Sch.s galt als harmonisch. Nachbarn von damals erinnern sich noch, dass der stets gut gekleidete Buchhändler immer mit einem Hupen seines beigen Opel Rekord sein Nachhausekommen angekündigt hatte. So auch am Tatabend, einem Montag, an dem die Eheleute nach Zeugenaussagen noch am späten Abend auf der Terrasse ihres Hauses gesehen wurden.

Weil ihr Chef am nächsten Morgen nicht wie üblich frühmorgens die Ladentür der Goethe-Buchhandlung in der Neuen Bäue 1 aufschloss, versuchten ihn seine Angestellten zunächst telefonisch zu Hause zu erreichen. Vergeblich. Sie baten daraufhin Nachbarn, einmal bei dem Ehepaar Sch. nachzuschauen.

Doch was die beim Blick durch ein Fenster im Erdgeschoss des Wohnhauses in der Steinkaute sahen, ließ sie sofort die Polizei rufen: ein Schrank im Schlafzimmer stand weit offen, Kleidungsstücke und andere Gegenstände lagen wild verstreut auf dem Boden. Alles sah zunächst nach einem Einbruch oder Raubüberfall aus.

Die alarmierten Polizisten, die durch ein Fenster einstiegen, fanden dann im Bett die blutüberströmte, mit einem Nachthemd bekleidete und komplett zugedeckte Leiche der 51-jährigen Ehefrau. Vom Ehemann fehlte jede Spur.

Eine aufgebrochene Geldkassette und Brandreste in Kamin und Garten ließen die Ermittler zunächst nicht ausschließen, dass auch Ernst Willi Sch. einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte.

Mord verjährt nicht: Einschreibebrief an die Tochter

Doch schon bald war klar: Der Buchhändler selbst hatte seine Frau getötet und einen Raubüberfall nur vorgetäuscht. In einem Einschreibebrief an seine in München lebende 19-jährige Tochter, abgeschickt am 24. Juni 1970 in Hannover und mit einem zusätzlichen kürzeren Brief an seinen Sohn ergänzt, hatte er die Tat gestanden und auch Hinweise auf den Standort seines Fluchtwagens, abgestellt am Maschsee am Stadtrand von Hannover, gegeben.

Die Tochter fand den Brief erst Tage später vor, als sie aus einem Italienurlaub nach München zurückkehrte. Da war die Leiche ihrer Mutter längst entdeckt worden. Der Wagen konnte am angegebenen Standort sichergestellt werden, von Willi Ernst Sch. fehlte aber bis zum Mai 1971 jede weitere Spur.

Mord verjährt nicht: Geldprobleme als Auslöser?

Was genau zur Tötung von Eva Maria Sch., irgendwann im Zeitraum zwischen 23 Uhr und den frühen Morgenstunden in jener Juninacht 1970, geführt hat, steht nicht mit letztendlicher Sicherheit fest. Die Eheleute sollen sich bestens verstanden haben, heißt es. Willi Ernst Sch. hatte offenbar auch massive Geldprobleme. Er soll damals mit rund 400 000 Mark verschuldet gewesen sein, nachdem er das Buchgeschäft renoviert und sein Haus gebaut hatte.

Das Ehepaar war 1955 aus der DDR in den Westen geflüchtet, hatte jenseits der Mauer ebenfalls einen Buchladen besessen und mit einer höheren Schadensausgleichssumme gerechnet. Doch die war nicht bewilligt worden.

Die finanzielle Situation des Paares soll so zuletzt dermaßen angespannt gewesen sein, dass der Buchhändler wohl seine Angestellten am Monatsende nicht mehr hätte bezahlen können.

Aber auch der Umstand, dass der damals 55-Jährige als Folge einer Kopfverletzung bei einem schweren Unfall an schwülen Tagen, wie eben jenem 22. Juni 1970, unter extremen Kopfschmerzen gelitten haben soll, wurde als mitausschlaggebend für die Tat in Erwägung gezogen.

Warum auch immer - die Eheleute müssen am Abend in ihrem Haus in Streit geraten sein. Eva Maria Sch. wurden tiefe Stichwunden beigefügt, die zu ihrem Tod führten. Körper und Kopf wiesen mehrere punktförmige Stichverletzungen auf, die ihr laut Obduktionsbefund mit einer "bestimmten Regelmäßigkeit" beigebracht wurden, jedoch nicht tödlich waren. Daneben wurden bei der Obduktion aber auch tiefe, tödliche Schnittverletzungen festgestellt. Die Wunden wurden dem Opfer mit zwei verschiedenen Gegenständen, darunter einem Messer, beigebracht. Eva Maria Sch. muss ihre Verletzungen bei vollem Bewusstsein erlebt haben. Einige der Wunden ließen darauf schließen, dass sich die damals 51-Jährige noch gewehrt hat.

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