Auf dem Bürgersteig der Cranachstraße versuchen Rettungskräfte, das Leben von Arkadi D. zu retten - vergebens. Er stirbt noch am Tatort an zwei Schussverletzungen.
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Auf dem Bürgersteig der Cranachstraße versuchen Rettungskräfte, das Leben von Arkadi D. zu retten - vergebens. Er stirbt noch am Tatort an zwei Schussverletzungen.

Mord verjährt nicht

Mord in Gießen: Verteidiger bis heute mit Zweifeln an dem Urteil

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Am hellichten Tag wird in Gießen im Juli 2007 ein 74 Jahre alter Mann erschossen. Ein 55-Jähriger Gießen wird zu lebenslang verurteilt. Bis heute hat der Verteidiger Zweifel an dem Urteil.

Ramazan Schmidt lehnt sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück und wägt seine Worte ab. Dann sagt der Strafverteidiger: »Hier handelt es sich nicht um einen Eierdiebstahl. Und dann eine lebenslange Haftstrafe bei dieser Beweislage zu verhängen« Er beendet den Satz nicht und macht eine kurze Pause. Dann sagt er: »Damit habe ich noch immer Bauchschmerzen.« Schmidt hat vor zwölf Jahren Waldemar H. vor dem Landgericht Gießen verteidigt. Dem damals 55-Jährigen wurde vorgeworfen, im Juli 2007 einen 74-Jährigen erschossen zu haben. Nach einem Indizienprozess verurteilte ihn die Fünfte Große Strafkammer am Landgericht Gießen wegen Mordes.

Der 30. Juli 2007 ist ein Montag. Dort, wo sich die Cranach- und die Menzelstraße an der Marburger Straße treffen, wird gegen 14.30 Uhr Arkadi D. erschossen. Fotos zeigen den gebürtigen Kasachen mit zwei Einschusslöchern in der Brust und im Kopf auf dem Bürgersteig liegend. Rettungskräfte bemühen sich noch, das Leben des Nordstadtbewohners zu retten - vergeblich.

Zeugen berichten, dass sie zweimal einen Knall gehört haben. Doch nicht alle denken an Schüsse. Eine Frau, die in der Nähe in ihrem Büro arbeitet, glaubt, Kinder hätten Böller gezündet. Andere vermuten einen Unfall. Es gibt aber auch Menschen, die die Polizei rufen. Die Beamten beginnen nach ihrem Eintreffen am Tatort mit den Ermittlungen. Zahlreiche Bereitschaftspolizisten in grünen Overalls aus Lich durchkämmen die Gegend zwischen Marburger Straße und Wiesecker Weg. Streifenwagen fahren mit Lautsprecherdurchsagen die Umgebung ab. Zum Einsatz kommt auch ein Hubschrauber. Gesucht wird ein hell gekleideter Mann zwischen 50 und 60 Jahren mit Bart, der nach den Schüssen auf einem silberfarbenen Fahrrad vom Tatort weggefahren sein soll.

Bereits am nächsten Tag verkünden Polizei und Staatsanwaltschaft einen Fahndungserfolg: Sie haben einen 55 Jahre alten Mann mit deutscher und turkmenischer Staatsangehörigkeit festgenommen. Er soll früher mit Arkadi D. befreundet gewesen sein, bis sich die beiden Männer zwei Jahre vor der Tat tief zerstritten. Was den in der Nordstadt lebenden Waldemar H. in den Augen der Ermittler verdächtig macht: Kurz vor der Festnahme hat er sich seine Haare und den Bart abrasiert. Der Beschuldigte bestreitet, Arkadi D. erschossen zu haben, schweigt aber ansonsten zu den Vorwürfen - und das ist auch sein gutes Recht.

Zeugen, die die Tat gesehen haben, gibt es nicht. Deshalb betreiben Polizei und Staatsanwaltschaft einen erheblichen Ermittlungsaufwand, um objektive Beweise für die Täterschaft von Waldemar H. zu finden. Eingesetzt wird mehrmals ein Hubschrauber, um mögliche Fluchtwege nachzuzeichnen. Ein speziell abgerichteter Hund geht mit seiner feinen Nase auf Spurensuche in der Nordstadt. Und Taucher »üben« offiziellen Angaben zufolge das Suchen einer Tatwaffe im Teich an der Ostanlage.

Trotz allem können die Ermittler die Waffe nicht finden - eine kleinkalibrige Pistole. Zwar stoßen sie auf ein silberfarbenes Fahrrad an der Miller Hall. Doch es stellt sich heraus, dass das Rad einem Anwohner gehört. Auch können die Beamten keine Schmauchspuren an den Händen oder Kleidungsstücken des Verdächtigen feststellen.

Dennoch wird ihm am 29. Januar 2008 der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass Waldemar H. an jenem Montagmittag Arkadi D. geradezu hingerichtet hat. In der Anklageschrift heißt es, der Mörder sei von hinten an den Mann herangetreten und habe abgedrückt. Die erste Kugel sei unterhalb des Schulterblatts eingedrungen und habe Herz und Lunge durchschlagen. Dann habe der Schütze aus kurzer Distanz auf den Kopf des am Boden liegenden Mannes geschossen. Staatsanwalt Lars Streiberger spricht von »abgrundtiefem Hass«, der sich beim Angeklagten aufgestaut und der zu dem Mord geführt habe.

Der Verteidiger des gelernten Friseurs gibt vor Gericht eine Erklärung ab: »Mein Mandant bestreitet die ihm zur Last gelegte Tat mit allem Nachdruck«, betont Schmidt. Waldemar H. habe sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe der Cranachstraße aufgehalten. Auch habe er Arkadi D. auf dem Gehweg liegen sehen. Um aber nicht in die Sache verstrickt zu werden, sei er mit seinem Rad weggefahren.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Sie zielt mit ihrer Zeugenauswahl vor allem auf das persönliche Verhältnis der beiden Männer. Zeugen zeichnen von Arkadi D. das Bild eines Mannes, der zurückgezogen in einer Wohnung am Wiesecker Weg gewohnt hat. Er soll jedoch »äußerst vital« gewesen sein und »eine große Neigung zum anderen Geschlecht« besessen haben. Eine Zeugin schildert, die beiden Freunde hätten sich während einer Geburtstagsfeier von Waldemar H. zerstritten. Arkadi D. habe diesem gesagt, er solle nicht geizig sein und seine Gäste in ein Restaurant einladen. Der in einem Waisenhaus aufgewachsene 55-Jährige sei derart in Rage gewesen, dass nichts mehr so gewesen sei wie früher. Am Ende sei es den beiden Männern nur noch darum gegangen, wer die jüngere Geliebte hatte.

Ermittlungen führen die Polizei in die jüdische Gemeinde in Gießen, in der Arkadi D. und Waldemar H. regelmäßig verkehrt haben. Die Befragung der Mitglieder gestaltet sich jedoch als schwierig: Über Tote soll man nicht schlecht reden, sagt ein Gemeindemitglied. »Das ist unsere Tradition, und daran halten wir uns.« Später vor Gericht berichtet ein Mann aus der Gemeinde jedoch, Waldemar H. sei ein gern gesehener Gast gewesen, während Arkadi D. als egoistisch gegolten habe. Der 74-Jährige habe in der Gemeinde beim Essen und Trinken ohne Rücksicht auf andere zugelangt, Menschen ausgenutzt und sich gegenüber Frauen »ungebührlich« verhalten. Der Angeklagte hingegen habe mit Hochachtung von Frauen gesprochen. Hat Waldemar H. die Ehre einer Frau wieder herstellen wollen? Der Zeuge kann sich das vorstellen.

Am 21. März 2008 spricht Richter Bruno Demel das Urteil: Waldemar H. wird wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zwölf Jahre später hat dessen Verteidiger noch immer erhebliche Zweifel an dieser Entscheidung. »Der Mann war nicht vorbestraft, er hatte kein Motiv, das Opfer tagsüber auf offener Straße zu erschießen. Der Streit lag zwei Jahre zurück. Es gibt keine Zeugen, keine Tatwaffe, keine DNA- oder Schmauchspuren, die Beweislage ist dürftig«, betont Schmidt. »Für mich sind das zu viele Fragezeichen. In dubio pro reo?« Im Zweifel für den Angeklagten? Das Gericht hat diese Zweifel an der Schuld von Waldemar H. nicht - genauso wie der Bundesgerichtshof, der die Revision am 31. Oktober 2008 verwirft.

Schmidt beugt sich nach vorne und stützt sich auf seinem Schreibtisch ab, als er sagt: »In solchen Fällen fällt oft der diabolische Satz: ›Wer soll es denn sonst gewesen sein?‹« In manchen Prozessen gehe es um eine Entscheidung, nicht um Gerechtigkeit, sagt der erfahrene Strafverteidiger. »Und das ist unbefriedigend.«

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