Momente stiller Andacht

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Einmal pro Spielzeit offeriert Dirigent Jan Hoffmann im Stadttheater große Werke für Orchester und Chor. In der Vorweihnachtszeit erklingen Mendelssohn Bartholdy und Puccini. Tenor Adrian Xhema gibt ein Stelldichein.

Bevor im Großen Haus der erste Ton erklingt, wird im Stadttheater bereits gesungen. Im oberen Foyer stimmt der für seinen erkrankten Kollegen Christian Münch-Cordellier eingesprungene Musikdramaturg Matthias Kauffmann in der Konzerteinführung den Choral "Wachet auf, ruft uns die Stimme" an – und fast alle singen mit. Derart gut aufgelegt, genießen die Besucher am Dienstag das sich anschließende Programm.

Einmal pro Spielzeit offeriert der stellvertretende Generalmusikdirektor Jan Hoffmann im Rahmen der Sinfoniekonzerte große Werke für Orchester und Chor. Am Dienstag sind sie im Zeichen der Romantik vorweihnachtlich geprägt. Die geistliche Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy und Giacomo Puccini verspricht Hörgenuss. Mit von der Partie sind der Chor und Extrachor des Stadttheaters, der Gießener Konzertverein, die Wetzlarer Singakademie und das Philharmonische Orchester Gießen, das zur Eröffnung einfühlsam die Ouvertüre zum Oratorium "Paulus" spielt, in der Mendelssohn den Advents-Choral "Wachet auf" variiert.

Zwei weitere Arbeiten des Tondichters, die ebenfalls von Chorälen geprägt sind, folgen. Das unvollendet gebliebene Oratorium "Christus" wollte Mendelssohn mit seinem "Paulus" und dem "Elias", den Hoffmann 2016 im Stadttheater zelebrierte, als Trilogie und Synthese aus Judentum und Christentum verstanden wissen. "Christus" zitiert Choräle wie "Es wird ein Stern aus Jakob aufgehn". Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt mit dem 1. Satz der Weihnachtskantate "Vom Himmel hoch da komm ich her", in der Mendelssohn Martin Luthers bekanntestes Weihnachtslied vertont. Die Chöre sorgen, vom Dirigenten fein austariert, für Besinnlichkeit, das Orchester ergänzt wohlüberlegt.

Um die Spannung hoch zu halten, verzichtet Hoffmann auf eine Pause und schließt den Puccini direkt an. Mit gerade mal 21 Jahren schuf der Italiener die "Messa di Gloria" als Abschlussarbeit am Konservatorium seiner toskanischen Heimatstadt Lucca. Von einigen Zeitgenossen als Massenware abgetan, atmet die Musik indes deutlich den Geist des späteren Opernkomponisten. Puccini nutzt folglich das Kyrie für eine dramatische Szene in seinem "Edgar" und macht aus dem Agnus Dei ein Tanz-Madrigal für "Manon Lescaut".

Als Solist steht der albanische Tenor Adrian Xhema bereit, der in Gießen mehrfach glänzte, unter anderem als Herzog von Mantua in Verdis Oper "Rigoletto". Mit seinem italienischen Schmelz ist Xhema über jeden Zweifel erhaben. Die ansteigenden Linien meistert der Tenor elegant, das Forte gelingt ihm wie beiläufig. Das Bariton-Solo übernimmt Grga Peroš. Er demonstriert, wie Stimmgewalt und Feingespür unter einen Hut zu bekommen sind. Das Orchester spielt die rhythmisch anspruchsvollen Partien mit der gebotenen Noblesse, Hoffmann wählt am Pult die Tempi mit Bedacht und beschert so seinen Chören auf der einen Seite Momente impulsiver Energie, auf der anderen Augenblicke stiller Andacht. Langer Applaus vom gebannt lauschenden Publikum.

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