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Olga Labovkina im Ballettsaal der Tanzcompagnie.

Der Moment der Entscheidung

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Olga Labovkina ist aktuell Gastchoreografin bei der Tanzcompagnie Gießen. Sie interpretiert Arthur Millers "Hexenjagd". Der Stücktitel lautet "Jagen". Premiere in der taT-Studiobühne ist am 29. November.

Kaum ist die erste Tanzpremiere im großen Haus gelaufen, schon steht für die Tanzcompagnie das Einstudieren des nächsten Stücks für die Studiobühne an. Wieder konnte Ballettdirektor Tarek Assam mit Olga Labovkina eine interessante junge Choreografin gewinnen. Kennengelernt hat er sie an der Tanzhochschule Zürich, wo sie das Tanzstück "Sleepers" einstudierte. Es wurde ein Erfolg, etwa beim internationalen "Context. Diana-Vishneva"-Tanzfestival 2018 in Belarus. Dort hatte Labovkina im Jahr davor für ihre Tanzperformance "Air" gleich mehrere Preise eingeheimst.

Die Anfrage von Tarek Assam, ob sie am Stadttheater ein Tanzstück erarbeiten würde, hat sie überrascht und erfreut. "Ich bin sehr glücklich, hier zu sein", sagt sie in perfektem Englisch. Das Sprachwissen gehört natürlich dazu, wenn sie in Westeuropa inszenieren will. Die Liste ihrer bisherigen Preise, Tanzstücke und Auftrittsorte macht deutlich, dass die Tänzerin und Choreografin auf einem erfolgversprechenden Weg ist.

Ihre Tanzausbildung, Schwerpunkt Zeitgenössischer Tanz, erhielt Labovkina an der Staatlichen Kunsthochschule in Hrodna (Weißrussland). Sie setzte ihr Studium an der St.-Petersburger Vaganova-Ballett-Akademie fort, wo sie am neu gegründeten "Scientific-creative laboratory of the composition of modern forms of dance" teilnahm.

Ihren Abschluss machte sie 2013 mit einer Dissertation. In ihrer Arbeit verband sie Erkenntnisse aus ihrem Psychologie-Studium mit der Tanzanalyse, bezogen auf die Zuschauerwahrnehmung. Weitere Schwerpunkte ihres Studiums waren Anatomie, Biomechanik, Drama, postmoderne Philosophie, sowie Musik- und Kunsttheorie. Eine fundierte theoretische Ausbildung also.

Spartenübergreifendes Arbeiten

Schon während des Studiums zeigte sie erste Arbeiten auf internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz. Ebenso gründete sie 2008 ihre eigene Compagnie, das Karakuli Tanztheater in Minsk. Die Gruppe trat europaweit auf. 2018 lösten sie sich auf. "Ich war erschöpft", erzählt sie, "denn ich musste alles machen, Choreografie, Tanz und Organisation. Das war irgendwann zu viel".

Seitdem arbeitet sie als freie Choreografin. Sie erhielt Künstlerresidenzen am Korzo Art Production Center in Den Haag/Niederlande, Center for Performing Arts in Vitlycke/Schweden und am Zentrum für Kunst und Urbanistik Berlin. Sie ist also viel herumgekommen und hat auch spartenübergreifend gearbeitet in den Bereichen Visual Art, Movement Theatre und Performance.

Das Thema für Gießen war vorgegeben: eine Interpretation von Arthur Millers "Hexenjagd", der Stücktitel lautet "Jagen". Sie hat sich ein Motiv aus der komplexen Textvorlage herausgepickt: die Frage nach der menschlichen Natur im Moment einer wichtigen Entscheidung. Auch bei den Proben stellt sie den Tänzern Aufgaben, bei denen sie sich physisch entscheiden müssen. Sie nutzt diese Bewegungsmomente für die Choreografie, denn so kann sie die jeweilige Persönlichkeit der Tänzer herausarbeiten.

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