+
Frank Keßler (l.) leitet das K 11, das Kommissariat für Kapitalverbrechen. Marcel Schäfer ist sein Stellvertreter. FOTO: SCHEPP

Mördern auf der Spur

  • schließen

Wenn ein Mensch getötet wird, sind sie schnell am Tatort: Für die Gießener Ermittler des Kommissariats 11 beginnt dann eine Arbeit, die wenig damit zu tun hat, was bei Tatort und Co. gezeigt wird. Wer diesen Job machen will, muss vor allem belastbar sein - aber kein harter Kerl oder keine harte Frau. Was zählt, sind vielmehr Ehrgeiz und Teamarbeit.

Sie hätten die Hinweise der Angehörigen der zwei toten Frauen aus Düsseldorf ignorieren können. Hätten sich damit zufrieden geben können, dass die dortigen Kollegen von einem erweiterten Suizid von Mutter und Tochter ausgegangen waren. Doch die Ermittler des Kommissariats für Gewalt-, Brand- und Waffendelikte (K 11) in Gießen ermittelten weiter, fuhren nach Düsseldorf, um Zeugen zu befragen. "Wir haben gesagt, es kann nicht sein, dass die Angehörigen damit leben müssen", sagt Kriminalhauptkommissar Marcel Schäfer. Der stellvertretende Leiter des K 11 im Polizeipräsidiums Mittelhessen ermittelte mit seinen Kollegen vor drei Jahren im Mordfall des Gießener Zauberkünstlers Riconelly. Die Gießener erkannten deutliche Parallelen zwischen den drei Todesfällen: Der Anfang vom Ende von Tuba S., einer Frau in den Dreißigern, die innerhalb von fünf Wochen drei Menschen mit bloßen Händen aus Habgier ermordet hatte. Der Fall ist beispielhaft für die Arbeit im K 11, und er hat dem Ermittlerteam den medialen Ruf beschert, dass (potenzielle) Mörder besser einen Bogen um Gießen machen sollten.

Unsortierte Täter

Das K 11 hat seinen Sitz im Polizeipräsidium Mittelhessen an der Ferniestraße. Vier Frauen und sechs Männer kümmern sich nicht nur um sogenannte Todesermittlungen, sondern auch um Raub, Erpressung, Vermisstenfälle sowie um Brand-, Schusswaffen und Sprengstoffdelikte. Zwei Beamte sind spezialisiert auf Brandermittlungen, die anderen flexibel - vor allem in Sachen Arbeitszeit. Eine Bereitschaftszeit gibt es nicht, das Handy kann für alle zu jeder Tages- und Nachtzeit klingeln.

Dann zählt jede Minute, erzählt Frank Keßler. Der Erste Kriminalhauptkommissar ist 49 Jahre alt und leitet das K 11. "Bei einer Straftat ist das gesamte Kommissariat beteiligt", erzählt er, "wir lassen buchstäblich alle Stifte fallen." Wenn nötig, werden sie von Kollegen aus anderen Abteilungen unterstützt - zum Beispiel, um Zeugen zu befragen. Denn die ersten 48 Stunden können entscheidend sein. "In der ersten Phase ist alles frisch, die Wahrnehmungen der Zeugen, die Spuren von Blut oder Schuhen", sagt Keßler. Auch bei Fahndungen kann diese Zeit entscheidend sein: Die Täter, betont er, seien noch nicht sortiert, hätten beispielsweise Kleidung oder Tatwaffe noch nicht entsorgt. Natürlich, sagt Schäfer, könnten sie auch um 16 Uhr Feierabend machen, Zeugen später vorladen. "Aber dann kann eine Ermittlung anstatt zwei Tage drei Wochen dauern."

Wer die Ermittler besucht, findet keine stylischen Großraumbüros mit großen Glasfenstern vor, sondern Räume, bei denen der eine Raum aussieht wie der andere. Funktional nennt man das. Eine Ausnahme bildet der Besprechungsraum: An einer Tafel ist ein Diagramm aufgezeichnet: Opfer, Tatverdächtige, Zeugen und die Verbindungen untereinander. Dazu ein Magnet mit dem Namen des Ermittlers, der sich um einen Teilbereich des Falles kümmert. Jeden Morgen kommt das Team zusammen, um sich auf den neuesten Stand zu bringen und die Arbeit zu verteilen.

Keßler und Schäfer sind zwei alte Hasen im K 11. Der Chef ist seit 2005 in der Abteilung, sein Stellvertreter seit 2007. Das ist ungewöhnlich, weil der Wechsel gerade in Führungspositionen bei der Polizei durchaus gewollt ist. Mit den Jahren kommt aber auch der Riecher - gerade in Vernehmungen. "Menschenkenntnis zu haben ist schon mal nicht schlecht", sagt Keßler, der sich in all seinen Jahren in diesem Job ein Augenzwinkern bewahrt hat.

Wie ein Ermittler bei seiner Arbeit vorgeht, steht ihm mehr oder weniger frei. So verhält es sich auch bei Vernehmungen. "Es kommt auf den Befragten an", betont Schäfer. Eine ältere Dame zum Beispiel werde zu Hause besucht, "der machen wir keine Umstände". Andere werden auch mal am Arbeitsplatz aufgesucht. Der Ort des Gesprächs ist ein taktisches Mittel. Genauso die Wahl der Ermittler, die vernehmen. "Wir brauchen das gesamte Team", sagt Keßler. "Den Kollegen, der auch mal laut wird, oder den, der einfühlsam sein kann." Bei größeren Fällen übernehmen zwei Polizisten die Vernehmung, unterstützt von einer Schreibkraft. Damit sich die Ermittler auf das Gespräch konzentrieren können. Dann zählt nicht nur das, was gesagt wird, sondern auch wie. "Je nach Frage verändert sich zum Beispiel die Körperhaltung", sagt Keßler, "und das kann viel über einen Menschen aussagen."

Die Männer und Frauen vom K 11 haben bei der Wahl ihrer Ermittlungsmethoden Freiheiten, die andere nicht haben. Denn sie kümmern sich um sogenannte Katalogstraftaten, darunter fallen auch Mord und Totschlag. Sie können zum Beispiel eine Telefonüberwachung beim Staatsanwalt anregen, der diese wiederum beim Gericht beantragt. Oder die Verbindungsdaten eines Handy auslesen lassen. Die Techniker liefern dann die Rohdaten, die Beamten des K 11 werten sie aus. Alleine beim Fall in Gontherskirchen, wo eine Bande auf der Suche nach Drogen einen Mann ermordete, gab es 3,5 Millionen Datensätze. Generell erfordert die fortschreitende Digitalisierung mittlerweile eine immense Auswertungsarbeit vom Büro aus, sagt Keßler. "Vor ein paar Jahren mussten wir mehr Klinken putzen, heute kommen wir schneller an Hinweise."

Am Tatort im Tunnel

Das soll nicht heißen, dass die Tatortarbeit vernachlässigt wird. Im Gegenteil. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hat gesagt, ein Tatort verliere schnell seinen Schrecken, er erzähle den Ermittlern vielmehr eine Geschichte. Dies bestätigen die K-11-Chefs. "Man ist fokussiert", sagt Schäfer. Keßler spricht von einem Tunnel, in dem sich der Ermittler befinde. Das Opfer trete erst als Mensch in Erscheinung, wenn die Beamten mit den Angehörigen sprechen. "Das berührt dann, da bleibt manchmal etwas hängen", sagt Keßler. Im K 11 muss niemand den harten Kerl spielen. Gerade in Sachen Supervision oder psychologischer Beratung habe sich viel getan. Und das finden die beiden Führungskräfte gut.

Zwangsläufig nehmen die Ermittler die Fälle mit nach Hause - jedenfalls gedanklich, sagt Schäfer. "Natürlich wacht man nachts auch mal auf, denkt drei Schritte weiter, wie man am nächsten Tag weitermacht." Keßler erzählt, sein ehemaliger Vorgesetzter habe das Foto eines Mordopfers jahrelang in einen Jahreskalender gelegt, weil er dessen Täter fassen wollte. Schäfer ergänzt: "Man muss die Arbeit ein Stück weit hinter sich lassen. Dabei hilft ein gesundes Umfeld mit Familie, Sport und Hobbys." Keßler jedenfalls plant, nach 20 Jahren Arbeit im Bereich der Schwerstkriminalität eine neue Herausforderung zu suchen.

Ja, sagen die Kommissare, der Job sei belastend - aber auch befriedigend. "Wenn man zum Beispiel einen Täter seiner gerechten Strafe zuführt", sagt Schäfer, "das gibt Kraft."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare