Modische Ambitionen und politisches Bewusstsein verbinden Annika Happel (l.) und Alina Kern mit ihrem Projekt "aWEARness". FOTO: CSK
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Modische Ambitionen und politisches Bewusstsein verbinden Annika Happel (l.) und Alina Kern mit ihrem Projekt "aWEARness". FOTO: CSK

Modebewusst mit bewusster Mode

  • vonChristian Schneebeck
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Schöne Klamotten müssen nicht immer neu sein. Das ist eine der Botschaften, die Alina Kern und Annika Happel mit ihrem Projekt "aWEARness" senden möchten. Analog und digital werben die zwei Studentinnen für Nachhaltigkeit und weniger Konsum. Corona macht allerdings auch ihnen das Leben schwer.

Bis auf Weiteres herrscht ein Aufnahmestopp. Ungefähr 300 fremde Klamotten haben Alina Kern und Annika Happel inzwischen fein säuberlich in Kartons verstaut. Jetzt heißt es warten. Warten auf normalere Zeiten. Und auf das ersehnte Aktionswochenende. Corona hat den Studentinnen vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mit der Initiative "aWEARness" wollten sie im Sommer richtig durchstarten, um Fast Fashion und Wegwerfwahn den Kampf anzusagen. Aber daraus wurde nichts. Also überwintern T-Shirts und Hosen, Pullover und Jacken und all die anderen guten Stücke nun eben in Pappkisten.

Unterdessen schmieden die Freundinnen neue Pläne. Seit Februar existiert ihr Projekt, das schon im Namen kritisches Bewusstsein und modische Ambitionen vereint. Dahinter steckt natürlich mehr. Als langjährige Secondhand-Fans, die fast ausnahmslos gebrauchte Kleidung kaufen, hätten sie irgendwann damit geliebäugelt, selbst einen Laden zu eröffnen, erzählen Kern und Happel. Mit der Idee wuchsen allerdings die Zweifel: Gibt es in Gießen nicht genug derartige Geschäfte? Ließe sich die Arbeit neben dem Studium überhaupt stemmen?

"Wir sind da dann so reingerutscht", sagt Happel, wenn sie heute an die Anfänge von "aWEARness" denkt. Wie ein Katalysator wirkte der Kontakt zur "raumstation 3539". Sönke Müller von der Kreativ-Genossenschaft bestärkte die Aktivistinnen in ihrem Elan. Für ein Wochenende rund um die Themen Nachhaltigkeit und fairer Handel stellte er den passenden Ort zur Verfügung. Workshops hätten die Besucher in den "Prototyp" gelockt, ein Markt, Livemusik. Eine Youtuberin war für einen Kurs zu selbst gemachter Kosmetik angefragt.

Ehe Kern und Happel Anfang September bei "Mach(s) mit Gießen" unter Corona-Bedingungen mit einer Batiken-Aktion erstmals ein breiteres Publikum ansprachen, hatten sie der Pandemie stattdessen lediglich ein kleines Gartenevent abgetrotzt. Das sei auch dringend nötig gewesen, meint Kern, die ihre Bachelorarbeit in Sozialwissenschaften über Konzepte der Nachhaltigkeit geschrieben hat. Denn "aWEARness" brauchte damals nur eines dringender als Bekanntheit: Platz. Freunde und Bekannte hatten zuvor Mengen von alten Klamotten abgegeben.

Abgeben ist das eine, weiterverwenden das andere. "Manche Leute glauben, Secondhand sei altbacken und ausgefallen", erklärt Kern. "Aber das ist überhaupt nicht der Fall." Die beiden Expertinnen wähnen den Trend auf ihrer Seite - und der Zeitgeist tendiert wegen wachsender Umweltprobleme ja sowieso zu bewussterem Konsum. Ferner helfe es, dass "aWEARness" ein Gießener Projekt sei. "Wir leben in einer Stadt mit vielen jungen Menschen", betont Happel. "Hier stoßen unsere Themen auf besonders große Resonanz."

Alphabet der Nachhaltigkeit

Stetig steigende Klickzahlen verzeichnet derweil der Instagram-Account der Initiative (awearness.secondhand). Dort finden sich unter anderem eine Serie zu Secondhand-Läden in Gießen, Ideen rund um ausgefallene Outfits, ein Rezept für Waschmittel aus Efeu sowie politische Statements, etwa zu Profitraten bei Jeans aus Massenproduktion. Aktuell erreichen die Posts knapp 290 Abonnenten. Der jüngste Einfall ist ein "Alphabet der Nachhaltigkeit", das mit Beiträgen zu Ananasleder, Biobaumwolle und Chemiefasern beginnt.

Keine Frage: "aWEARness" hat etwas zu sagen - auch und gerade in diesen Zeiten. Und wie geht’s weiter? Wird man sehen, antwortet Kern. Vielleicht eines Tages doch im eigenen Laden. Definitiv aber, so bald wie möglich, mit dem ersehnten Aktionswochenende.

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