Mittendrin und doch so fremd

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Die Erlebnisse der Arbeitsmigranten sind Teil der Gießener Stadtgeschichte. Das soll sich auch im neu zu konzeptionierenden Oberhessischen Museum widerspiegeln. Beim Besuch einer Veranstaltung mit Aleviten wird mir deutlich, wie viele Wissenlücken hier noch zu schließen sind.

Ich bin ein Kind der Nordstadt, aufgewachsen in den Siebziger- und Achtzigerjahren jenseits der Bahnlinie, dort wo eher bürgerliche Einfamilienhäuser als sozialer Wohnungsbau zu finden sind. Ich habe die Sandfeldschule besucht, später die Landgraf-Ludwig-Schule. Migranten gab es damals keine unter meinen Mitschülern, bis auf den Chilenen Manuel, der in der Mittelstufe in meiner Klasse war. Dass er aus einem anderen Land kam, spielte jedoch für uns keine Rolle.

Wenn ich heute in der Nordstadt unterwegs bin, begegnen mir viele Frauen mit Kopftüchern, Männer mit fremdländischem Aussehen. Wo wir uns früher von Friseur Gabin die Haare schneiden ließen, am Kiosk Lutscher kauften und im A&O unsere Einkäufe erledigt haben, hat heute der Alevitische Kulturverein sein Domizil. Wo in meinen Kindheitstagen die freundliche Frau Waffenschmidt an der A&O-Kasse saß, kann man heute Bulgur, Fladenbrot oder Baklava im türkischen Supermarkt kaufen.

Migranten in der Nordstadt

Die Nordstadt hat, zumindest im Bereich rund um die Sudetenlandstraße, in den letzten Jahren ihr Erscheinungsbild deutlich verändert, ist multikultureller geworden. Viele der Ende der Fünfzigerjahre aus Italien, Griechenland und der Türkei angeworbenen Gastarbeiter und ihre Familien haben sich hier niedergelassen. In den letzten Jahren kamen Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern oder buddhistische Mönche mit einem eigenen Kloster dazu.

»Wie war das eigentlich, als Sie in die Nordstadt kamen?«, will Georgia Rakelmann vom Verein Transit Gießen von den Migranten wissen und hat gemeinsam mit Stadtteilmanager Lutz Perkitny zum Treffen in den Alevitischen Kulturverein eingeladen. Sie hoffen auf Erfahrungsberichte, Fotos und Gegenstände gerade auch aus den Ankunftsjahren der Gastarbeiter, damit die Geschichte der Migranten in Gießen bei der Neukonzeption des Oberhessischen Museums berücksichtigt werden kann. Bislang fehlt dort nämlich alles aus den vergangenen 70 Jahren Stadtgeschichte. »Sie sind schon so lange Teil der Stadt, das soll sich endlich mal im Museum widerspiegeln«, begrüßt Lutz Perkitny die Teilnehmer der Veranstaltung, alles Mitglieder der Alevitischen Gemeinde.

Auch ich nehme die Einladung zu diesem Treffen an. Nicht nur aus Journalistenpflicht, sondern auch aus persönlicher Neugier. Ich hoffe auf Einblicke in jene mir unbekannte Parallelgesellschaft, die in den vergangenen Jahrzehnten die Nordstadt, »mein« Stadtviertel, so stark mitgeprägt hat und von deren Entwicklung ich doch so gut wie nichts mitbekommen habe.

Wohnheim in Lollar

Eines vorweg: Die Gastarbeiter der ersten Stunde kommen an diesem Abend nicht in den alevitischen Kulturverein. »Sie fürchten, dass sie die Sprache nicht gut genug können«, erklärt mir Lutz Perkitny. Und so sitzen nun dort ihre Töchter und Söhne, die einige Jahre später nach Gießen geholt wurden und hier, ohne zuvor ein Wort Deutsch zu können, zur Schule gegangen sind. Immer wieder erzählen sie davon, wie sie sich angestrengt haben, die Sprache zu erlernen.

»Wo haben die ersten Gastarbeiter gewohnt?«, »Was haben sie in ihren Koffern aus der Heimat mitgebracht?«, »Mit welchen Erinnerungsstücken haben sie ihre neuen Wohnungen bestückt?« – Georgia Rakelmann stellt viele solcher Fragen. Doch die Antworten kommen eher zögerlich. Senior Yazar hat Familienfotos mitgebracht. Sie zeigen ihn mit seiner Frau und drei Kindern. Solche Fotos habe man auch zur Verwandtschaft nach Hause, in die Türkei, geschickt.

Ein anderer Mann, sein Name ist Gazi, erzählt von seinem Vater, der in den Siebzigerjahren mit einem Freund aus der Türkei nach Mittelhessen gekommen war und die ersten Jahre, weit weg von seiner Familie, in einem Wohnheim in Lollar verbracht hatte. »Die haben gearbeitet und geschlafen, und dann wieder gearbeitet«, weiß Gazi aus den Erzählungen seines Vaters. Er habe bei Bosch in Lollar gearbeitet, in der Gemeinschaftsküche sei jeden Tag ein anderer Mann für das Kochen der Mahlzeiten zuständig gewesen. Gazis Vater hatte auch immer mal wieder seine Stimme auf Kassetten aufgenommen. Diese wurden dann zur Familie in die Türkei geschickt. Ein an die Wand projiziertes Foto zeigt ihn gemeinsam mit seinem Freund und auch auf dem Bett im Wohnheim liegend.

Auch die Kinder der Gastarbeiter, die später nachgeholt wurden, hatten einen schwierigen Start. Süleyman etwa erzählt, wie er Anfang der Achtzigerjahre nach Gießen gekommen ist und innerhalb eines Jahres Deutsch gelernt hat. »Zwei Jahre später habe ich meine Ausbildung als KFZ-Mechaniker angefangen.« Auch Yussuf, der als Elfjähriger nach drei Tagen Busfahrt in Lollar angekommen war, ist stolz, dass er es zu etwas gebracht hat: »Heute bin ich Bauleiter«, erzählt er. Fremd habe er sich gefühlt und als Außenseiter in der Schule, erinnert er sich an seine Teenager-Jahre.

Konkrete Erinnerungsstücke, also das, was einmal in einem Museum zu Gießens Migrationsgeschichte ausgestellt werden könnte, hat an diesem Abend kaum jemand mitgebracht. Eine Frau berichtet von einem Kupferkessel aus ihrer türkischen Heimat, der zum Verarbeiten von Schafsmilch genutzt wurde und nun in ihrer Wohnung als Blumentopf dient. Schmuckstücke sind keine mehr vorhanden. »Den Familienschmuck haben unsere Eltern verkauft, um die Reise nach Deutschland bezahlen zu können«, erzählt eine der Frauen im Saal. »Und was geben Sie heute in ihren Familien an ihre Kinder weiter?«, will Rakelmann wissen und ein Mann ruft: »Häuser und Grundstücke.«

Doch ein spektakuläres Schätzchen fürs Museum findet sich an diesem Abend doch noch. Es wird auch Teil der Ausstellung »12 mal Gießen« sein, die das Stadt[Labor] im April in der Kunsthalle zeigen wird. Es ist ein mit Permutteinlagen kunstvoll verzierter Schuhputzkasten, der in der Familie von Ali Ekinci seit Generationen weitergegeben wurde und nun in seinem Gießener Schuh- und Schlüsseldienstladen steht. 1975 sei er nach Deutschland gekommen, nur mit dem Nötigsten im Koffer, berichtet er. Als er dann in den Achtzigerjahren wieder einmal in der Türkei zu Besuch gewesen sei, habe er den Kasten seines Großvaters mit nach Gießen gebracht. Und aus dem Saal ruft einer in die Runde: »Gut geputzte Schuhe waren uns Türken immer sehr wichtig.«

Ein wenig ratlos fahre ich nach der Veranstaltung nach Hause. Ich ahne, dass ich nur einen winzigen Einblick in die mir fremde Welt direkt vor meiner Haustür bekommen habe. Dass außer den Offiziellen niemand ohne Migrationshintergrund im Saal saß, macht mich nachdenklich. Leben die Menschen in der Nordstadt nur neben- oder tatsächlich miteinander? Und sind die Erwartungen, dass eine Abteilung im Museum Entscheidendes verändern kann, nicht zu hochgegriffen? Ich weiß es nicht.

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